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Berliner Wahlkampf im Selbstversuch – Teil 3

11. August: Die Niederungen der Parteiarbeit
Das Herz der Weddinger SPD schlägt heute abend beim Kroaten in Wedding. Die Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen vom linken SPD-Flügel (Leitmotiv: „Für Arbeit und soziale Gerechtigkeit!“) trifft sich im Hinterzimmer eines Grills in der Müllerstraße. Roter Filzteppich, hellgelbe Tischdecke, weiße Fenster-Gardinchen.

Sechs Genossen, alle um die 50, sitzen um einen schweren Holztisch in der Mitte des Raums. Die meisten haben ein Weizenglas vor sich. Nur Vera, eine zierliche Rothaarige im grauen Strickkleid um die 50, die neben mir sitzt, trinkt Tee. Ihr Empfang ist herzlich, sie nimmt mich gleich unter ihre Fittiche und organisiert eine Vorstellungsrunde. Zwei arbeiten bei Verdi, einer in der Verwaltung, einer ist Lehrer. Fast alle haben eines oder mehrere Partei-Ämter und sind seit Jahrzehnten in der Partei. Vera kandidiert außerdem für die BVV und engagiert sich für Frauenrechte.

wahlkampfDer Wahlkampf ist natürlich das große Thema. „Ich denke wir sollten als Afa alle unsere Kandidaten unterstützen. Egal ob rechts oder links“, sagt einer im Karohemd. Es hört sich nicht so an, als ob das selbstverständlich wäre. Dann werden Termine von Wahlkampfständen, Straßenfesten und Kampagnen besprochen. Alle zücken dicke Taschenkalender. Smartphones hat keiner. Es gibt eine Plakatkritik („Irgendwie zu sehr 50er“) und Wowi-Lob: „Der macht das schon.“

Als es gegen Ende um das nächste Treffen geht und kein gemeinsamer Termin gefunden wird, weil alle ständig andersweitig in andere Treffen, Ausschüsse und Versammlungen eingebunden sind,  entwickelt sich eine Diskussion über die Belastung der Parteiarbeit. Darüber, dass es immer die Gleichen wären, die Verantwortung übernehmen, man ständig bis spät in die Nacht Debatten führen müsse und kaum noch Zeit für Privates bleiben würde. „Da ist es doch kein Wunder, dass Berufspolitiker tablettensüchtig oder Alkoholiker werden“, wirft einer ein. Am nächsten Tag ist eine Demo gegen die NPD.

Mir wird zum ersten Mal wirklich klar, wie viel Energie hier alle für ihre ehrenamtliche Arbeit einsetzen, mit der sie am Ende unsere Demokratie am Laufen halten, und wie wenig Anerkennung und Dankbarkeit es im Alltag dafür gibt. Und wie viel Häme.

Erste Augusthälfte: Es wird heiß
Der Wahlkampf kommt jetzt auf Touren. Dutzende Terminmails, täglich. Meist mit Links zum Onlinekalender: „Bitte tragt euch ein.“ Kandidaten, Wahlkampfmanager und Generalsekretäre suchen Helfer, die Plakate aufhängen, Flyer verteilen, an den Ständen ausharren. Grüne und CDU laden zum sogenannten „Canvassing“ – Kunden- und Stimmenfang auf Marktplätzen und vor Einkaufscentern. Immer wieder werden auch Links zu Online-Votings oder Debatten rumgeschickt, damit man für den eigenen Kandidaten abstimmen kann.

14. August: CDU-Oase am Alex
In der Alex-Oase, in der mir Frank Henkel gleich auf die Schulter hauen wird, ist der Zutritt nur für Mitglieder gestattet. Eigentlich. Doch die Jungs von der Jungen Union, die den Türsteher-Dienst am Einlass übernommen haben, nehmen es mit der Gästeliste nicht so genau. Vor mir kommen zwei ältere Damen ohne Anmeldung rein, bei meinem Namen schauen die Jungs erst gar nicht auf die Liste.

