Stadtleben

Berlins Afrikaner – Teil 2

Aber auch die Liebe für Fußball teilen viele Afrikaner miteinander. Das glaubt jedenfalls Eme Onwuka Eme. Und weil der seit 1995 in Berlin lebende, ebenfalls aus Nigeria stammende Diplom-Kaufmann stets den starken Wunsch verspürte, für die Afrikaner Berlins und deren Freunde eine gemeinsame Plattform zu schaffen, organisiert er zusammen mit dem Verein FASO Initiative nicht nur, wie auch in diesem Jahr wieder, eine Teilnehmergruppe für den Karneval der Kulturen, sondern seit 2004 einmal jährlich auch „Baobab!“, eine „Offene Afrika-Fußballmeisterschaft mit Deutsch-Afrikanischem Festival“. Dort treten dann angolanische, kamerunische oder ägyptische Mannschaften derart ambitioniert gegeneinander an, dass sich zu dem Event immer öfter auch Späher von Berliner Fußballvereinen einfinden, um nach Talenten Ausschau zu halten – oder auch nach gestrandeten Ex-Profis.

Als unfreiwillige Übereinstimmung teilen nach Ansicht Eme Onwuka Emes viele Afrikaner in Berlin aber auch ihre „schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt“. Zwar hat Eme es geschafft, sich als SAP-Berater zu etablieren. Viele seiner Freunde aber hatten das Glück, einen adäquaten Beruf zu finden, bislang nicht. „Ich kenne afrikanische Diplomingenieure, die sich als Taxifahrer verdingen oder sich als Betreiber eines kleinen Afro-Shops notgedrungen selbstständig gemacht haben.“ Eine Bewerbung könne noch so sauber verfasst und mit beeindruckenden Details versehen sein – sobald man sein Foto und den afrikanischen Namen hinzufüge, sänken die Einstellungschancen drastisch.

„Sicher, Rassismus betrifft auch viele andere Menschen“, ergänzt Oumar Diallo, ein aus Guinea stammender Soziologe und Leiter des Moabiter Afrika-Hauses, einem Kultur-Treffpunkt. „Doch am untersten Ende der Skala, das muss man einfach so klar sagen, stehen wir, die Schwarzen.“
Dass dies so ist, kommt nicht von ungefähr. Schließlich brauchten die Europäer jahrhundertelang einen theoretischen Überbau, um ohne allzu schlechtes Gewissen den afrikanischen Kontinent auszubeuten und Menschen südlich der Sahara versklaven zu können. Wortreich wurden dunkelhäutige Afrikaner – die Bewohner maghrebinischer Länder waren von diesen Diskriminierungen so nicht betroffen – als primitiv, tierähnlich, dumm und unzivilisiert erklärt. Rassistische Stereotypen, die bis in die Gegenwart nachwirken.

Wie negativ manche Menschen auf ihre Hautfarbe und ihr Erscheinungsbild reagieren, erfuhr Stefanie-Lahya Aukongo, eine Buchautorin („Kalungas Kind“), 2006 auf drastische Weise. Als die Tochter von namibischen Bürgerkriegsflüchtlingen, die 1978 in der DDR geboren und bei weißen Pflegeeltern in Prenzlauer Berg aufgewachsen ist, einmal mit dem Bus Richtung Marzahn fuhr, sah sie sich plötzlich von fünf jungen, weißen Männern umringt. „Die beleidigten mich, zerrten an meinen Sachen und fingen an, mit dem Feuerzeug an meinem Ärmel zu zündeln.“ Obwohl es noch weitere Mitfahrer gab, half niemand. Erst als die jungen Männer ausgestiegen waren, tat sich etwas. „Ein paar Mitfahrer kamen auf mich zu und machten mir Vorwürfe: Warum ich so dumm sei, mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Marzahn zu fahren.“ Für die eigene Feigheit hatte sich keiner der Mitfahrer entschuldigt.

Auch Assibi Wartenberg ist schon mal ins Fadenkreuz rechts gesinnter Zeitgenossen geraten. Als sie im vergangenen Jahr mit ihrem Deutsch-Togoischen Freundeskreis e.V. zum zweiten Mal das Weddinger Afrikafest organisierte, wurde sie via Internet prompt mit einer – natürlich anonymen – Hasstirade belegt. Doch die Gastronomin ließ die verbale Attacke nicht so stehen. Die geübte Veranstalterin – sie ist auf dem Karneval der Kulturen ebenfalls mit einer Gruppe vertreten – organisierte in ihrem Bezirk umgehend eine Demonstration, an der sich auch Mittes Bezirksbürgermeister Christian Hanke beteiligte. Denn spätestens, seit die Historikerin und Autorin Ursula Trüper, späte Nachfahrin einer südafrikanischen Khoikhoi-Frau, zusammen mit dem Afrikanisch-Deutschen Klub 2008 die Zeitschrift „Afrika im Wedding“ herausgegeben hat, macht sich in dem Stadtteil Stolz auf die afrikanischen Bewohner breit. Dass das so genannte Afrikanische Viertel im Wedding mit Straßennamen wie Kameruner- oder Togostraße ab 1899 eigentlich die Herrschaft des Deutschen Reiches über seine fernen Kolonien preisen sollte, ist dabei fast eine Art Ironie der Geschichte.

