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Bommi Baumann über Stasispitzel Kurras, Rock\n\Roll und mehr

Bommi_Baumann_Rausch_Terrortip Herr Baumann, warum hat der Stasi-Spitzel Karl-Heinz Kurras am 2. Juni 1967, während der Demonstration gegen den Staatsbesuch von Mohammad Reza Pahlavi, den Studenten Benno Ohnesorg erschossen?
Michael Baumann Dass Kurras bei der Stasi war, wusste damals natürlich niemand. Der Typ war einfach ein klassischer Waffennarr, der hat den Ohnesorg im Überschwang der Gefühle erschossen. Die Situation an dem Tag war voller Chaos und Gewalt. Kurras wusste wahrscheinlich selbst nicht, warum er das gemacht hatte, bei ihm ist da was durchgebrannt.

tip Hätte die Tatsache, dass der Kurras bei der Stasi war, etwas verändert, wenn Sie das damals während der Gerichtsverhandlungen schon erfahren hätten?
Baumann Es wäre nicht anders gekommen. Das Schlimme war doch der Freispruch für Kurras. Schon alleine die Sprüche des Gutachters während des Prozesses: „Herr Kurras kann gar nicht schuldig sein, Herr Richter, sehen Sie ihn sich doch an. Herr Kurras trägt kurze Haare und eine Krawatte.“ Da kam uns die Galle hoch.

tip Glauben Sie, dass das Urteil anders ausgefallen wäre, wenn seine Stasi-Tätigkeit bekannt gewesen wäre?
Baumann Na, dann hätte man ihn vielleicht nur wegen der Stasi-Tätigkeiten verurteilt, und die Bewegung 2. Juni hätte sich vermutlich nicht Bewegung 2. Juni genannt.

tip Sondern?
Baumann Vielleicht Raiders on the Storm …

tip Finden Sie es richtig, dass man Kurras jetzt noch mal den Prozess macht?
Baumann Wenn die Anklage auf Mord lautet, ja.

tip Oder wenn man herausfindet, dass er im Auftrag der Stasi geschossen hat …
Baumann Glauben Sie wirklich, die Stasi agierte im freien Raum? Ohne Politbürobeschluss hätten die nichts gemacht. Und Walter Ulbricht hätte in Moskau anfragen müssen. Stellen Sie sich mal diese Befehlskette vor, und darüber müss­te es dann irgendwo eine Akte geben. Das ist Quatsch. Da ist einfach ein Psychopath vollkommen durchgeknallt – so muss man das sehen.

tip Die Stasi war aber dennoch in der westdeutschen Protestbewegung offenbar präsenter als gemeinhin angenommen. Es gibt ja genug Verbindungen zwischen der Stasi und der RAF.
Baumann Da gibt es zwei Menschen: Ulrike Meinhof, die immer Anbindung an die DKP hatte, und Horst Mahler. Die beiden sollten zum Beispiel nach dem Vietnam-Kongress in Berlin Gelder, die die Deutsche Linke für den Vietcong gesammelt hat, zur Vietname­sischen Botschaft in Ost-Berlin bringen. Dafür brauchten sie eine Sondergenehmigung, um in die DDR mit so viel Bargeld einreisen zu können. Kontakte gab es also, man sollte sich mal die Stasi-Akten der beiden besorgen.

tip Vielleicht ein weiteres Thema für Sie. Sie sind mittlerweile so etwas wie der offizielle Chronist der Bewegung 2. Juni. Ihr letztes Buch heißt „Rausch und Terror“, in dem Sie über die Verstrickungen von Drogenhandel und Terrorismus berichten. Woran arbeiten sie zurzeit?
Baumann Zusammen mit Till Meyer machen wir ein Buch über die bewaffneten Gruppen in Europa: Angry Brigades, IRA, Brigada Rosso usw.

tip Halten Sie Gewalt heute noch für ein probates Mittel, Politik zu betreiben?
Baumann In einer zivilen Gesellschaft werden Konflikte gewaltlos gelöst. Wenn das nicht mehr funktioniert, ist es ein gesamtgesellschaftliches Versagen. Wir haben damals gedacht, die Situation ist so weit, dass wir gewaltsam antworten müssen. Auf die heutige Situation trifft das definitiv nicht zu, eher wäre ein Generalstreik angebracht.

tip Sie wohnen in Friedrichshain, und da brennen ja besonders viele Autos in letzter Zeit. Was halten Sie davon?
Baumann Wo ist denn der tiefere Sinn, wenn jemand einen Smart abfackelt?

tip Und was ist mit einem teuren Mercedes?
Baumann Der kann doch sonst wem gehören, irgendeinem Rock’n’Roller zum Beispiel, der eben Mercedes fahren will und sich dafür verschuldet hat. Das ist die falsche Agitation, weil sie wahllos und willkürlich ist.

tip Und was wäre die richtige?
Baumann Der Fehler ist, dass hier die Grundstimmung nicht getroffen wird. Der Hauptwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit ist schließlich geblieben. Über den Wert der Arbeit wird aber heute nicht mehr geredet. Nehmen wir etwa die Finanzkrise, da sind ja nicht einzelne Banker durchgeknallt, sondern ein ganzes System.

tip Das aktuelle Politgeschehen interessiert Sie aber schon noch?
Baumann Ich lese täglich vier bis fünf Stunden die internationale Presse, und das mache ich seit 40 Jahren so. Schon in der Kommune 1 ging morgens einer runter und kaufte alle Zeitungen, die an dem Tag rausgekommen sind. Dann haben wir beim Frühstück Artikel nach bestimmten Kriterien angestrichen. Wir hatten ein Archiv mit 23 Rubriken und haben danach das ganze Tagesgeschehen aufgeschlüsselt, ausgeschnitten und abgeheftet. So entstand eine Tages­analyse.

tip Engagieren Sie sich auch aktiv?
Baumann Ich finde das alles ziellos und latsche nicht mehr gerne auf Demos – und irgendwelche Gruppen gründen würde ich sowieso nicht mehr.

Text: Interview: Britta Geithe, Jacek Slaski

Zur Person:
Michael „Bommi“ Baumann, Jahrgang 1948, ist gelernter Betonbauer. In den 60er Jahren war er Mitglied des Zentralrats der umherschweifenden Haschrebellen und später Mitbegründer der Bewegung 2. Juni. 1981 wurde er in London verhaftet und verbüßte eine fünfjährige Freiheitsstrafe. Seine letzte Veröffentlichung „Rausch und Terror“ erschien 2008 im Rotbuchverlag.

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