Die Oase ist ein Biergarten, eingezwängt in die Lücke zwischen Park-Inn-Hotel und Straßenbahngleisen. Der Alex sieht hier aus wie West-Berlin. Was den meisten vielleicht hilft, sich heimisch zu fühlen. Jeder erhält ein blaues Bändchen. Darauf steht: „CDU – ich bin dabei.“ Damit gibt’s gleich billig Bier und Würste. Drinnen spielt eine Zweimann-Band „I Never Promised You A Rosegarden“.

200 CDU-Mitglieder sitzen auf Bänken und finden, dass Berlin einfach mehr kann. So steht es hinter der Sängerin auf der Bühne, auf der Frank Henkel gleich seine Rede halten wird. Die meisten sind weit über 50. Nur neben mir gibt es einige Jungs in marineblauen Jackets mit auf Karriere gegelten Haaren.

Ich setze mich mit einer Frau, die ich gerade am Getränkestand getroffen habe, zu weiteren Damen des Ortsverbandes. Meine neue Bekanntschaft ist gerade aus Baden-Württemberg nach Spandau gezogen. Am Tisch sagt jemand: „Gerade noch vor Kretschmann geflohen.“ Baden-Württemberg geht es ja gerade wie Berlin vor zehn Jahren. Die CDU hat die Macht verloren. Und das empfindet man hier als persönliche Beleidigung.

Bevor Frank Henkel vorne seine Rede beginnt, gibt mir eine meiner Nachbarinnen einen Einblick in die Seele der Partei. Sie war lange in Tempelhof Abgeordnete in der Bezirksversammlung. Aber irgendwann habe sie es nicht mehr ausgehalten, dass dort das Geld immer nur für Schwulen- und Lesben-Projekte ausgegeben worden und dann nichts mehr für die Musikschulen übrig gewesen sei.

Ich finde Musikschulen ähnlich wichtig wie Schwulenprojekte, kann ihren Frust aber trotzdem ein bisschen verstehen.

25. August: Der Besen-Plakattrick
wahlenLukas* hat ein klares Weltbild. Wir sitzen seit zwei Stunden im Auto, touren durch Mitte, hängen Plakate der Berliner Sozialdemokraten auf. Wenn uns jemand in die Spur einfädeln lässt oder einfach nett guckt, dann sagt er: „Der wählt sicher auch SPD.“

Er hat gestern die Plakate auf Holzbretter gekleistert. Jetzt liegen die Dinger hinten im Kofferraum. Zwei mal 16 Stück von unseren beiden Spitzenkandidaten für die Wahl zur Bezirksverordnetenversammlung. Eine davon ist Vera, mein SPD-Willkommensbeistand zwei Wochen zuvor beim Kroaten, Vera Morgenstern. Wir übernehmen das mittlere von drei Gebieten, die heute beklebt werden. Rund um die Torstraße, vom Rosenthaler Platz bis zur Gartenstraße in Mitte. Die ungefähren Standorte hat unser Wahlkampfmanager auf einer Google-Karte markiert und mir morgens in die Hand gedrückt. Mein Team ist zu viert, im Kofferraum liegen Leiter, Zange und Kabelbinder. Und ein Besen. Damit schiebt man die Plakate von unten hoch und muss nicht immer die Leiter auspacken. Kleiner Trick unter Wahlkämpfern. Das macht vieles einfacher. Schwieriger ist, dass die meisten Pfosten drei Wochen nach Beginn des Wahlkampfs längst belegt sind. Verkehrsschilder sind tabu. Ich muss mich aber beeilen – weil ich gleich noch bei den Grünen im Einsatz bin.

Immer noch 25. August: Wahlkampfquickie а la Obama
Alessa, die mir schon meinen Willkommensbrief geschickt hat, kandidiert in Wedding auch fürs Abgeordnetenhaus und verteilt heute Flyer für ein Kinderfest Anfang September. Eine Helferin hat abgesagt. Deshalb ziehen wir zu zweit los, kleben mit Tesafilm kleine Zettel an Laternen, Papierkörbe und ihre eigenen Wahlplakate. Nach einer halben Stunde hat sie einen anderen Termin, wir brechen ab.