Denn – völlig ungeplant – leben in diesem Viertel mittlerweile tatsächlich überdurchschnittlich viele Afrikaner, die sich mit Afro-Shops, afrikanischen Restaurants oder christlichen Gemeinschaften afrikanischer Prägung eine eigene Infrastruktur geschaffen haben. Bei Letzteren geht es allerdings, anders als in deutschen Kirchen, eher extrovertiert zu. Gegenüber dem Magazin „Afrika im Wedding“ erklärte Pastor Dr. Kingsley Arthur, ein gebürtiger Ghanaer, wie die Messe abläuft: „Bei uns wird Musik gemacht. Es wird gejubelt. Man schreit alles raus, was in der Woche schiefgelaufen ist.“ Trost suchen hier auch einige der ungezählten illegal in Berlin lebenden Afrikaner. „Diese Einwanderer haben unter der Woche eine schwere Zeit“, so Kingsley Arthur. „Einige haben nicht mal eigene Wohnungen. Sie schlafen zu sechst oder zu acht in einer 20 Quadratmeter-Wohnung.“ Eine schwierige Situation, weiß Moctar Kamara vom Afrika-Rat, die Nährboden für Kriminalität und Drogenhandel sein kann.

Probleme mit dem Aufenthaltsstatus gehören auch zu den Themenfeldern, die Hervй Tcheumeleu in seiner bundesweit vertriebenen Zeitschrift „LoNam“, zu Deutsch: Sonnenaufgang, aufgreift. Obwohl der Kameruner 2001 eigentlich nach Berlin gekommen war, um hier Bio-Technologie zu studieren, hat er seine Aktivitäten inzwischen zunehmend auf sein zweites Interessengebiet, den Journalismus, verlagert. Außerdem liest man in LoNam – in deutscher Sprache übrigens – über den Afrikaner Oury Jalloh, der auf mysteriöse Weise 2005 in der Zelle eines Dessauer Polizeireviers verbrannte, über afrikanische Kindersoldaten oder über die Filme aus Nollywood, der nigerianischen Filmindustrie. Seit letztem Jahr gibt Hervй Tcheumeleu zusätzlich die Sportzeitschrift „African Challenge“ heraus, die – nicht nur wegen des WM-Jahrs – vor allem auf afrikanischen Fußball fokussiert ist.  

Etwas am Rande dieses ganzen Trubels um das runde Leder stehen Rumanatu Tahiru und Florence Okoe. Dabei betreiben diebeiden Ghanaerinnen Fußball auf höchstem Niveau, sind Nationalspielerinnen. Doch weil Frauen-Fußball auch in Ghana immer noch weit im Schatten des Männer-Fußballs steht, waren die beiden froh, als sie das Angebot bekamen, beim bisherigen Frauen-Fußball-Erstligisten Tennis Borussia ihrer Lieblingsbeschäftigung wenigstens halbwegs professionell nachgehen zu können. „Ich habe immer schon Fußball gespielt“, sagt Florence Okoe. „Als Kind fast nur mit Jungs. Barfuß.“ Zwar hoffen die beiden Kickerinnen auch nach dem kürzlich besiegelten Abstieg der TeBe-Frauenmannschaft aus der Ersten Bundesliga weiterhin auf Kontinuität, dennoch lassen sie sich nicht bange machen. „Wir würden überall auf der Welt klarkommen“, sagt Rumanatu Tahiru. „Wir waren 2007 bei der WM in China dabei, außerdem haben wir mit unserer Nationalmannschaft in England, dem Kongo oder der Elfenbeinküste gespielt.“  

