Stadtleben

Berlinerinnen

Berlinerinnen, die ich kenne, sind keine normalen Frauen. Sie sind härter und kompromissloser als jede bundesdeutsche Durchschnittsbürgerin. Sie haben Eier aus Stahl, und sie sind in der Lage, auch schwierigste Jobs zu managen. Manche legen hoch­schwan­ger, mit knapp einem Meter Bauchumfang, als Techno-DJ im Club auf. Andere schrecken nicht davor zurück mit Miniband im Vorprogramm von Scooter durch ganz Deutschland zu touren. Kein leichter Job, wie ich feststellen konnte.

Per SMS bestellt  mich die Freundin zum Konzert in Berlin. Ein untersetzter Mittdreißiger begrüßt Eintreffende schon vom Parkplatz aus mit dynamischen Faustbewegungen. Aus seinem Au­­­toradio tönt Scooters „Dööp, dööp, dööp“ („Maria – I Like It Loud“). Hunderte Fans warten vor der Columbiahalle, darunter junge Frauen mit Kunstlederhandtaschen, einige H.P.-Baxxter-Look­alikes und jede Menge Männergruppen mit kurz geschorenem Haar. Wegen der Jungs neben mir und deren Gespräch über einen gewissen Ronny (Zitat: „1,5 Jahre Knast für bewaffneten Raubüberfall“) verging die Wartezeit wie im Flug.

Im Innern der Columbiahalle befinden sich mindestens 3000 Leute, als die Freundin die Bühne betritt. Die Show ist gut, doch das Scooter-Publikum kritisch. Schon stänkert ein Typ hinter mir: „Ey, wat soll dit denn? Geh nach Hause, Püppi!“ Dann stimmt er mit den Kumpels ein „Döp-döp-döp“ an. „Es reicht!“, weise ich die Männer zurecht – vergeblich. Als nach einer weiteren Vorband endlich Scooter die Kulisse betreten, herrscht Ausnahmezustand, die Halle tobt.

Zur rechten Zeit winkt die  Freundin vom Bühnenrand herüber. Gemeinsam, aus sicherer Entfernung, beobachten wir „back­­stage“ die Show. Im Dauerlauf kreuzen Pyrotechniker unseren Weg. Mit ohrenbetäubenden Explosionen – mal Funken sprühend, mal Flammen werfend – sorgen sie für kriegsähnliche Verhältnisse auf der Bühne. Wieder knallt’s, das Stroboskop blitzt auf, und Frontmann H.P. Baxter schreitet aus einer Nebelwolke. Im strassbesetzten T-Shirt tritt er sehr nah an den Bühnenrand und ruft „Wicked“ in sein Mikrofon.

Wie von Sinnen schreit jemand  „Manana!“ zurück. Männliche und offen gesagt recht unattraktive Tänzer unterstützen die Bühnenperformance. Später kommen noch Mädchen in knappen Hös­chen dazu – aus der Tsche­cho­slowakei, weiß die Freundin. Und weil wir so dicht an der Bühne sitzen, können wir Dinge sehen, die dem regulären Publikum vorenthalten bleiben wie Baxxters Rückansicht mit der hin und wieder aus der Hüftjeans hervorlugenden Kimme. Nach drei Zugaben ist das Spektakel vorbei, und die Musiker feiern in den Garderobenräumen weiter.

Ausgerechnet jetzt macht die Freundin schlapp und geht nach Hause. Umringt von einigen leeren Bierflaschen sitze ich auf der Couch  und höre „3 Tage wach“ (im Scooter-Remix). H.P. Baxxter steht an den Plattenspielern, ein paar Leute tanzen. Sängerin Soffy O. ist auch da und verabschiedet sich gerade, eine kluge Entscheidung. Ich allerdings bin fest entschlossen, bis zum Ende zu bleiben. Wie gesagt, Berlinerinnen kommen auch mit schwierigen Jobs zurecht.

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