Ich verspreche, stattdessen in ein paar Tagen mit ihr in den Häuserkampf zu ziehen. Die Grünen testen ein System, mit dem Obama die US-Wahl gewonnen haben soll. Möglichst viele Helfer und Kandidaten verteilen persönlich Flyer an den Haustüren. Ohne viel zu argumentieren. Nur freundlich „Hallo“ sagen und abgeben. Schnell rein und wieder raus. Eine Art Wahlkampfquickie. Damit man erfährt, ob das auch etwas nützt, wird das Ganze evaluiert – wir verteilen nicht nur Flyer, wir führen auch Buch, ob sie jemand haben will und ob er freundlich darauf reagiert. Später wird das mit den Wahlergebnissen verglichen. Sechs Mann sind mit Alessa im südlichen Wedding unterwegs. Um ins Haus reinzukommen, sagen wir unten „Reklame“ in die Gegensprechanlage, das geht schneller. Drinnen fängt einer von oben, einer von unten an: „Guten Tag, am 18. September wird in Berlin gewählt, Alessa Bergenkamp kandidiert für die Grünen hier im Kiez. Darf ich Ihnen eine kleine Wahlinfo von ihr dalassen?“ Zehn Minuten braucht man so für einen der vielen Sozialbauten im Kiez. Von der Wahl haben hier nur wenige gehört. Doch die meisten hier freuen sich über den kurzen Besuch. Außer ein Hausmeister: „Ich wähle gar nicht. Oder wenn, nur die NPD.“

26. August: Linke Kistenschlacht
Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. Aber auf den ersten Blick sieht das, was die sechs Mitglieder meiner Lichtenberger Linkspartei-Ortsgruppe vor dem Eingang des Allee-Centers treiben, genau danach aus. Ein gutes Dutzend rot bemalter Umzugskartons steht auf dem Platz und soll jetzt übereineinander gestapelt werden. Doch hier sind nicht die alten Kader zugange. Es ist die vielleicht jüngste Linken-Gruppe Berlins, alle um die 30 und sehr locker. „Das ist aber nicht typisch“, sagt Tina*, eine Genossin im Sommerkleidchen. „Der Durchschnitt unserer Mitglieder ist hier eher um die 70.“

Jede Kartonreihe steht für bezahlbare Mieten, ausreichende Renten, Arbeitslosengeld, Mindestlöhne. Das „soziale Berlin“, wie es der Linkspartei vorschwebt. Tina hat in Heimarbeit weiße Buchstaben ausgeschnitten, die wir als Claims auf die Kisten kleben. Doch durch die Plattenbauten pfeift der Wind so stark, dass die Kistenreihen einfach nicht stehen bleiben. Die Mauer fällt und fällt.

So richtig lohnt sich der Aufwand ohnehin nicht. Obwohl wir auch noch Linke-Brillenputztücher (Slogan: „Ist doch klar“), Bonbons in Herz-Form („Die Linke – mit Herz und Verstand“) und Pfefferminz („Frische Ideen und langer Atem“) verteilen. Es ist einfach zu wenig Betrieb am Alee-Center. Wenn doch mal jemand kommt, dann ist er meistens über 70 und längst auf unserer Seite: „Hab ick doch schon zu Hause“, heißt es dann mit einem Augenzwinkern, wenn man eine Parteizeitung hinhält. „Bin doch ooch Genosse.“

31. August: Am Stand der letzten Hoffnung
wahlkampf fdpPer Rundmail sucht die FDP dringend Helfer an den Wahlständen. „Allen Zweiflern und Bedenkenträgern sei gesagt. Es lohnt sich! Die Bürger sind nicht immer nett zu uns. Aber sie wollen mit uns reden.“ Gegen den Rat der Tagesspiegel-Kollegin stehe ich also vier Wochen nach dem skurrilen Keller-Abend im Simon hinter einem Stand der FDP an der Friedrichstraße. Ich bin einer der ersten am Treffpunkt. Nils Augustin ist auch wieder da, er lädt gerade die Stand-Utensilien aus einem Dreier-BMW Cabrio: kleiner Aufklapp-Tisch, Sonnenschirm und kistenweise Flyer. Ich bekomme gleich den Scheißjob und hole Wasser für den Plastik-Schirmständer. Gar nicht so leicht, hier mitten auf der Friedrichstraße. Aber bei Eon, vor deren Berlin-Zentrale wir stehen, gibt es noch FDP-Freunde.

