Stadtleben

Besuch im Kreuzberger Refugee Camp

RefugeeCampEs ist ein schmuddeliger Berliner Herbsttag. Nach einem goldenen Oktoberhoch am letzten Wochenende des Monats sind die Temperaturen nun auf einen niedrigen, einstelligen Bereich gesunken. Seit Stunden nieselt kalter Regen, der die Erde auf dem Kreuzberger Oranienplatz matschig werden und die herumstehenden Holzstühle aufquellen lässt.
Heute ist Tag 24 des Flüchtlings-Camps auf dem Oranienplatz. Zwei junge, dunkelhäutige Frauen kauern eingepackt in Mützen, Schals und dicken Mänteln auf einer Bank hinter dem Tresen des Infozeltes. Hinter ihnen ist ein schwarzes Brett befestigt, an dem Zettel mit Notrufnummern von Ärzten oder Aufrufe zu Kleiderspenden hängen. Mitten auf dem Platz hat ein Lieferwagen der Berliner Tafel gehalten. Schwarze und weiße Männer wie Frauen tragen eilig blaue Plastikkisten mit gelbbraunen Bananen und verschrumpelten Äpfeln he­raus, um sie in das düstere und klamme Küchenzelt zu bringen. Auch in dem kleinen Zirkuszelt gegenüber, dem mit einfachen Holzbänken vollgestellten Versammlungstreffpunkt, ist es kaum heimeliger. Schon nach wenigen Minuten Aufenthalt kriecht die Kälte durch Kleider und Schuhe bis tief unter die Haut. Natürlich drängt sich da die Überlegung auf, wie die rund 30 Flüchtlinge, die hier kampieren, es in den kleinen und größeren Zelten sogar über Nacht aushalten können.

Hatef, er ist Flüchtling aus dem Iran und fungiert als eine Art Presse­sprecher des Camps, sagt auf die Frage erst mal gar nichts. Dann blickt er einem tief in die Augen. „Das Erstaunliche ist, dass wir immer nur gefragt werden, wie wir das kalte Wetter in den Zelten auf dem Oranienplatz ertragen können“, antwortet er mit ruhiger Stimme. „Niemand aber fragt uns, wie wir die Situation in den Asylheimen überstehen. Denn gegen die physische Kälte können wir uns immerhin warm anziehen oder einen Ofen anmachen.“
Tatsächlich ahnen nur die wenigsten Menschen, wie es sich so lebt als Asylbewerber in Deutschland. Schließlich, das weiß man beim Flüchtlingsrat Berlin, liegen die Asylheime, die Massenunterkünfte, in denen Flüchtlinge von den zuständigen Behörden bis zur Entscheidung über die Asylanträge zwangsweise untergebracht werden, häufig völlig abgelegen in alten Kasernen, aufgegebenen Plattenbauten oder eigens errichteten Containerdörfern und abgeschnitten von jeglicher Infrastruktur irgendwo in der Provinz. Denn egal, in welchem Bundesland sich ein Flüchtling erstmals an die deutschen Behörden wendet oder in welchem deutschen Ort er womöglich bereits Verwandte oder Bekannte wohnen hat: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge beziehungsweise die entsprechende ­Außenstelle vor Ort kann den Asylbewerber nach Gutdünken auch hunderte von Kilometern entfernt von seinem Bezugspunkt unterbringen.

Weil die Existenzsicherung durch Lebensmittel häufig vorwiegend in Form von Gutscheinen – in Bayern gar in Form von Lebensmittelpaketen – erfolgt, haben Asylbewerber praktisch kein Geld und damit keine Möglichkeit, um Fahrten in den Bussen und Bahnen des Öffentlichen Nahverkehrs zu größeren Ortschaften zu bezahlen. Ganz abgesehen davon, dass es ihnen ohne spezielle Genehmigung ohnehin bei Strafe untersagt ist, den ihnen zugewiesenen Landkreis zu verlassen. So fristen sie zu hunderten – Männer, Frauen, Kinder – manchmal monate-, manchmal jahrelang in überbelegten Zimmern tatenlos ihr Leben. Denn arbeiten zu gehen ist – ganz abgesehen von den abgelegenen Orten, in denen es keine Arbeit gibt – ihnen ebenfalls verboten. „Ich habe mal einen Flüchtling aus einem Lager in Braunschweig kennengelernt“, erzählt etwa Mohamed, ein Flüchtling aus dem Sudan und einer der Protest-Camper am Oranienplatz, „der verbrachte seinen ganzen Tag mit Grübeln. Irgendwann wurde er ernsthaft psychisch krank. Andere Asylbewerber fangen an, Drogen zu nehmen oder werden aggressiv. Ein Flüchtling, den ich kennengelernt habe, ein Afrikaner, lebte bereits seit zehn Jahren in einem abgelegenen Lager bei Bremen. Der Mann war innerlich wie tot.“

So ähnlich muss es auch Mohammad Rashepars, einem iranischen Flüchtling, der in einer alten Kaserne in einem Gewerbegebiet in Würzburg untergebracht war, gegangen sein. Galt er Anfang September 2011 bei seinen ebenfalls in dieser Unterkunft lebenden Landsleuten laut eines Berichtes der Zeitung „Main-Post“ noch als „lebensfroh“ und „aktiv“, so habe er sich angesichts seiner Lebenssituation in der Gemeinschaftsunterkunft und angesichts der Lage von Mit­bewohnern, die teils jahrelang gänzlich passiv in dem Haus leben mussten, im Laufe der Zeit stark verändert. „Er ist depressiv ge­worden“.

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Fotos: Oliver Wolff   

 

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