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Stadtleben

Wohnungsbaugesellschaften fördern Kiezprojekte

Ahrensfelder-TerrassenEs trennt sie nur ein guter Kilometer. Doch die Unterschiede könnten größer kaum sein. Hier die Carl-Friedrich-Zelter- Hauptschule auf dem südlichen Ende der Wilhelmstraße. 200 Schüler, 80 Prozent mit ausländischen Wurzeln. Dort die Komische Oper in der Behrenstraße. Kronleuchter, samtene Vorhänge, Sinfonien und Streichkonzerte.

Alle zwei Wochen prallen diese beiden Kulturen aufeinander. 30 tuschelnde, zappelnde Achtklässler stehen dann im neobarocken Treppenhaus der Oper und warten auf Theaterpädagogin Anne-Kathrin Ostrop, die sie in eine für sie neue Welt entführt – die des Musiktheaters. Im Rahmen ihres Musikunterrichts singen sie, beobachten die Bühnenbauer hinter den Kulissen, spielen ein Opernstück nach, diskutieren über die Rollen. Und sie lernen, mal mucks­mäuschenstill zu sein. Dann, wenn im Hintergrund Arien geübt werden. Oder wenn sie eine Vorstellung sehen. Im Dezember waren die Schüler in „La Bohиme“. Es war für alle die erste Oper. Das Projekt „Abenteuer Oper!“ wurde initiiert und fi­nan­ziell unterstützt von der Wohnungsbaugesellschaft Gewo­bag. Sie hat im Kreuzberger Mehringkiez, wo sich die Carl-Friedrich-Zelter-Schule befindet, besonders viele Bestände. „Wir möchten in unseren Quartieren Verantwortung übernehmen und positive Akzente setzen“, sagt Unternehmenssprecher Volker Hartig.

Zum Beispiel, indem das Unternehmen sozial benachteiligte Kinder an das kulturelle Berlin heranführt. Kinder wie den 15-jährigen Aytug, der mit acht Geschwistern in der Wilhelmstraße wohnt und gerade die achte Klasse wiederholt. Im Workshop interessiert er sich besonders für Bühnenbau und kann sich vorstellen, später Schreiner zu werden. Oder Cihan vom Halleschen Tor. Er gilt als extrovertierter Problemschüler, jemand, der gerne stört. Der Klassenclown. In Musik steht er auf 4. Die Note, das hat sich der 14-Jährige vorgenommen, soll sich in diesem Schuljahr durch das Opernprojekt verbessern, auch wenn er mit klassischer Musik und Operngesang nicht viel anfangen kann. „Die Aufführung war langweilig. Ich bin eingeschlafen“, erzählt er abgeklärt. Wenn Cihan aber von der Bühnentechnik erzählt, dann leuchten seine Augen: „Wir waren sogar unter der Drehbühne.“

Für Schulleiter Robert Hasse ist das Projekt vor allem eine berufsvorbereitende Maßnahme. „Inzwischen interessieren sich einige Schüler schon für ein Praktikum an der Oper“, erzählt er. Hasse ist dankbar für das Engagement der Gewobag. Er weiß, dass solche Projekte nicht selbstverständlich sind. Vor allem nicht an einer Hauptschule in seinem Kiez. Dass es sein Haus geworden ist, sei kein Zufall gewesen. Die Carl-Fried­rich-Zelter-Schule gilt bereits als Vorzeigehauptschule. Eine, die großen Wert auf Berufsvorbereitung und Praktika legt; die Anzahl der Schüler mit Ausbildungsplatz liegt über dem Durchschnitt. „Die Projekte und die Wohnungsbaugesellschaft suchen sich ganz bewusst die Schulen aus, mit denen sie noch etwas Gutes hinkriegen“, glaubt Hasse.

Etwas Gutes hinkriegen – für städtische Wohnungsbaugesellschaften wie die Gewobag bedeutet das die Aufwertung eines strukturschwachen Quartiers, Mieterbindung und Leerstandsbeseitigung. „Wir wollen Konflikte in unseren Quartieren vermindern, ein besseres Wohnumfeld schaffen. Und natürlich mehr Mieter“, bestätigt Hartig von der Gewobag. Wie die anderen Wohnungsbauge­sell­schaften vollzieht sie den Spagat zwischen Quartiersmanagement und dem Erwirtschaften von Rendite. Der Senat verlangt beides von seinen städtischen Wohnungsunternehmen. Freiwillig übernehmen sie deshalb Aufgaben, für die sie im ursprünglichen Sinne nicht zuständig sind: Sie bieten kostenlose Deutschkurse an, organisieren Schuldnerberatungen für ihre Mieter, gründen Sportclubs und leiten Kochkurse. Projekte, mit denen über den Umweg der nachhaltigen Quartiersentwick­lung zusätzliche Profite ent­stehen sollen. „Stadtrendite“ nennen sich diese schwer zu berechnenden Einnahmen. Mit Sozialromantik haben die Förderungen also wenig zu tun.

Während Cihan und Aytug in Mitte hinter die Kulissen der Oper schauen, wird weiter östlich im Lichtenberger Theater an der Parkaue gebastelt und gemalt. Jedes Jahr in den Winterferien findet hier, direkt an der Grenze zu Friedrichshain, die Winterakademie statt. In zehn verschiedenen „Laboren“ arbeiten Kinder und Jugendliche zwischen acht und 16 Jahren eine Woche lang an einem Bühnenprogramm.
Lilith ist eine der jüngsten im Projekt. Zusammen mit neun anderen Kindern hat die Achtjährige verschiedene Menschen in Berlin im Alltag beobachtet und dann mit schwarzem Edding auf Papier gezeichnet. „Die Zeichnungen haben wir groß­kopiert“, erzählt sie. Jetzt hängen sie lebensgroß im Theater, von den Kindern mit Namen und ganz individuellen Geschichten versehen.

