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Bernhard Fricke über Situation der Flüchtlinge am Brandenburger Tor

Bernhard_FrickeHerr Pfarrer, kaum ist für die Campbewohner am Oranienplatz eine Winterquartier-Lösung in Sicht, da treten auf dem Pariser Platz Asylbewerber in den Hungerstreik. Läuft die ganze Situation aus dem Ruder??
Das würde ich nicht sagen. Wenn Menschen ihr Leben aufs Spiel setzen für eine politische Forderung – und ich sehe das als politische Forderung und nicht als individuelle Forderung –, dann ist das eine große Not. Die grundsätzlichen Forderungen – Abschaffung der Residenzpflicht und des Arbeitsverbotes für Asylbewerber – sind zentrale Forderungen.

Auch sehr absolut formulierte. Sehen Sie überhaupt Raum für Kompromisse??
Die Bundesregierung verweigert sich Gesprächen mit ihnen. Deshalb ist es wichtig, dass die Zivilgesellschaft das Gespräch aufnimmt. Dazu gehören auch die Kirchen. Sowohl als Verein Asyl in der Kirche als auch als Landeskirche tun wir das. Es ist wichtig, den Menschen zuzuhören, sie ernst zu nehmen.

Wie zynisch sind wir eigentlich, dass wir die Asyldebatte erst jetzt, nach der Schiffskatastrophe von Lampedusa, wieder verstärkt führen. Im Mittelmeer sterben jährlich Hunderte Menschen auf dem Weg zur Festung Europa.?
Und das wird auch so weitergehen, weil es keine Möglichkeiten der legalen Zuwanderung oder der Aufnahme für Flüchtlinge in Not gibt. Da ist dringender Handlungsbedarf.

Müssen wir uns dauerhaft auf Mahnwachen und Camps in Berlin einrichten??
Der Protest am Brandenburger Tor erinnert uns daran und mahnt uns alle, dass wir das Flüchtlingsthema nicht wieder vergessen dürfen. Wir haben gesehen, dass im Bundestagswahlkampf die Flüchtlinge keine Rolle gespielt haben.

Die ehemalige Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John schrieb kürzlich in einem Kommentar, Bleiberecht für alle hieße, dass künftig Schlepper unsere Einwanderungspolitik bestimmen würden.
Gleichzeitig hat Frau John aber auch darauf gedrungen, dass es ein Gespräch mit der Politik gibt. Ohne dass man mit den Flüchtlingen redet, nicht für sie, nicht über sie, sondern mit ihnen, kann es zu keiner Lösung kommen. Natürlich ist die Forderung nach offenen Grenzen unrealistisch. Aber es muss bessere Regelungen geben. Menschen dürfen nicht sterben. Weder am Brandenburger Tor noch auf dem Weg nach Europa.

Aber die Forderungen, so wie sie sind, laufen doch darauf raus, dass jeder Asyl bekommt, der den Weg nach Europa schafft.
Die Politik unterscheidet im Moment zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und politischen Flüchtlingen. Ich halte diese Unterscheidung für falsch. Man muss die Ursachen für Flucht weiter fassen, als sie bisher in der deutschen Rechtsprechung gefasst sind.

Interview: Erik Heier

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