Stadtleben

Bleibendes Volk: Roma in Berlin

romaKlack, klack, der Kickerball rast aufs Tor zu. Im letzten Moment kann Elvis ihn stoppen. Dann kurbelt er, was das Zeug hält. Bandenspiel. Rums. Der Ball landet im Tor. Elvis setzt eine Siegermiene auf. Der 10-jährige Junge geht in die vierte Klasse einer Berliner Grundschule. Mathe macht ihm am meisten Spaß. Blitzschnell subtrahiert und addiert er im Kopf die Zahlen bis tausend. Elvis ist ein richtiger „Berliner Jung“: frech, blitzgescheit und verdammt cool. Wenn der Junge mit den braunen Haaren und den wachen Augen sich vorstellt, sagt er seinen Namen betont langsam. Und nur für den Fall, dass jemand seinen Namensvetter nicht kennt, betont er: „Von dem Sänger aus Amerika.“

Vor einem Jahr bestieg Elvis mit seinem jüngeren Bruder und seinen Eltern in der rumänischen Hauptstadt Bukarest einen Bus. 1688 Kilometer und 24 Stunden später stiegen sie in Berlin wieder aus. Im Gepäck nur das Nötigste und vor allem die Hoffnung, dass es sich woanders besser leben lässt. Erst lebte die Familie in einem Zimmer in einer Wohnung mit anderen Roma zusammen, vor ein paar Monaten haben sie eine eigene Wohnung gefunden. Elvis beginnt zur Schule zu gehen und lernt schnell Deutsch – noch lange nicht perfekt, aber das kann ja noch werden. Für ihn ist die Sache klar: „In Berlin gefällt es mir besser als in Rumänien.“

Aber Elvis kommt nicht nur aus Rumänien. Seine Familie gehört auch zu Europas größter ethnischen Minderheit: Roma. Roma ist ein Sammelbegriff für verschiedene Bevölkerungsgruppen wie die der Sinti, Ashkali, Kalderasch oder der Lovara. Romanes heißt die gemeinsame Sprache, die je nach Land sehr unterschiedlich sein kann. Zwischen zehn und zwölf Millionen Roma leben in den 27 EU-Staaten, schätzt die Europäische Kommission für Beschäftigung, Soziales und Integration. Die Zahl der deutschen Sinti und Roma wird von Unicef auf 70.000 geschätzt. Seit den EU-Osterweiterungen von 2004 und 2007 zieht es mehr und mehr Roma vor allem aus Rumänien und Bulgarien nach Westeuropa. Die EU-Freizügigkeitsregelung macht es möglich. Jeder EU-Bürger darf in jedem EU-Land leben, arbeiten oder als Arbeitssuchender einreisen. Für Rumänen und Bulgaren gibt es derzeit noch Arbeitsmarktbeschränkungen für reguläre Angestelltenverhältnisse. Der Berliner Senat schätzt, dass in den letzten Jahren circa 20.000 Rumänen und Bulgaren nach Berlin gekommen sind – Tendenz steigend. Wie viele davon Roma sind, ist unklar.

Blanca ist 30 Jahre alt und kommt ebenfalls aus Rumänien. Seit mehr als einem Jahr wohnt sie mit ihrer Familie in Berlin. Gerade schiebt sie einen Kinderwagen mit ihrem sechs Monate alten Baby durch die Toreinfahrt eines grauen zweiten Hinterhofes in der Flughafenstraße in Berlin-Neukölln. Im Hof wartet eine Gruppe Kinder. „Blanca, Blanca“, rufen sie und beginnen, ihr von ihrem Tag in der Schule zu erzählen. Es ist ein Sprachenmix aus Rumänisch, Deutsch und Romanes. Mitten unter den Kindern fühlt Blanca sich wohl. Hier wird sie gebraucht. Blanca engagiert sich beim Roma-Selbsthilfeverein Amaro Drom, der in der Flughafenstraße eine Sozialberatung, ein Kinderprogramm und Roma-Jugendgruppen organisiert. „Was soll ich machen?“, fragt Blanca. „Wenn meine Leute Hilfe brauchen, dann helfe ich.“ Blanca ist eine wichtige Ansprechpartnerin für die Sorgen und Probleme ihrer rumänischen Landsleute. Auch die Kinder, die jeden Tag zu Amaro Drom kommen, um Hausaufgaben zu machen, Deutsch und Mathe zu lernen, hängen an ihr.