Wie die beiden Fußballerinnen, so ist auch Fatou Diatta, eine Senegalesin, angetreten, um alte Rollenklischees in Frage zu stellen. Als sie 2000 mit dem Rappen begann, „war ich in meinem Land in Sachen HipHop so ziemlich die einzige Frau.“ Wie schwer es damals war, sich gegenüber jungen Männern zu behaupten, kann man anhand alter YouTube-Videos auch am damaligen Styling und Gehabe der inzwischen 28-jährigen Frau erahnen: Sie trug XXL-T-Shirts nebst Baggy-Jeans, ihre Gestik war hart und maskulin. „Ich glaubte, ich brauchte das damals“, lacht Fatou Diatta, in der Musikszene besser bekannt als Sister Fa, mit ihrer angenehm dunklen, etwas heiser klingenden Stimme. Tatsächlich stand ihre Karriere anfangs unter keinem guten Stern. „Immer wieder gab es Streit mit meiner Familie. Die fand es nicht gut, dass ich mit den ganzen Jungs abhänge und an Studiotagen oft erst mitternachts nach Hause kam.“ Doch 2005, als sie mit „Hip Hop Yaw La Fal“ ihr erstes Album veröffentlichte, für das sie sogleich mit dem senegalesischen HipHop-Award als „beste Neuentdeckung des Jahres“ geehrt wurde, geriet die Sache allmählich in Fahrt: „Ich war Vorbild für junge Frauen, die ebenfalls keine Lust mehr auf die immer gleiche Aussicht auf Kinder, Kochen und Haushalt hatten.“

Dass sie sich dann ausgerechnet in Lukas, einen österreichischen Ethnologie-Studenten verliebte, der in ihrem Land zu senegalesischem HipHop forschte, war nicht geplant. „Die Entscheidung, ihm nach Berlin zu folgen, fiel mir sehr schwer“, sagt Fatou Diatta. „Auch, weil ich meine Familie und Freunde zurücklassen musste.“ Inzwischen aber hat sie in Berlin, auch musikalisch, Fuß gefasst, hat einen Plattenvertrag, tourt regelmäßig und reist auch öfters in den Senegal. In ihren Songs spricht sie aus, was sie stört: „Ich thematisiere Genitalbeschneidung, ein Tabuthema im Senegal. Ich leiste Aufklärungsarbeit dagegen.“

Zu dokumentieren, wie vielschichtig die Realitäten in afrikanischen Ländern sind, gehört zu den Zielen von Alex Moussa Sawadogo. In Burkina Faso hatte der 35-Jährige erst Kunstgeschichte, Archäologie und Kommunikation studiert, später dort beim weltweit angesehenen Filmfestival FESPACO mitgewirkt, außerdem Tanzfestivals organisiert. Umso erstaunter war er, als er nach seiner Ankunft vor rund sechs Jahren in Berlin feststellen musste, dass viele Veranstaltungen in der hiesigen afrikanischen Szene „so unprofessionell organisiert“ waren. „Die Leute waren den kulturellen Aufgaben oft nicht gewachsen, hatten ihr Metier nicht gelernt. Und so entsteht dann eben der Eindruck, Afrikaner seien grundsätzlich chaotisch.“

Für Afrikamera, ein Film-Festival, das Sawadogo und der Verein toucouleur e.V. 2007 in Berlin aus der Taufe hoben, wurde deshalb eine ganz andere Strategie entwickelt. „Damit unser Festival gut läuft und eine möglichst breite Außenwirkung hat, arbeiten wir so weit wie möglich mit bereits bestehenden Einrichtungen, aber auch mit afrikanischen Botschaften zusammen. Inhaltlich aber behält toucou­leur die Oberhand.“ Sehr fruchtbar sei so die Kooperation mit dem Haus der Kulturen der Welt oder dem Arsenal gewesen. Auch die Vernetzung mit AfricAvenir International, einer Nichtregierungsorganisation mit Stammsitz in Kamerun und einer äußerst rührigen Zweigstelle in Berlin, die sich auf dem Gebiet der politischen Bildung engagiert und Afrika-bezogene Veranstaltungen organisiert oder bewirbt, empfand Sawadogo als hilfreich. Die Kinosessel im Arsenal, wo das Festival Ende vergangenen Jahres zuletzt lief, waren jedenfalls stets bis auf den letzten Platz besetzt. Ganz dem Vereinsnamen toucouleur (= alle Farben) entsprechend übrigens mit Zuschauern aller Herkünfte und Hautfarben.
Wie sich die Zeiten für Afrikaner in Europa ändern können, hat auch James Ajaye, der Stammzellenforscher, erfahren. Als Schulkind in London wurde er früher gerne mit der abfällig gemeinten Bezeichnung „Kunta Kinte“ aus Alex Haleys Roman „Roots“ bedacht. Auch die damals angeseheneren Kariben beteiligten sich an diesen Schmähungen. Inzwischen aber hat sich das Ansehen der britischen Afrikaner drastisch verbessert. James Ajaye: „Jetzt gilt es als cool, wenn man Kofi heißt.“ 

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Text: Eva Apraku

Fotos: David von Becker


www.sisterfa.com

www.faso-initiative.de

www.molgen.mpg.de/~molemb/team.html

www.d-tf-berlin.de

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AFRIKAS KOCH- UND ESSKULTUR IN BERLIN 

 

 

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