Stadtleben

Du bist Berlin – Robert Harting

Robert HartingWas für ein Koloss! Ob sich Robert Hartings gut 130 Kilogramm Muskelmasse nun auf 2,01 Meter, 2,02 Meter oder gar 2,08 Meter – die Angaben schwanken – verteilen, spielt keine Rolle. Der Dis­kus­werfer ist in der deutschen Leichtathletik eine der imposantesten Erscheinungen. Und neben der Schwimmerin Britta Steffen eine der größten Berliner Olympiamedaillenhoffnungen für die Spiele in Peking.
In seinen jungen Jahren war das nicht unbedingt zu erahnen. Zwar schleuderte der in Cottbus aufgewachsene Harting den Dis­kus mit gerade mal 18 Jahren auf beachtliche 64 Meter, doch führte der Modellathlet privat ein eher unstetes Leben, war anfällig für Reibereien, beschimpfte Konkurrenten und geriet in Disco-Schlägereien. Viele sahen in ihm einen talentierten Rüpel und Bad Boy. Ein Image, das ihm nicht ungelegen kommt, wie die Fotos seiner Homepage www.derharting.de erahnen lassen. Dort posiert er mit freiem Oberkörper, kurz geschorenem Irokesenschnitt, einem nationalfarbenen Diskus, schweren Eisenketten und einer leicht bekleideten jungen Dame lasziv vor der Silhouette des Fernsehturms am Alex. ?

Nach Jahren, die der Hohen­schön­hauser im Schatten des ewigen Lars Riedel verbrachte, der noch mit 41 Jahren – einem für Sportler geradezu biblischen Alter – die Scheibe rotieren ließ und in seiner schier endlosen Karriere mehrere Weltmeis­tertitel und eine olympische Goldmedaille errang, sollen Peking Hartings Spiele werden. Amtierender Vize-Weltmeister ist er schon. Genau wie Riedel vor ihm will der Berliner seine Sportart in den nächs­ten Jahren dominieren. Wenige Tage vor Beginn der Wettbewerbe weist ihn die Liste der Weltjahres­bestweiten mit 68,65 geworfenen Metern als Sechstbesten aus – allerdings gute drei Meter hinter dem führenden Ersten Gerd Kanter, dem er auch bei der WM in Japan den Vortritt lassen musste. ?

Doch ein dicker Schatten verdunkelt die Vorfreude Hartings auf die Olympischen Spiele:
Es sind weniger die Probleme mit dem aufplatzenden „Wurffinger“, wie Diskuswerfer den Zeigefinger der Wurfhand nennen, als vielmehr die Situation um seinen Trainer Werner Goldmann. Ex-DDR-Kugelstoßer Gerd Jacobs belastete seinen ehemaligen Coach Goldmann in der kürzlich ausgestrahlten ZDF-Dokumentation „Mission Gold: Wie sauber sind die Spiele?“. Jacobs gab an, Anabolika von ihm verabreicht bekommen zu haben –, wie es vor Jahren auch schon zwei minderjährige Sportlerinnen taten. Seinerzeit wurde das Verfahren gegen eine Zahlung Goldmanns von umgerechnet 2000 Euro eingestellt.

Harting selbst kümmert Goldmanns Vergangenheit wenig. Er will seinen Trainer nach dessen aktueller Leistung beurteilt wissen und schreibt auf seiner Home­page: „Dieser Mann arbeitet jetzt schon 18 Jahre lang für die BRD und hat sich nichts mehr zu Schulden kommen lassen. Uns wird hier die Arbeit zerstört, denn die hat mit damals nichts mehr zu tun.“ Kein Wunder, feierte er doch einst seine ers­ten Erfolge unter Goldmann, wechselte aber dennoch ins Team des auch heute noch amtierenden Diskusweltrekordhalters Jürgen Schult, der 1986 den Fabelrekord von 74,08 Metern aufstellte. Bei Schult jedoch stagnierten Hartings Leis­tungen. Konsequenz: Er kehrte zu Goldmann – und in die Erfolgsspur – zurück.

Dass Robert Harting seine Rüpelzeiten noch nicht ganz überwunden hat, wird angesichts der aktuellen Vorwürfe gegen seinen Trainer deutlich. Dem Dopinginvaliden Gerd Jacobs, der Goldmann belastet, droht er auf seiner Ho­me­page kaum verklausuliert Prügel an: „Wenn ich ihn sehe, werde ich das wie ein Mann mit ihm klären, und dort wird nicht viel geredet.“
Nach Robert Hartings markigen Worten und den negativen Schlag­zeilen um seinen Trainer wirkt die laufende Countdown-Uhr, mit der er auf seiner Home­page seinem Wettkampf entgegenfiebert wie eine tickende Zeitbombe, die am 16. August um drei Uhr mitteleuropäischer Zeit hochgeht. Ob mit oder ohne seinen Trainer Werner Goldmann an seiner Seite stand bei Redaktionsschluss allerdings noch nicht fest.


Text
: Denis Demmerle

Mehr Berliner im Porträt in unserer Serie: Du bist Berlin

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