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Berliner Wahlkampf im Selbstversuch – Teil 2

9. Juni: Auf meine Kosten, Teil 1
Anruf von der CDU. Ob ich nicht ein bisschen mehr als den Mindestbeitrag von fünf Euro zahlen könne? Ich hätte schließlich einen Job.

Immer noch 9. Juni: Im Wurzelwerk
Die Bundesgeschäftsführerin der Grünen schickt mir einen Packen mit meinem „Wurzelwerkzugang“. Das Wurzelwerk ist das Facebook der Grünen. Profile, Freundesanfragen, alles da. Toll umgesetzt, aber weder Renate Künast noch Joschka Fischer sind auffindbar. Dafür gibt’s Argumentationshilfen zu Themen wie A 100, Bildungspolitik und Gegnerbeobachtungen als Download.

10. Juni: Auf meine Kosten, Teil 2
Piraten-Post: Ich bekomme eine Mahnung. Bin bei den Beiträgen mit 24 Euro im Rückstand und ab sofort nicht mehr stimmberechtigt.

11. Juni: Genossen mit Stil
Kai Mühlstädt, mein Abteilungsvorsitzender von der Rosenthaler Vorstadt, schickt den Willkommensbrief und mein SPD-Parteibuch: knallrot mit Leineneinband, aufgeprägtem „SPD“-Schriftzug und Vorwort von Willy Brandt. Todschick. Könnte von Manufactum sein.

12. Juni: Auf meine Kosten, Teil 3
Mein CDU-Kreisvorsitzender Andreas Statzkowski heißt mich per Brief im Ortsverband City-Kurfürstendamm willkommen. Meinen Beitrag habe ich nicht erhöht. Geht also auch so.

15. Juni: Sigmar-Video und SPD-Toaster
Die SPD schickt nun auch meine SPD-Card in Kreditkartengröße. Zusätzlich dabei: eine CD für Neumitglieder mit Infos und einem Sigmar-Gabriel-Willkommensvideo, ein SPD-ABC, in dem Begriffe wie „Ochsentour“ und „Refo“ erklärt werden (steht für Reformsozialisten, einer Jusobewegung in den 70ern, und ein Scheckheft, mit dem ich mich unter anderem bei meinem Bundestagsabgeordneten in den Reichstag einladen darf. Außerdem kann ich mich jetzt in der SPD-Community anmelden und online einen SPD-Toaster (27 Euro) oder einen Plakataufsteller mit eigenem Foto (99 Euro) bestellen.

21. Juni: Der Regierende rät zur Geduld
Großer Bahnhof bei der PSD-Bank in Friedenau. Klaus Wowereit übergibt eine Spende der Bank an das Tiele-Winckler-Haus, eine diakonische Hilfseinrichtung. Am Rande spreche ich ihn an, diesmal als Journalist, der über Parteiarbeit schreibt. Mehr sage ich nicht. „Demokratie ist angewiesen auf Menschen, die sich in Parteien engagieren und viel Zeit opfern“, sagt der Regierende. „Natürlich kann Parteiarbeit in den Gremien auch zäh sein, da braucht man auch Geduld. Schließlich wird nicht jeder Vorsitzende, Bürgermeister oder Bundeskanzler.“ Meint er damit jetzt Renate Künast?

henkel_frank30. Juni: Ab jetzt wird richtig wahlgekämpft
„Ran an die Laternen!“ lautet in vielen Parteimails das Motto. Ab 30. Juli darf die Stadt zugepflastert werden, alle suchen Helfer. Weil die besten Masten immer schnell weg sind, will jeder der erste sein.

1. Juli: Echo eines Steuerfalls
Nach der Alkoholfahrt unseres Wahlkampfmanagers Andrй Stephan schlagen in der grünen Mailingliste die Emotionen hoch. Wichtigste Frage: Ist es schlimmer, besoffen am Steuer einzupennen oder hinterher Polizisten zu treten? Die Meinungen gehen auseinander.