Nach und nach trudeln weitere Helfer und die Kandidaten für Bezirk und Abgeordnetenhaus ein. Maren Jasper-Winter kandidiert fürs Stadtparlament und kommt mit dem Fahrrad. An den Gepäckträger hat sie ein FDP-Schild geklebt: „Wow, wird das nicht gleich kaputtgemacht?“, fragt einer ungläubig. Aus einem blauen Müllsack zaubert Nils einige Hundert blau-gelbe Spülschwämme mit Aufdruck „Effektiver als Weichspülen“. Er ist ein bisschen nervös, weil sich ein TV-Team angekündigt hat – wahrscheinlich auf der Suche nach ein paar verzweifelten Liberalen.

Ich bin auch nicht gerade tiefenentspannt, weil ich Angst habe, dass mich heute abend jemand im Fernsehen als FDP-Helfer entdeckt, und stürze mich lieber auf die Passanten. Bald begreife ich, warum Straßenwahlkampf als eher ungeliebte Königsdisziplin gilt. Man braucht eine dicke Haut. Nicht, weil man beschimpft wird, sondern wegen der Verrückten. Die bleiben gerne stehen und freuen sich, dass man nicht weg kann. Der Erste erzählt mir was über Naturreligionen, der Nächste über ein Wirtschaftssystem,­ das von der Natur bestimmt wird, und der Dritte wird von irgendwem verfolgt. Wenn mal kein Verrückter kommt, verteile ich wacker Flyer und Schwämme. Viele gehen aber mit entsetztem Kopfschütteln vorbei, einer ruft: „Ihr solltet euch schämen.“

Ich schnappe mir ein teuer gekleidetes Pärchen, das vorbeischlendert. Mein Auge trügt nicht. Er ist ein treuer FDP-Wähler, überlegt diesmal aber, zu Hause zu bleiben. Aus Enttäuschung und zur Strafe, weil die FDP die Steuern nicht wie versprochen gesenkt hat. Ich wende ein, dass man den Linken doch deshalb nicht die Stadt überlassen dürfe. Das überzeugt ihn. Er verspricht, nochmal nachzudenken. Als er für seine Freundin einen Schwamm einsteckt, bin ich sicher: zwei Stimmen für die FDP gerettet.

Wegen des Fernseh-Teams kommt auch der Berliner Spitzenkandidat Christoph Meyer an den Stand, verteilt für die Kamera ein paar Flyer. „Jetzt alle total optimistisch gucken“, ruft Nils, bevor die Kamera läuft, als würde uns das über die Fünfprozenthürde bringen.

5. September: Endspurt rund um die Uhr
Die Grünen veranstalten am Rosenthaler Platz einen Drei-Tage-Stand rund um die Uhr und fragen an, ob ich nicht eine der Nachtschichten ab zwei Uhr übernehmen könne. Auch die SPD sucht Unterstützung für eine 24-Stunden-Aktion. Für mich aber ist der Zeitpunkt gekommen, auszusteigen. Dabei habe ich mich gerade an den ständigen Mail-Flow in meinem Postfach gewöhnt, meine Familie hat sich auch auf die vielen Abend-Termine eingestellt. Und ich habe das familiäre Selbstverständnis, das mir in allen Parteien entgegenschlug, zu schätzen gelernt.

Ich frage mich, warum wir alle so ein unpersönliches Verhältnis zur Politik haben. Wir sind stolz, wenn wir eine kleine Band im Club um die Ecke entdecken, die noch keiner kennt, würden aber nie versuchen, ein politisches Talent zu finden, bevor es in der „Tagesschau“ auftaucht.

Frank Henkel hatte schon Recht. In eine Partei einzutreten, ist eine gute Entscheidung. Es lohnt sich, seine Abgeordneten kennenzulernen, sich in Hinterzimmern durch die Nächte zu debattieren und ein paar Wochen lang auf Laternen zu klettern.
Nur ein Problem habe ich noch. Was ich am 18. September wählen soll, weiß ich trotzdem nicht.

* Die Namen aller einfachen Parteimitglieder sind geändert.

Foto: Björn Trautwein

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