Stadtleben

Berliner Theater 2020


Und wie sieht das Berliner Theater in einem Jahrzehnt aus? Die gute Nachricht:
Es gibt noch Theater in der Stadt, es wird sogar noch subventioniert, wenn auch
längst nicht mehr so üppig wie heute. Die schlechte Nachricht: Claus Peymann
ist immer noch Intendant. Er leitet inzwischen sehr erfolgreich das kleine,
private Schloßpark-Theater in Steglitz und erklärt regelmäßig, Steglitz sei
ohnehin der einzige Bezirk in Berlin, in dem man leben könne, jenseits der
Bezirksgrenze beginne die kulturelle Wüste. Auf Peymanns Spielplan stehen
abwechselnd Boulevard-Reißer und Werke von Rolf Hochhuth (Peymann: „Hochhuth
ist der größte Dichter des Jahrhunderts!“), dessen Erben das Theater zur Hälfte
gehört. Dieter Hallervorden hat das Berliner Ensemble übernommen, langjährige
BE-Besucher versichern glaubhaft, es sei kein Unterschied zu Peymanns
BE-Zeiten  zu erkennen – nur das
Programm sei jetzt ein wenig anspruchsvoller. Armin Petras ist immer noch
Gorki-Intendant, sein einst jugendliches Publikum ist in Treue mit ihm
gealtert. Sein einziges Problem ist, dass er nicht weiß, welchen Roman er als
nächstes dramatisieren könnte – „ich habe doch schon alles gemacht.“  Matthias Lilienthal hat das Deutsche
Theater (HAU 4), die DT-Kammerspiele (HAU 5) und das Haus der Berliner
Festspiele (HAU 6) übernommen und bespielt nebenbei die inzwischen  von den Berghain-Betreibern zum
Kunst-Club umfunktionierte Ruine der Klaus-Wowereit-Kunsthalle, die durch
Baufehler schon vor der geplanten Eröffnung zur Hälfte einstürzte. Sämtliche
HAU-Aufführungen werden zeitgleich als Livestream im Internet übertragen.
Zahlreiche Kultur-Touristen vor allem aus den reichen Ländern (China,
Brasilien, Japan, Korea) buchen ihren Wochenendausflug nach Berlin zusammen mit
den HAU-Eintrittskarten über die HAU-Homepage. Inzwischen ist das die
wichtigste Einnahmequelle des Theaters. Was aus der  Volksbühne und aus der Compagnie von Sasha Waltz wird,
entnehmen Sie bitte dem vorderen Teil dieser Tip-Ausgabe. Den TIP gibt es
übrigens in 10 Jahren auch noch. Er ist 2020 die einzige Zeitschrift Europas,
die sich als schrulligen Luxus oder aus Gründen des Denkmalschutzes einen
eigenen Theaterkritiker leistet. 

Peter Laudenbach

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