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Soziale Plastik, asoziale Plastik

Besetzung der Volksbühne – Kommentar von Peter Laudenbach

Krisengebiet: Die Besetzung der Volksbühne hat alle Beteiligten beschädigt – eine Zwischenbilanz

Foto: Jacek Slaski

Kurz vor Redaktionsschluss ging nach knapp einer Woche die Besetzung der Volksbühne friedlich zu Ende. Die Polizei musste das Haus räumen, traf aber auf keinen nennenswerten Widerstand. Soweit die gute Nachricht. Es ist so ziemlich die einzige. Die Besetzer und ihr vorgebliches oder echtes politisches Anliegen, der überforderte Intendant Chris Dercon, der sehr besonnene und integere, aber auch recht zögerliche Kultursenator Klaus Lederer und nicht zuletzt die seit Monaten auch in dieser Zeitschrift geführte Debatte über die Zukunft der Volksbühne – sie alle bleiben leicht derangiert zurück.

Die Besetzung kam nicht überraschend. Seit Monaten war bekannt, dass theaterferne Aktivisten planen, das Haus in Besitz zu nehmen. Am Vorabend der Besetzung wurde auf Berliner Premieren ganz offen darüber gesprochen, dass die Besetzung für den kommenden Tag um 16 Uhr zu erwarten sei. Selbstverständlich wusste das auch die Theaterleitung um Chris Dercon. Es gab im Vorfeld sogar Gespräche zwischen ihm und den selbsternannten Aktivisten. Weshalb die etwa hundert Besetzer pünktlich zum angekündigten Zeitpunkt, offenbar völlig ungestört in das Theater eindringen konnten, ist ein Rätsel. Die Theaterleitung hätte die angekündigte Besetzung mit relativ wenig Aufwand verhindern können. So schwierig ist es ja nicht, dafür zu sorgen, dass geschlossene Türen auch geschlossen bleiben. Chris Dercon wirkt, ähnlich wie in dem Konflikt um das wegen Antisemitismusvorwürfen abgesagte Konzert von Kate Tempest, wie ein eher desinteressierter Beobachter, der die Dinge erstmal laufen lässt. Wenn sie dann in die falsche Richtung laufen, schiebt er die Schuld daran gerne anderen zu, statt sich seiner Verantwortung zu stellen.

Möglich wurde die Besetzung auch, weil in der Volksbühne derzeit kein Theater gespielt wird. Erst für den 10. November sind dort die ersten Vorstellungen der unglücklich gestarteten Dercon-Intendanz geplant. Im ganzen Oktober biete die Volksbühne (auf ihrer Nebenspielstätte in Tempelhof) genau drei Vorstellungen an. An neun von zehn Tagen wird in diesem Monat nicht gespielt. Für ein Theater, das in diesem Haushaltjahr mit knapp 20 Millionen Euro subventioniert wird und damit die zweithöchsten Zuwendungen aller Berliner Theater erhält, ist das eine bemerkenswerte Bilanz. Die Behauptung, daran sei der böse Vorgänger schuld, der Dercons Leute nicht auf die Probebühne lies, wird durch die Wiederholung nicht zutreffender. Oliver Reeses Intendanz begann am Berliner Ensemble unter ähnlichen Bedingungen. Er zeigt seit Spielzeitbeginn eine Premiere nach der anderen und präsentiert einen dicht gefüllten Spielplan. Mit seinem millionenschweren Vorbereitungsetat hätte sich Dercon die schönsten Probebühnen der Welt mieten können. Dass sein Spielplan so dünn ist, liegt vor allem an seiner offenkundig fehlenden Professionalität und der kuriosen Entscheidung, etwas zufällig teure Produktionen einzukaufen, statt die Verpflichtung eines Ensemble- und Repertoire-Theaters zu erfüllen.

Offenbar weckte das hochsubventionierte, über Monate nicht bespielte Theater Begehrlichkeiten: wenn hier nichts los ist, können wir ja Partys machen. Eine anarchistische Party-Zwischennutzung in Berliner Tradition wäre rüde, aber harmlos und unterhaltsam. Allerdings traten die Besetzer mit einem anderen Anspruch auf: Sie erklärten in seliger Anmaßung ihre „kollektive Intendanz“, in die sich die Volksbühnen-Mitarbeiter und die von Dercon engagierten Künstler bitte sehr zu integrieren hätten. In einer bemerkenswert nassforschen und egoistischen Selbstermächtigungsgeste behandelten sie das Theater als sei es ihr Privatbesitz und erklärten, es mindestens für die nächsten zwei Jahre leiten zu wollen. Ihre detaillierten „Hausregeln“ klangen, als wollten sie ihren eigenen kleinen Anti-Staat mit hoher Dichte an Vorschriften errichten. Der seit zwei Jahren schwärende Konflikt um die Intendanz Dercons liefert für diese Okkupation eines Ortes der Kunst nur den Vorwand und die Gelegenheit, sich die Kontrolle über eine attraktive Immobilie anzueignen.

Zur Begründung ihrer Usurpation des Theaters verwendeten die Besetzer geläufige Textbausteine der Kapitalismuskritik. In den Augen der selbstvermarktungserfahrenen Pressesprecherin der Besetzer, der Boulevard-Schriftstellerin Sarah Waterfeld, ging es bei der Besetzung nicht weniger als um „die Menschheit“. In der Liebe zur hochgestochenen Phrase („transmediale Inszenierung“, „soziale Plastik“) und einem etwas verworrenen Kunstbegriff, dem im Zweifel alles zur Performance und jeder Verzehr eines Frühstückseis zur Premiere wird, ähneln die Besetzer dem von ihnen zeitweilig entmachteten Intendanten. Selbstverständlich durfte bei der Begründung der Besetzung auch der Verweis auf die Gentrifizierung Berlins nicht fehlen. Dieser Legitimationsversuch der Theaterbesetzung ist konfus. Falls man, um sich gegen die Gentrifizierung zu wehren, Häuser besetzen möchte, wären leer stehende Spekulations-Immobilien geeignetere Objekte. Von außen wirkte die Besetzung nicht wie eine politische Aktion, sondern wie ein inhaltsleerer Selbstzweck, eine narzisstische Selbstfeier. BE-Intendant Oliver Reese nannte sie „wirr“ und „pubertär“, der Intendant des Deutschen Theaters, Ulrich Khuon, attestierte den Besetzern „Arroganz und Überheblichkeit“, die HAU-Inendantin Annemie Vanackere nennt sie „anmaßend“. Man möchte ihnen nicht widersprechen.

Und jetzt? Die Besetzer wollen weiter aktiv bleiben. An Dercons Problem eines sehr löchrigen Spielplans hat sich nichts geändert, ebenso wenig an seinem offenkundigen Desinteresse daran, den Auftrag eines Ensemble- und Repertoire-Theaters zu erfüllen. Bleibt sein Spielplan so dünn, bekommt er neben seinem Akzeptanzproblem noch ein Legitimationsproblem und Geldschwierigkeiten. Sollte sein sehr üppig subventionierter Etat mangels Eigeneinnahmen aus der Balance geraten und markante Deckungslücken produzieren, könnte es eng für ihn werden.

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