17. Juli: Auf meine Kosten, Teil 4
CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe heißt mich auch im Namen Angela Merkels willkommen in der Partei. Meine Mitgliedsnummer: A0534017017. Mit dabei: die neueste Ausgabe des Union-Magazins und für mich als Leser ein Gutschein für eine VIP-Reise nach Dubai für „nur 699 Euro“. Eine Woche später kommt auch mein Mitgliedsausweis an, dekoriert mit dem Foto eines Adenauer-Porträts in Öl.

1. August: Die Liberalen im Keller
Die Mitgliederversammlung des FDP-Ortsverbandes Hackescher Markt findet im Gewölbekeller des Simon statt, eines eher biederen Restaurants in der schicken Auguststraße in Mitte. „Toilette oder FDP?“, fragt der Vorsitzende Nils Augustin, ansonsten ein Anwalt, jeden, der sich mit fragendem Blick nach unten verirrt.

Elf Mitglieder sitzen an einer langen Tafel. Zwei tragen Doktortitel, einer ein orangefarbenes Sakko. Die meisten trinken Bier oder Radler und sehen sogar ganz nett aus. Ein Online-Journalist einer Zeitung ist darunter, ein Musikhändler und mehrere Juristen. Die Umfragewerte der FDP sind auch im Keller. Mein Ortsverband hat sich für diesen Tag eine Politik-Redakteurin des „Tagesspiegel“ zum Vortrag eingeladen. Sie soll zwei Stunden lang erklären, warum die Partei in der Presse gerade so schlecht dasteht.

Das Fazit ist verheerend. Kurz gesagt glaubt sie, dass die FDP im Moment einfach alles falsch mache, was man falsch machen kann, und ihre liberalen Werte verraten habe. Es ist eine ziemlich kluge und launige Generalabrechnung, die aber nicht besonders gut ankommt. Hier glaubt man eher an eine Verschwörung der Medien. Die seien doch wohl entweder rot („Tagesspiegel“) oder schwarz („Welt“) und sowieso alle gegen die Liberalen, sagt der Mann im Sakko. Die Journalistin schaut da ein wenig ungläubig. Am Schluss zuckt sie nur noch hilflos die Schultern und sagt: „Ich beneide Sie nicht, denn im Moment würde ich mich nicht ums Verrecken hinter einen FDP-Stand stellen wollen.“

2. August: Irgendwie 1.0 im Kinski
Die Berliner Piraten debattieren nicht nur online, sondern treffen sich einmal die Woche ganz analog im Kinski in Neukölln. Plakate werden ebenfalls geklebt. Die finden zwar alle irgendwie 1.0, aber aufgehängt werden 20.000 Stück davon trotzdem.
Erst eine Stunde nach Beginn beginnt sich der Laden zu füllen. Bis dahin sitzt nur ein einsamer Nerd mit seinem Mac-Book in der Ecke und versucht zu surfen. Aber das W-Lan ist kaputt und im schlauchartigen Kinski bleibt der mobile Empfang mies. Eine kleinere Katastrophe, denn fast jeder, der nach und nach kommt, tippt entweder auf seinem Smartphone herum oder klappt ein Laptop auf.

Es ist ein lockerer Kneipenabend. Der Wedding-Kandidat gibt das Bier raus und zeigt irgendwann stolz seinen wasserdichten USB-Stick, den er am Band um den Hals trägt. Darauf sind seine persönlichen Daten gespeichert. Leider nicht die Getränkepreise. So kassiert er immer zu viel für Bier und Mate, die hier am besten gehen. Ansonsten gibt man sich revolutionär. Einer der Kandidat für Mitte freut sich bereits diebisch darauf, die anderen, etablierten Politiker im Abgeordnetenhaus ganz besonders zu brüskieren: Er will dort – falls gewählt – ungewaschen erscheinen.

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