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Stadtleben

Bestsellerautor Roger Boyes über Brandenburg

Roger-Boyestip Herr Boyes, seit über zehn Jahren berichten Sie für die Londoner „Times“ aus der deutschen Hauptstadt. Nun haben Sie mit „Ossi Forever!“ ein Buch über einen Engländer geschrieben, den es nach Brandenburg verschlägt. Haben Sie die Nase voll von Berlin?
Roger Boyes Na ja, Sie kennen die Situation. Man hasst diese Stadt, aber man nimmt sie an, man akzeptiert sie. Oft ist von einer Hassliebe die Rede, aber es ist viel komplizierter. Der Ausgangspunkt meines Buches ist ein anderer: Ich habe meine Arbeit als Auslandskorrespondent satt, weil sich die Leser in England nur für Nazi-Geschichten interessieren. Also nehme ich eine Auszeit, und wie es dann so ist, hat meine deutsche Freundin in der Nähe der polnischen Grenze eine alte Villa geerbt, die sie für ein Schloss hält. Als das Dach kollabiert, brauchen wir dringend Geld, und so kommen wir auf die Idee, das erste britische Bed & Breakfast in Brandenburg zu eröffnen. Dahinter steht das Kalkül, EU-Subventionen zu bekommen, die kriegt man in Brandenburg nämlich nicht nur für Solarprojekte, sondern für alles Mögliche. Die ganze Geschichte steht in der Tradition der britischen Abenteuer in den Kolonien. Auf unserer Entdeckungsreise spielt Berlin immer eine Rolle, weil es mehr und mehr zur Zuflucht für uns wird. Ein bisschen urbanes Leben braucht man tatsächlich, wenn man dort draußen ist.

tip Wer um alles in der Welt sollte in einem britischen Bed & Breakfast in Brandenburg übernachten?
Boyes Es gibt viele Leute in England, die sich für Preußen interessieren – nicht für das moderne Deutschland, das stinknormal und im Grunde absolut uninteressant ist, und auch nicht für Nazi-Deutschland, das wir ja schon kennen, sondern für Preußen. Die größten Preußen-Experten kommen aus England, und es gibt tatsächlich Leute bei uns, die verrückt nach Effi Briest sind. Die Kombination aus Billigflügen nach Schönefeld und Effi-Briest-Faszination könnte einen Bed-&-Breakfast-Markt für die Engländer schaffen. Vielleicht könnte man aus Brandenburg ein virtuelles Preußen machen.

tip Außer den Grundrissen der Garnisonsstädte ist aber nicht mehr viel von Preußen übrig…
Boyes Nun, die Landschaft ist geblieben. Und es gibt noch ein weiteres Kontinuum: Überall sieht man diese furchtbaren sowjetischen Baracken. Meistens sind das alte Wehrmacht-Baracken, die Anfang der 1930er-Jahre gebaut wurden. Brandenburg war schon immer eine militarisierte Gegend, eine Artillerielandschaft, die viel Blut aufgesogen hat. So etwas geht nicht einfach so weg. Diese Region bleibt ein Soldatenland.

tip Heute werden dort Panzerfahrten als Freizeitattraktion angeboten.
Boyes Ja, das habe ich neulich auch gelesen. Ich finde es ganz lustig, wie jede brandenburgische Gemeinde versucht, eine eigene Marke aufzubauen. Hier das Storchendorf Soundso, dort das Gänsedorf Soundso. Und jetzt haben wir auch noch das Panzerdorf Wasweißich. Dieses Dorfbranding ist eines der Phänomene, über die ich mich in meinem Buch ein bisschen lustig mache. Bei mir sind es aber nicht Störche, sondern Frösche.

tip Ihr Buch ist als Roman ausgewiesen. Beruht die Handlung auf wahren Begebenheiten?
Boyes Sagen wir so: Sie ist auf einigen Tatsachen gebaut. In Wirklichkeit besitze ich kein Schloss in Brandenburg, aber der Plan existierte. Das Projekt ging nie so weit wie im Buch, wir haben es aufgegeben, weil es hoffnungslos war. Aber die menschliche Ebene des Buches ist wahr. Ich habe beobachtet, wie diese Dörfer funktionieren: der übermächtige Bürgermeister, der Filialleiter der Sparkasse, der Vorsitzende der Freiwilligen Feuerwehr und die ganze Stammtischstruktur, die alles steuert, die Animositäten und die Spannungen zwischen Entscheidungsträgern. Es geht immer um die fundamentale Frage, wie sich ein Dorf interessant machen kann für Leute, die Geld reinbringen. Wie diese Machtstruktur sich entwickelt, das fand ich interessant und das wollte ich auch im Buch darstellen. Aber einen persönlichen Konflikt mit irgendwelchen Bürgermeistern in Brandenburg hatte ich nicht. Das habe ich auf der Basis von meinen Beobachtungen erfunden.

tip Hängt es mit der Unfähigkeit überambitionierter Lokalpolitiker zusammen, dass nirgendwo sonst so viele große Pläne gescheitert sind wie in Brandenburg? Die Cargo-Lifter-Halle in Brand, die Chip-Fabrik in Frankfurt/Oder, der Formel-Eins-Parcours in der Lausitz, das Frachtdrehkreuz in Drewitz, Chinatown in Oranienburg… Anfangs sind alle immer ganz begeistert, und hinterher klappt es dann doch nicht.
Boyes Wahrscheinlich fehlt in Brandenburg der Unternehmergeist. Die meisten ehrgeizigen Leute sind abgewandert. Es gibt natürlich auch gute Leute, die geblieben sind, mit guten Ideen und richtigen Instinkten. Nur, die kriegen den Anschluss nicht, denn sie haben keine richtige Vorstellung von der Außenwelt und kein Gespür für den Umgang mit Investoren. Alles landet irgendwie in falschen Händen und versinkt am Ende im märkischen Sand. Ich finde das sehr traurig. Aber das ist auch die Schuld der Bundesregierung.

tip Warum ist die Regierung an allem schuld?
Boyes Weil sie es versäumt hat, Ost-Brandenburg mit dem boomenden West-Polen zu verflechten. Irgendeine intelligente regionale Strategie, über die Oder-Grenze hinauszudenken, wäre schon möglich gewesen. Das hat der Bund nicht kapiert. Am Ende ist eine Menge Geld in die Gegend geflossen, und es gab so eine vorgegaukelte Versöhnung mit den Polen, aber kein Gefühl dafür, dass Ost-Brandenburg und West-Polen viele gemeinsame Interessen haben. Nun kommen Leute aus Stettin über
die Grenze und kaufen sich Ferienhäuschen in Pasewalk. Inzwischen kommen sogar die Landärzte aus Polen. Die Zukunft wird wahrscheinlich sein, dass Brandenburger als Gastarbeiter nach Polen gehen. 

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