Stadtleben

Black History Month 2013 in Berlin

May_Ayim-UferBerlin 1984. In der Charitй erblicken die ersten beiden Retorten-Babys Ost-Berlins das Licht der Welt. Und Bundespräsident Karl Carstens, ein Ex-NSDAP-Mitglied, wird zum Ehrenbürger West-Berlins ernannt. Außerdem beschließen die in West-Berlin lebenden Katharina Oguntoye, May Opitz und Dagmar Schultz, es sei Zeit, dass eine Randgruppe von vereinzelt in Deutschland lebenden Menschen sich gemeinsam Gehör verschafft: Die Idee zum Buch „Farbe bekennen“, die auch Anstoß zur Gründung der Initiative Schwarze Deutsche (ISD) ist, wird geboren.

Schwarze Deutsche? Mitte der 1980er-Jahre war der Begriff neu. Dunkelhäutige Menschen wurden mit Begriffen benannt, in denen stets Verachtung und Abgrenzung mitschwangen: „Mohr“, „Mulatte“, „Farbiger“, „Mischling“, „Besatzungskind“. Und immer wieder – „Neger“. In „Farbe bekennen“, das 1986 im Berliner Orlanda Verlag erscheint, wird in einem historischen Teil anhand zahlreicher Quellen nicht nur die – lange – Geschichte schwarzer Menschen in Deutschland nachgezeichnet. Die Autorinnen legen mithilfe ihres Materials auch überzeugend dar, wie abwertend die Fremd­bezeichnungen für Afrodeutsche, wie schwarze Deutsche sich nun auch nennen, von der „Rassenkunde“ über die Nürnberger Gesetze der NS-Zeit bis in die Gegenwart gemeint waren.

Farbe_bekennenDie Buchveröffentlichung gleicht einem Dammbruch. Schwarze in der ganzen Bundesrepublik beginnen sich zu organisieren und  gemeinsam gegen Diskriminierung zu wehren. 1990 trifft man sich in Berlin dann erstmals zum Black History Month (BHM), einer nach US-Vorbild entstandenen Veranstaltung, in der sich schwarze Menschen über ihre Geschichte und Identität austauschen. Außerdem veröffentlichen zahlreiche Afrodeutsche ihre oft haarsträubenden Lebensgeschichten. Die vom Knaur Verlag mit „Neger, Neger, Schornsteinfeger!“ betitelten Erinnerungen des in die USA emigrierten und erst kürzlich verstorbenen Hans-Jürgen Massaquoi werden 2006 sogar mit der unvermeidlichen Veronica Ferres als Massaquois Mutter verfilmt.

Berlin 2013. Katharina Oguntoye, Historikerin, leitet das interkulturelle Netzwerk Joliba. Dagmar Schultz, längst habilitiert, hat 2012 mit „Audre Lorde – Die Berliner Jahre“ einen Dokumentarfilm über die afroamerikanische Autorin und Aktivistin veröffentlicht. Und die 1996 verstorbene May Opitz, die den Nachnamen ihres ghanaischen Vaters, Ayim, angenommen hatte, wird wegen ihres Wirkens als Dichterin und Aktivistin seit 2010 mit dem Straßennamen May-Ayim-Ufer geehrt. Sind mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Erstveröffentlichung von „Farbe bekennen“ die Perspektiven und Leistungen schwarzer Menschen nun akzeptiert?

Als der Stuttgarter Thienemann Verlag Anfang Januar bekannt gibt, nach Beschwerden unter anderem von Mekonnen Mesghena, eines Berliner Vaters eritreischer Herkunft, der bei der Heinrich-Böll-Stiftung für den Bereich Diversity zuständig ist, aus Otfried Preußlers Kinderbuch „Die kleine Hexe“ das Wort „Negerlein“ zu streichen, bricht unerwartet ein Sturm der Entrüstung los. Das Wort „Neger“ wird von Literaturkritikern und Kolumnisten dabei mit einem Eifer verteidigt, als sei es der eigentliche Schlüssel zum Verständnis von Preußlers, aber auch Astrid Lindgrens Werk. Der Austausch anderer Worte im Zuge der Aktualisierung – etwa „wichsen“ als überlebter Ausdruck für „blank polieren“ – wird dagegen achselzuckend zur Kenntnis genommen. Gemeinsamer Tenor der Pro-„Neger“-Argumente: Das Wort sei „früher“ nicht negativ gemeint gewesen.
„Rassismus ist süß“, hat die Historikerin Katharina Oguntoye lernen müssen. Denn für nicht von Rassismus Betroffene bedeute die „gute, alte Zeit“ auch der Besitz von unverdient erworbenen Privilegien. Und süße „Negerküsse“ wurden von Kindern – zusammen mit rassistischen Stereotypen – gar zu gerne geschluckt und verinnerlicht.

Ist die Antirassismuskämpferin angesichts der aktuellen Debatte nun entmutigt?
„Nein“, sagt sie. „Die Auseinandersetzung ist gut, denn die Diskussion kommt jetzt endlich in der Mitte der Gesellschaft an.“ Und auch Mekonnen Mesghena, der nicht ahnte, was er mit seiner Beschwerde auslösen würde – und der ins Fadenkreuz von Hass-Mails geriet – bleibt standhaft: „Selbst wenn viele Beiträge sehr hässlich sind, sind sie ein wichtiges Barometer, um zu zeigen, wo unsere Gesellschaft derzeit steht. Und wo, vor allem auch in den Institutionen, man gegen Rassismus vorgehen sollte.“ Die Werkstatt der Kulturen jedenfalls, die dem Black History Month auch in diesem Jahr ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellt, hat aus „gegebenem Anlass“ das Programm kurzfristig erweitert: „Es gibt es eine ganztägige Kinderbuch-Party, bei der Kinder und Schau­spielerInnen aus kindgerechter Literatur vorlesen.“ 

Text: Eva Apraku
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Swing, brother swing! Black History Month 2013
Werkstatt der ­Kulturen, Wissmannstraße 32, 1.–3.2.,
Ausstellung, Konzerte, Filme, Kinderbuch-Party,
Infos unter www.werkstatt-der-kulturen.de

Spurensuche
Alltag schwarzer Menschen in der NS-Zeit. Ausstellung mit Lesungen, Workshops und Führungen im Rahmen des Themenjahrs ­„Zerstörte Vielfalt“ ,
Joliba Archiv und Verlag, Manteuffelstraße 97, ­Kreuzberg, 8.2.–29.11., www.joliba.de

 

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