Stadtleben

Berliner Wahlkampf im Selbstversuch

wahlen_2011Es ist ein schwüler Sonntagnachmittag, als mir Frank Henkel aufmunternd auf die Schulter schlägt und sich aufrichtig freut: „Man trifft ja viele Entscheidungen im Leben, sagt der Berliner CDU-Vorsitzende zu mir, aber das war sicher eine der besseren. Gerade habe ich mich ihm als neues Parteimitglied vorgestellt.

Was Henkel allerdings nicht weiß: Ich bin nicht nur in die CDU eingetreten, sondern auch in die SPD, die FDP, die Linkspartei, bei Bündnis 90/Die Grünen und den Piraten. Vier Monate lang spiele ich den Parteisoldaten im Wahlkampf. Ich will wissen, wie es sich anfühlt, ein Teil von denen zu sein, die in den Nachrichten immer nur als Basis vorkommen. Will die kennenlernen, für die Politik mehr ist, als alle paar Jahre ein Kreuzchen zu machen und sich ansonsten nur über das Ergebnis aufzuregen. Am Ende werde ich mit den Linken eine Mauer gebaut, mit der CDU Bier getrunken und der FDP zwei Stimmen gesichert haben. Meine Recherche wird mir sogar ein richtiges Parteiamt einbringen.

15. Mai: Ich will hier rein
In einer einzigen Partei Mitglied zu werden ist einfach. Online geht das überall mit einem Klick. Danach füllt man meistens noch ein Formular aus, das man persönlich unterschreibt und per Post zurücksendet. In sechs Parteien einzutreten ist dagegen ein bisschen schwieriger. Denn alle schließen Doppelmitgliedschaften generell aus – selbst unter Koalitionspartnern. Ich behelfe mir mit einem Trick, schicke alle Briefe gleichzeitig ab und bin damit formal parteipolitisch jungfräulich. Dann heißt es: warten.

Immer noch 15. Mai: Die Partei der Besserverdienerwoller
Die FDP reagiert postwendend – mit einer Bettel-Mail. Nachdem die Liberalen knapp zum Eintritt gratuliert haben, wollen sie mir „als besonderen Service“ sofort ein „Premium-Info-Paket“ andrehen. Darin enthalten: drei Monate lang aktuelle Infos zur Arbeit der Liberalen, das Grundsatzprogramm der FDP, das Strategiepapier des Bundesvorsitzenden, neue Werbemittel, ein Buch, ein Postkarten-Set. Auch Einladungen zu besonderen Veranstaltungen. Das alles „für einen freiwilligen Beitrag ab 50,00 Ђ“. Dabei zahle ich schon acht Euro Mindestbeitrag im Monat. Teurer ist keine andere Partei.

18. Mai: „Disput“ gratis von den Linken
Die Linkspartei ist nicht nur am preiswertesten (ab zwei Euro Monatsbeitrag), sie schickt auch den schnellsten Brief. Ich bin ab sofort Mitglied. Martin Harnack vom Bereich Parteientwicklung verspricht, dass sich mein Kreisverband – Lichtenberg – bald meldet. Ich bekomme auch drei Ausgaben der Parteizeitschrift „Disput“. Gratis.

20. Mai: Sozialdemokratische Duz-Maschine
Post vom SPD-Landesvorsitzenden Michael Müller. Ich bin drin und werde nach dem Wohnortprinzip der Abteilung 01/01 Rosenthaler Vorstadt zugeordnet. Ab sofort darf ich Wowereit, Gabriel und Helmut Schmidt duzen. So läuft das bei den Genossen. Beigelegt ist ein Bittbrief vom Landeskassierer, ob ich nicht für Wowereits Wahlkampf Geld spenden will.

25. Mai: Die grüne Welle
Auch Alessa Berkenkamp, bei den Berliner Grünen für die Neumitglieder zuständig, heißt mich willkommen. Sie schickt mir eine Übersicht über die grünen Arbeitsgemeinschaften in Berlin: von den „Bündnisgrünen ChristInnen“ bis zu „QueerGrün“. Nach „Herzlich-grünen Grüßen“ pumpt sie mich außerdem auch um ein paar Euro Parteispende an. Die sei auch von der Steuer absetzbar. Einen Mitgliedsausweis bekomme ich nicht.

2. Juni: Piraten-Entfaltung
Der Mitgliederbeauftragte der Piraten beschert mir per Post meinen ersten Mitgliedsausweis. Gelbgrau mit einer Deutschlandkarte und in Scheckkartengröße. Ich bin Mitglied Nummer 14.613 und ab sofort berechtigt, „mich meines Verstandes zu bedienen und mich frei und ohne Kontrolle zu entfalten“. Steht zumindest darauf.

7. Juni: Mein Amt aus dem Fahrradhelm
Die Mitglieder der Grünen in Mitte treffen sich im Rathaus Tiergarten zur Versammlung. Ich hoffe, dass ich auch ohne Mitgliedsausweis reinkomme. Andreas* sitzt am Eingang und schaut auf seiner Liste nach. Mein Name steht drauf. Mitgliedsausweise gäbe es ohnehin nicht, lerne ich. „Die Grünen sind nämlich eine Nichtparteienpartei.“ Das sagt er ironisch genug, dass man ahnt, wie lange es her sein muss, als dieser Satz noch wahr war.

Gut 30 Leute, die Hälfte Männer, die Hälfte Frauen, sitzen im Halbrund. Viele verstauen Fahrradhelme unter den Bänken, einer einen taz-Rucksack. An diesem Tag sind noch Posten zu besetzen – Vertreter für die kommenden Bundes- und Landesdelegiertenkonferenzen. Während der letzten Versammlung waren den Grünen die Wahlzettel ausgegangen, deshalb wird jetzt nachgewählt. Am Eingang gibt’s einen Abreißblock mit Stimmzetteln. Bei der ersten Wahl (Stimmzettel Nr. 24) treten vier Kandidaten für drei Plätze an. Eine Frau ist Sportlehrerin. Eine andere trommelt in der Sambatruppe. Zwei weitere Kandidaten sind nicht da. Ein Fahrradhelm wird als Wahlurne herumgereicht.

Vier Stichwahlen und vier Zettel dauert das Ganze, dann ist zumindest die Sportlehrerin gewählt. Der nächste Wahlgang verläuft ähnlich. Einmal wird ein Kandidat, der neu im Bezirk ist, als früheres DKP-Mitglied geoutet. Er fällt dann auch durch und holt sich erst mal ein Frustbier aus dem Rucksack. Eine gute Stunde später, bei der vierten oder fünften Wahl, werden die Kandidaten knapp. Ich entschließe mich spontan, selbst anzutreten. Gesucht wird noch ein Stellvertreter für die Landesdelegiertenkonferenz. Ein Posten ohne Risiko, wie man mir versichert, außer wenn mehrere Delegierte krank werden.
Ich war nie in der DKP, bin aber trotzdem plötzlich nervös. Mich kennt ja keiner. Ich stammele ein paar Worte zur Vorstellung. Als es losgeht, schreibe ich vorsichtshalber selbst meinen Namen auf Zettel Nr. 37. Nicht, dass ich gar keine Stimme bekomme. Doch ich bekomme 19 von 27 Stimmen. Mein erstes Parteiamt. Später erklärt mir Andreas meinen mich selbst überraschenden Sieg so: „Wer neu ist, hat sich eben noch nicht so viele Feinde gemacht.“

* Die Namen aller einfachen Parteimitglieder sind geändert.

Foto: Björn Trautwein

Den vollständigen Text lesen Sie in der tip-Ausgabe 20/2011 ab Seite 14.

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