Stadtleben

Bier

Seit einiger Zeit ist es ja sehr verbreitet, ein Bier zu trinken, auf dessen Etikett das Bild eines Schwarzwaldmädchens zu sehen ist und das „Tannenzäpfle“ heißt. Das klingt eher nach einem Saft für kranke Kinder wie Rotbäckchen – es handelt sich aber um ein Bier, das hier gern getrunken wird, weil es so wunderbar exotisch ist. Weil es so unheimlich szenig wirkt, im typischen Sperrmüll-Ambiente einer Berliner Durchschnittskneipe ein Bier zu zischen, dessen sagenhaft kitschiges Corporate Design heftig mit dem eigenen Alltag kontrastiert. Im besten Fall ist das eine Art Exorzismus, bei dem man den westdeutschen Mief inkorporiert und gleichsam vernichtet.

Schön wär’s. Im Grunde steckt dahinter natürlich nur derselbe schnöde Mechanismus eines Guerilla-Marketings, bei dem irgendwelche Gastwirte in Kollaboration mit den PR-Abteilungen der Brauereien auf der Suche nach Alleinstellungsmerkmalen Produkte einschleppen, die einem nach den neuesten Erkenntnissen der Geschmacksforschung und des kritischen Konsums gar nicht schmecken dürften. Denn was hat denn bitte der verstärkte Konsum eines Bieres aus der badischen Staatsbrauerei, die zu 100 Prozent dem Land Baden-Württemberg gehört, mit dem so gepriesenen „Lifestyle of Health and Sustainability“ (LOHAS) zu tun? Außerdem wird der Laden auch noch von Wolfgang Schäubles Bruder Thomas geleitet, der einst selbst ein ausgesprochener Hardliner als baden-württembergischer Innenminister war. Man trinkt also ein glasklares CDU-Bier und sorgt mit jedem Schluck für einen ausgeglichenen Staatshaushalt im Ländle.

Ich kann mir nicht helfen: In Berliner Kneipen – zumal in Szenebezirken wie Mitte, Prenzlauer Berg oder Kreuzberg – gehe ich immer noch davon aus, dass die Mehrheit der Mit-mir-Trinkenden politisch denkt und trinkt und eher grün statt schwarz wählt. In meinem Weltbild sitzen CDU- und FDP-Wähler zu Hause, rauchen nicht und gehen nur ab und zu mal auf ein Hefeweizen an den Savignyplatz.
Leider ist das „Tannenzäpfle“-Phänomen ein Beweis für die Geschichtsvergessenheit und politische Orientierungslosigkeit, die am Berliner Tresen Einzug gehalten hat. Dabei war das Biertrinken in Berlin auch immer politisch konnotiert. Die Plörre aus den Häusern Schultheiss und Berliner Kindl überließ man den bornierten Eingeborenen in Reinickendorf oder Steglitz – stattdessen trank man Beck’s aus Flaschen. Das Beck’s aus dem roten Bremen, dessen Kneipenviertel am Ostertor als einziges Kreuzberger Anarcho-Niveau hatte, war schon immer sehr herb – und so wollte man bitte schön auch sein Leben hier in der Mauerstadt eingeordnet wissen. So wie man sich durch den Umzug nach Berlin bewusst vom Leben seiner Eltern in der westdeutschen Provinz abgrenzte (und Provinz ist nach dem Umzug nach Berlin natürlich alles außer Berlin) – so sehr war der Schluck aus der grünen Bierflasche ein bewusstes Brechen mit den gut gezapften Pilschen unserer Väter – mit der akkuraten Tulpe aus Schaum und dem ganzen Sieben-Minuten-Gedöns. Eine Flasche Beck’s-Bier ist das Gegenmodell zur verschmock­ten Gemütlichkeit – es ist direkt, schnell und ehrlich – wie die Stadt halt. Diese Grundhaltung ist leider in den vergangenen Jahren ziemlich aufgeweicht worden. In Spätkaufläden decken sich junge Leute mit billigem Sternburg-Stoff ein, den sie dann auf der Straße süffeln. Und in Bars bekommt man zunehmend das süße Zeug aus Bayern, das hier früher schon aus reiner Ani­mosität zu München tabu gewesen wäre. Angesichts dieser Zustände möchte man sich nur noch betrinken. 

Mehr über Cookies erfahren