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Berlins Büro­leiter von Al Jazeera über die Proteste in Kairo

suliman_akthamtip: Herr Suliman, denken Sie jetzt manchmal: Was mache ich hier bloß in Berlin, wo doch in Kairo die Luft brennt?
Aktham Suliman: Das denkt jeder Journalist bei solchen Ereignissen. Man wird eigentlich zum Zuschauer und steuert selbst bestenfalls Randberichterstattungen aus Deutschland bei. Das macht einen schon neidisch auf die Kollegen vor Ort.

tip: Wie ist dort die Situation dieser Kollegen?

Suliman: Zwiespältig. Einerseits ist der Sender verboten, andererseits wird man hier und da beim Arbeiten von den Sicherheitsbehörden gesehen. Kameras sind aber gar nicht erlaubt. Eine komische Situation, wo man jederzeit verhaftet werden kann, aber dieses Verbot nicht sehr strikt eingehalten wird.

tip: Al Jazeera ist weitaus näher an den Ereignissen dran als die deutschen Sender. Ärgert  Sie, dass er hier nur über Satellit zu empfangen ist?

Suliman: Nein. Für Al Jazeera sind Araber und arabisch sprechende Leute weltweit das Zielpublikum. Und Al Jazeera English ist für den normalen deutschen Haushalt nicht sehr interessant. Es gibt interessierte Gruppen wie Politiker, Experten, Journalisten, Akademiker. Die besorgen sich ihre Empfangsmöglichkeiten. Neuerdings passiert das oft auch über das Internet.

tip: Kriegen Sie auch Feedback von arabischstämmigen Berlinern?

Suliman:
Natürlich. Die rufen schon an oder klopfen bei uns im Büro an. Wir werden als ihre eigene Stimme wahrgenommen. Aber ihre Erwartungshaltung ist groß. Wenn hier eine Demo zum Thema Ägypten stattfindet, wir aber in München bei der Sicherheitskonferenz waren, dann sind sie beleidigt, verletzt und klagen, dass wir unsere Arbeit nicht gut genug tun würden.

tip: In Deutschland sagt man: Klar, Revolution. Kennen wir ja selbst, von 1989.

Suliman:
Das einzig Vergleichbare ist, dass es in beiden Fällen den Überraschungseffekt gibt und sich um friedliche Massenbewegungen handelt, die nach Freiheit hungern. Aber eigentlich sind die Unterschiede groß. Die Leute in der DDR wollten Öffnung. Die Ägypter leiden nicht unter Nicht-Öffnung, sondern unter zu viel Öffnung, zu viel Kapitalismus, zu viel Reichtum bei manchen und schlechter Verteilung. Und bei aller Kritik am DDR-Regime: Ein
Honecker hat nicht wie Mubarak 40 Milliarden Dollar zusammengerafft.

Interview: Erik Heier

Foto: Reinhard Kaufhold

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