blancaBlanca kommt aus einem kleinen Dorf, dass circa zwei Autostunden von Bukarest entfernt liegt. Als Kind hat sie ihre Hand, ihren Arm und ihr Gesicht verbrannt, weil ein freilaufendes Schwein aus dem Dorf den großen Topf mit der heißen Suppe umstieß, hinter dem sie stand. Blanca, eine kleine, aber resolute Frau, trägt meistens einen langen Rock. Ihre schwarzen Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. Wenn sie lacht, und das macht sie oft, dann blitzen Goldzähne in ihrem Mund. Ein bisschen schämt sie sich für ihre Zähne. „Mit den Goldzähnen sehe ich älter aus, als ich bin. Außerdem sehen die Leute gleich, dass ich eine Roma bin. Ich schäme mich nicht, eine Roma zu sein, aber ich weiß, was die Leute denken, und das will ich nicht.“ Aber das mit den Goldzähnen wurde in ihrer Familie schon immer so gehandhabt. Das Gleiche galt dann für die Heirat als Jugendliche und für den Schulabbruch. „Ich habe geweint und gesagt: ‚Mama, ich will weiter zur Schule gehen.‘ Aber gegen das ‚Nein‘ meiner Mutter konnte ich nichts ausrichten.“ Heute will Blanca alles anders machen. „Was mir passiert ist, soll meinen Kindern nicht passieren. Sie sollen zur Schule gehen. Ich will ein anderes Leben, keine Tradition mehr, ich will sie vergessen. Mit der Tradition kann man sich nicht entwickeln, weil sie immer nur aufhält.“

Obwohl ihr der Abschied aus der Heimat und von ihrer Familie schwerfiel, sieht Blanca nur in Berlin eine Zukunft für sich und ihre Familie. Andauernde Arbeitslosigkeit, Armut und Perspektivlosigkeit ebenso wie Diskriminierung und Verfolgung machen Roma das Leben in Osteuropa schwer. In Ungarn und Tschechien organisieren rechtsextreme Bürgerwehren Brandanschläge und Straßenterror gegen Roma-Familien und -Dörfer. Im nordrumänischen Baia Mare wird eine 1,80 Meter hohe Mauer um ein überwiegend von Roma bewohntes Viertel gebaut. Der Bürgermeister spricht in diesem Zusammenhang von Sicherheitsmaßnahmen, Menschenrechtsorganisationen von einer „Gettoisierung“. Während große Teile der Gesellschaft in diesen Ländern Roma total ablehnen, ziehen sich Roma-Familien immer mehr zurück und halten bewährte Überlebensstrategien hoch.

Ein auswegloser Kreislauf, wie es die Ethnologin Verena Spilker sieht. Immer wieder hielt sich die 30-jährige Berlinerin in der Ukraine, in Mazedonien und in Ungarn auf. Im Rahmen von Forschungsreisen, Projekt- und Freiwilligendienstarbeit hat sie die dortigen gesellschaftlichen Probleme kennengelernt. Klauen, Schmutz und Armut lägen in den Genen der Roma, so die gängige Behauptung in diesen Ländern. „Niemand hat das Gefühl, etwas tun zu müssen, um die Situation zu verändern. Und diese Resignation und Hoffnungslosigkeit spürt man in fast jeder Minute.“

| 1 | 2 | vorwärts

Mehr über Cookies erfahren