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Bleibendes Volk: Roma in Berlin – Teil 2

romaBlanca wollte aus diesem Kreislauf ausbrechen. „Es gibt viele Roma, die bleiben in ihrer Heimat, weil sie über die Runden kommen. Aber vielen, die nach Deutschland oder Italien gehen, geht es nicht gut. Vor allem haben sie keine Arbeit. Wenn dein Kind fragt: ‚Papa, gib mir ein bisschen Brot‘, und du hast kein Brot, was machst du dann? Wenn du kein Brot, kein Geld, vor allem aber keine Perspektive hast, was machst du dann?“ Blanca tut alles, um ihren Kindern diese Chance zu geben. Sie sucht eine Wohnung, schickt die Kinder zur Schule und lernt selber Deutsch: „Ich habe akzeptiert, dass ich jetzt hier bin und hier bleibe. Wenn meine Kinder mit Schulaufgaben oder einem Brief zu mir kommen und mich fragen: ‚Mama, was heißt das?‘, und ich es nicht weiß, was bin ich dann? Dann bin ich nichts.“ Blanca hat hart für ihren kleinen Erfolg gekämpft. Im Moment bekommt sie „Geld von Berlin“, wie sie es nennt. „Aber ich will schnell wieder mein eigenes Geld verdienen.“ Ihr Traum ist eine Ausbildung zur Pädagogin. Jetzt wird es erst einmal, wenn alles gut geht, eine Arbeitsmaßnahme vom Arbeitsamt.

Wie schwer der Existenzkampf der Roma auch in Berlin ist, zeigen die vielen Sozialberatungsfälle bei Amaro Drom. „In den letzten drei Monaten haben wir 1529 Telefongespräche, Beratungen, Begleitungen zu Ärzten, Behörden und Vermietern durchgeführt, Tendenz steigend“, erklärt Anna Schmitt. Die 24-jährige Studentin koordiniert die Sozialberatung für Roma in Neukölln.  

Vor der Tür zum Beratungszimmer wartet eine junge Mutter mit einem Baby im Arm. Neben ihr sitzt ein voluminöser, älterer Mann. Auf seinen Knien steht eine Aktenmappe. Als Erste ist die junge Frau mit dem Baby dran. Eine der Beraterinnen winkt die junge Mutter zu sich. Auf dem Schreibtisch steht ein altersschwacher Laptop, in der Ecke rattert ein Drucker und das Telefon klingelt ununterbrochen. Die junge Frau klingt verzweifelt. Sie ist 16 Jahre alt, kommt aus Rumänien und lebt seit einem halben Jahr in Berlin. Ihr Baby ist drei Monate alt und benötigt dringend eine ärztliche Behandlung. Doch sie hat kein Geld und keine Krankenversicherung. Auch der Mann mit dem Aktenkoffer hat ein ähnliches Problem, wie sich später herausstellt. Seine Frau ist schwanger, doch die Familie ist nicht krankenversichert. Zwar hat der Mann ein kleines Schrott-Unternehmen und verdient, wie er sagt, genug, um eine Familienversicherung bezahlen zu können. Aber bislang hat er keine Krankenkasse gefunden, die ihn, seine Frau und die vier Kinder aufnimmt.

Ein großes Problem für Roma ist es, eine angemessene Wohnung zu finden„, sagt Anna Schmitt von Amaro Drom. „Viele wohnen zur Untermiete in kleinen Wohnungen in schlechtem Zustand für viel Geld. Kaum jemand vermietet ihnen eine normale Wohnung. Doch angemessenen Wohnraum mit richtigem Mietvertrag brauchen sie, damit sie sich anmelden und ihre Kinder zur Schule schicken können, es keine Probleme mit den Nachbarn gibt.“ Das zweite große Problem ist die Arbeit. Rumänen und Bulgaren dürfen sich zurzeit nur als selbstständige Unternehmer melden, was viele Roma auch machen. Als Selbstständige gehen sie putzen, sammeln Schrott, arbeiten auf dem Bau. Oft reicht das aber nicht, oder sie werden nicht bezahlt. Dann bleibt immer noch Betteln, Musik machen und Autoscheiben putzen. Unter bestimmten Voraussetzungen kann auch Kindergeld oder Hartz IV beantragt werden. „Viele Roma wollen dauerhaft hier bleiben. Nach EU-Recht dürfen sie das. Dies ist eine Realität, mit der jetzt umgegangen werden muss“, sagt Anna Schmitt.

Auch Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) erkennt diese Realität. In einem Beitrag des ARD-Politmagazins „Report Mainz“ wies er auf die zunehmende Armutswanderung aus Rumänien und Bulgarien in deutsche Großstädten hin und warnte davor, dass sich Inseln von Rumänen und Bulgaren bilden würden. Gleichzeitig forderte er die Städte auf, mehr Mittel für die Integration dieser EU-Bürger zur Verfügung zu stellen. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma schloss sich dieser Forderung an. Außerdem warnt er davor, dass „die ausweglose Situation, in der viele Familien leben, von Mietwucherern ausgenutzt wird“.

Ein Beispiel für diese „desolate Wohnsituation“ und die Bildung einer „Insel“ war ein Hinterhaus in der Genthiner Straße in Berlin-Schöneberg. Der Verein Humanitas mietete mehrere heruntergekommene Wohnungen an und vermietete sie an Roma-Familien weiter. Dafür berechnete man einen zusätzlichen Mietaufschlag von 50 Prozent und mehr. Der Vorsitzende des Vereins, Lutz Thinius, betreibt gleichzeitig eine Immobilienverwaltung mit Sitz in Teltow.

romaIn der Küche im dritten Stock im Hinterhaus in der Genthiner Straße sind die Familien zusammengekommen. Mutter, Vater, Tanten, Schwestern, Teenager und Kinder: zwölf Menschen. Drei der Jungs kommen gerade vom Autoscheibenwischen zurück, zwei der Mädchen vom Betteln – nichts, worauf sie stolz sind, wie sie sagen. Aber es bringt Geld ein, und es reicht für die Miete und das Essen. Die Mutter, eine Mittdreißigerin, sieht müde aus. In der Hand hält sie einen Brief mit der fristlosen Kündigung des Vermieters. Sie sind die letzte Familie in diesem Hinterhaus. Andauernder Lärm, Überbelegung, Dreck und Schmutz wird als Begründung für die Kündigung angegeben. Die Nachbarn hatten sich erst beschwert, dann eine Initiative gegründet und schließlich die Kündigungen durchgesetzt. Zehn Tage später zieht die Familie um – in den Görlitzer Park. Mehrere Wochen schlafen sie unter dem Vordach eines Parkcafйs, bis sich Lutz Thinius von Humanitas wieder meldet. Er bietet eine neue Wohnung in Spandau an. Für 850 Euro Monatsmiete und erst einmal auf ein Vierteljahr befristet. Die Familie nimmt an. Eine teure Wohnung in Spandau ist besser als der Park. Und Berlin allemal besser als Rumänien.

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Text und Fotos: Karl Grünberg

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