Stadtleben

Berlins Afrikaner

Wenn Dr. James Adjaye Besuchern des Max Planck Instituts für Molekulare Genetik erklären will, welche Art von Forschung er betreibt, dann klickt er auf seinem Laptop gerne einen Film an. Zu sehen ist dort ein stark vergrößerter Zellhaufen, der sich aus Stammzellen, die zuvor dem Hüftknochenmark eines Mannes entnommen worden waren, entwickelt hat. Durch eine spezielle Behandlung in dem Dahlemer Forschungsinstitut haben sich diese Stammzellen nicht nur zu Herzzellen verwandelt. Sie tun auch das, was man von Herzzellen grundsätzlich erwartet: Sie ziehen sich rhythmisch zusammen, pochen als Miniatur-Herz ohne Körper vor sich hin. „Sieht das nicht wundervoll aus?“, schwärmt der Stammzellenforscher. „Fast wie eine künstlerische Installation, die symbolisch für den Ausgangspunkt aller lebenden Kreaturen steht – das schlagende Herz.“

Seit 2001 arbeitet James Adjaye, ein Brite, an dem renommierten deutschen Forschungsinstitut. Der promovierte Biochemiker, der zuvor als Stammzellenforscher am Institute of Child Health in London tätig war, ist Leiter der Arbeitsgruppe Embryologie und Altersforschung, gilt als einer der ganz wenigen in Deutschland tätigen Experten für embryonale Stammzellen und wurde vor allem Anfang 2008 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als das Gesetz zur Forschung mit Stammzellen erst verstärkt diskutiert und dann gelockert wurde. Damals gaben sich Journalisten der Zeit, des Spiegel oder der Frankfurter Allgemeinen, aber auch Politiker im Labor Adjayes die Klinke in die Hand, lugten durch seine Mikroskope und berichteten sowohl über die ethischen Bedenken, die diesem Forschungszweig gerade in Deutschland entgegenschlagen, als auch über die Heilungsmöglichkeiten, die man der Stammzellentherapie besonders in Sachen Diabetes-, Alzheimer- oder Krebsbekämpfungen potenziell zutraut.

Doch es ist nicht allein sein Wissen um die Entwicklung von Körperzellen, das die Zuhörer Adjayes regelmäßig in Erstaunen versetzt. Noch mehr überrascht sind – vor allem in Deutschland – viele über die Hautfarbe und Herkunft Adjayes: Der Stammzellenforscher ist Afrikaner, entstammt einer ghanaischen Familie, die sich in England niedergelassen hat.
James Adjaye hat feine Antennen dafür entwickelt, wenn er, etwa beim erstmaligen Zusammentreffen mit deutschen Berufskollegen, argwöhnisch beobachtet wird. „Viele gucken mich an, als würden sie sich fragen: Was macht der denn hier?“ Und wenn ein Forschungsinstitut mal zu einem lockeren Event mit Musik einlädt, dann spürt Adjaye, dass viele Augen auf ihm ruhen. Im Raum steht dann die Frage: Wann fängt ER an zu tanzen? Das können DIE doch so gut. Dabei hasst Adjaye kaum etwas so sehr wie das einengende Klischee von den vermeintlich „naturgegebenen Fähigkeiten“ der Afrikaner: Sportlichkeit und Musikalität. „Glauben Sie mir: Afrikaner sind genetisch dafür nicht mehr oder weniger prädispositioniert als andere Menschen auch.“

Stattdessen findet der Stammzellenforscher, dass es höchste Zeit sei, die intellektuellen Fähigkeiten der Afrikaner anzuerkennen. Gerade auch in Deutschland. „In England ist man da sehr viel weiter“, sagt James Adjaye. „Da hat man sich längst daran gewöhnt, dass Afrikaner auch außerhalb der Sport- und Musikbranche Spitzenleistung bringen, als Wissenschaftler, Politiker oder Architekten arbeiten.“ Etwa so wie sein Bruder David Adjaye. Der Londoner Architekt, der auch ein Büro in Berlin hat, entwarf unter anderem das Nobel-Zentrum in Oslo, das „Museum of Contemporary Art“ in Denver, USA, oder die „Moscow School of Management“. Außerdem gehören Schauspieler wie Ewan McGregor zu seinen Kunden. Auch der verstorbene Modemacher Alexander McQueen zählte dazu. David Adjaye gilt in England als Stararchitekt.