Auch dieses Projekt wird mitfinanziert von einer Wohnungsbaugesellschaft. Die Ho­wo­ge (die gerade im Zusammenhang mit Bauplanungsaufträgen an die Firma des Abgeordneten Ralf Hillenberg einigen Ärger hat – siehe Interview in tip 7/2010, Seite 16) hält eine enge Partnerschaft mit der Parkaue, sie unterstützt Kindervorstellungen und vergibt vergünstigte Familienkarten an ihre Mieter. Die Förderungen sind vor allem für die Menschen in den Quartieren der Howoge gedacht. Doch auch viele Mieter aus den angrenzenden Bezirken nehmen das Angebot wahr. Lilith kommt eigentlich aus Mitte, nähe Torstraße. Ihre Mutter hat sie angemeldet, schon das dritte Mal. Weit weg ist die Parkaue gleich in der Nähe des Frankfurter Tors schließlich nicht. So schwappen positive Impulse von attraktiven Bezirken wie Mitte oder Fried­richshain auf benachbarte Quartiere über, deren Struktur weniger stark ist.

So wie der Kreuzberger Mehringplatz und das östliche Lichtenberg von ihrer Nähe zu In­nen­stadtbezirken profitieren, zehrte auch das Weddinger Brunnenviertel von der Nähe zum Bezirk Mitte. Die Bernauer Straße teilt die Brunnenstraße in Szene und Problemkiez. Als 2005 die Wohnungsbaugesellschaft Degewo das Modefestival Wedding Dress gründete, kam neues Leben in die schwierige Gegend um den U-Bahnhof Voltastraße. „Wir gaben jungen Modeschöpfern in leer stehenden Gewerberäumen eine Plattform für ihre Entwürfe“, sagt Michael Zarth von der Degewo. „Ein Kiez, der sonst nur Negativschlagzeilen machte, entwickelte sich plötzlich zum publikumsstärksten Ort der Fashion Week.“ Manchen, denen die Mieten im benachbarten Mitte zu teuer geworden waren, zogen mit ihren Ateliers ein paar Blöcke weiter nach Norden, in die Bestände der Degewo. Ein Erfolg für die Wohnungsbaugesellschaft. Das Festival Wedding Dress zeigt außerdem, dass Stadtrendite nicht nur durch Quartiersarbeit und soziale Projekte, sondern vor allem durch ein besseres Image erzielt werden kann. Ein Faktor, der sich zwar schlecht messen lässt, aber viel Macht hat. Spürbar ist er nicht nur im Brunnenviertel, sondern zum Beispiel auch im Reuterkiez in Nord-Neukölln, ein Quartier, das sich in den letzten Jahren rasch entwickelte. Wenn das Leben in sozialen Brennpunkten plötzlich angesagt und attraktiv wird und neue Bewohner für frische Impulse sorgen, wird ein Kiez durch den Imagewandel schneller aufgewertet, als es teure Projekte vermögen.

haushochVielleicht hatte das die Degewo im Hinterkopf, als sie im Jahr 2007 das Designbüro Haushoch Berlin mit kostenlosen Büroräumen in Marzahn unterstützte. Dort, in einem leer stehenden Atelier und unter der Regie der drei jungen Frauen Alexandra Bald, Ana Lessing und Esra Rotthoff, entstand das Magazin „Marzahn“ – ein Heft voller Fotos von Menschen, echten Marzahner Originalen. Von Plattenbauten, Häuserschluchten, Schrankwänden und Sammeltassen. Fotos, die den Randbezirk mit allen seinen Ecken und Kanten porträtieren. Ein Designportfolio für die Designerinnen, für die Stadt ein wünschenswerter frischer Blick auf den Bezirk. „Marzahn“ schlug ein, gewann mehrere Designpreise, die Idee wurde fortgeführt. 2008 erschien „Der Wedding“ mit ähnlichem Konzept, 2009 schließlich das Heft „Charlottenburg“. Auch den Wohnungsbau- Gesellschaften gefiel das Heftkonzept, und sie stellten jeweils für ein Jahr die Büroräume im Wedding und in Charlottenburg zur Verfügung. „Die Wohnungs- Unternehmen haben ja auch mit bestimmten Klischees zu kämpfen und sind froh, dass vor Ort mal etwas Positives passiert“, erklärt Esra Rotthoff. „Natürlich versprechen sich die Unternehmen auch etwas davon, wenn sie uns unterstützen“, sagt Ana Lessing, „inhaltliche Absprachen oder Zensur gibt es aber nie.“
Wenn junge Kreative einen Bezirk entdecken, dann klingt das Erfolg versprechend für die Entwick­lung der Gegend. So Erfolg versprechend, dass sich inzwischen Stadtteile um eine Aufnahme im „Haushoch“-Magazin regelrecht bewerben. Eine güns­tigere Imagekampagne gibt es ja kaum.

Text: Antje Binder
Fotos: Thomas Uhlemann/Berliner Kurier, Oliver Wolff, Judith Triebel


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