Nicht nur wegen der kommenden Fußballweltmeisterschaft richtet sich der Blick der Weltöffentlichkeit in diesem Jahr in besonderem Maße auf den afrikanischen Kontinent, aber auch auf die international verstreut lebenden Afrikaner. Für die afrikanische Gegenwart mindestens genauso bedeutsam sind die Unabhängigkeitsjubiläen, die 17 afrikanische Staaten, darunter Kamerun, Nigeria, Togo oder Senegal, in diesem Jahr feiern: 50 Jahre nach 1960, dem so genannten Afrikanischen Jahr, sind in den betroffenen Ländern, aber auch in den entsprechenden weltweiten Botschaften und Gemeinden die Feierlichkeiten längst eingeplant.
Weniger erfreulich dagegen ist die Erinnerung an die „Berliner Konferenz“. Denn mit ihrem Schlussdokument, der „Kongo-Akte“, wurde am 26. Februar 1885 – vor 125 Jahren also – die Aufteilung Afrikas in europäische Kolonien besiegelt. Wie mit dem Lineal wurden damals mitten durch die Territorialgebiete ganz unterschiedlicher afrikanischer Völker Grenzen gezogen und die so geschaffenen multiethnischen Länder vor allem unter England, Frankreich und Portugal, aber auch Deutschland aufgeteilt. Eine eng mit der deutschen Hauptstadt verknüpfte Historie, auf der bis heute zahlreiche Krisen und Kriege in Afrika zurückzuführen sind.  

Assibi-WartenbergDie Kolonialgeschichte hat uns voneinander getrennt“, sagt Assibi Wartenberg. „Umso wichtiger ist es jetzt, dass wir zusammenhalten.“ Die in Togo geborene Weddinger Gastronomin blickt auf ein bewegtes Leben zurück, das sie erst ins amerikanische Detroit, dann wieder nach Togo, später nach Hamburg und 1979 mit ihrem Ehemann, einem ehemaligen Entwicklungshelfer, zunächst nach Berlin-Charlottenburg führte. Damals war die Anzahl der afrikanischen Berliner noch überschaubar. „Im Ostteil der Stadt lebten abgeschottete DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik und Angola“, erklärt Moctar Kamara, Vorstandsvorsitzender des Afrika-Rats, eines 2005 gegründeten Dachverbandes von derzeit 38 afrikanischen Vereinen und Initiativen aus Berlin-Brandenburg. „Und im Westteil der Stadt wohnten afrikanische Studenten und, ab etwa Anfang der 1980er Jahre, eine zunehmende Zahl an Flüchtlingen, deren Herkunftsländer jeweils die politischen Krisenorte des afrikanischen Kontinents reflektierten.“ 1964, so ermittelte die Historikerin Paulette Reed-Anderson für ihre 1997 erschienene Publikation „Afrikaner in Berlin“, waren „519 Ausländer aus Afrika in Berlin (West) gemeldet“, 1988 waren im Westteil der Stadt bereits 6570 Afrikaner registriert und 1996, im wiedervereinten Berlin, verzeichneten die Meldebehörden 13.252 Ausländer aus Afrika in Berlin. „Inzwischen leben hier über 17.000 Afrikaner, plus deren meist deutsche Kinder sowie den Afrikanern, die sich zwischenzeitlich haben einbürgern lassen“, sagt Moctar Kamara. Insgesamt schätzt er die Zahl afrikastämmiger Menschen in Berlin auf rund 35.000.

Alter, soziale Schicht, Nationalität, ethnische Zugehörigkeit, Mutter-, aber auch Kolonialsprache, Bildung oder Einwanderungsgrund: Die Afrikaner Berlins sind eine sehr heterogene Gruppe, jeder hat seine eigene Geschichte. Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten: der starke Familiensinn etwa. Selbst unter schwierigsten Bedingungen gibt es kaum jemanden, der nicht versucht, sich für „seine Leute“ einzusetzen. Ojokojo Torunarigha, ein aus Nigeria stammender Fußballprofi, der einst beim Chemnitzer FC kickte und jetzt als Jugendtrainer für Hertha BSC arbeitet, erzählte dem Buchautor Christian Ewers etwa, wie er während der Chemnitzer Zeit den Großteil seines ohnehin nicht gerade üppigen Einkommens in die Heimat geschickt hatte, anstatt das Geld für schlechtere Zeiten – die dann fast schicksalhaft auch kamen – beiseitezulegen.

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