Stadtleben

Bötzowviertel

Sie waren wieder hier. Sind wieder durch die Straßen gestrichen, um zu schauen, ob denn die böse Gentrifizierung weiter zugeschlagen hat. Hier im Bötzowviertel in Prenzlauer Berg, wo der ehrliche Arbeiter im Blaumann längst von Bionade trinkenden Pärchen mit Kind und i-Phone abgelöst worden ist.
Zuletzt kam ein Reporter von GEO in die Hufelandstraße und stellte fest, dass viele Menschen, die vor 20 Jahren noch hier wohnten, nicht mehr da sind (Genauso geht’s mir, wenn ich meine Eltern in Paderborn besuche). Aus dieser in unzähligen Artikeln vorgetragenen Beobachtung eines vorgeblich falschen Lebens spricht aber allenfalls der Argwohn des Reporters dem eigenen saturierten Leben gegenüber, das Leiden an der verpassten Chance, irgendwann im Leben mal echte Solidarität gegenüber schlechter Gestellten geübt zu haben. So fallen sie stattdessen eben über das neue Bürgertum in Prenzlauer Berg her und lassen da­bei sämtliche soziologische Trennschärfe vermissen.

Damit eins klar ist: Natürlich ist es bedauernswert, wenn die Kinder für manche Eltern zum überbehüteten Lebensinhalt werden und Menschen auf Hartz-IV ihre alten Wohnungen verlassen müssen – nur ist das alles eben bei Weitem kein Phänomen des Prenzlauer Bergs, sondern auch von Hamburg-Eimsbüttel oder München-Schwabing, wenn nicht der ganzen Repu­blik. Es sind die Verwerfungen einer Gesellschaft, in der auf vier Erwachsene ein Kind kommt und die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht.

Dass die Reporter diesen gesellschaftlichen Wandel aber stets nur am Berliner Osten festmachen, spricht für eine erstaunliche intellektuelle Faulheit, schließlich lässt sich schön voneinander abschreiben, ohne dass man noch genauer hinschauen müsste. Denn eigentlich eignet sich die Hufelandstraße im Bötzowviertel so gar nicht als abschreckendes Beispiel für den Wandel eines Sprengels. Es gibt hier auf einer Länge von 500 Metern tatsächlich ein wenig zu viele Stehcafйs mit Latte-Ausschank, aber eben auch einen Gemüseladen, einen Bäcker, einen Fahrradladen, zwei Blumenläden, ein billiges portugiesisches Restaurant, zwei Vietnam-Imbisse, einen Laden für Reinigungsbedarf, einen Automatenwaschsalon, ein Reisebüro und eine Säuferkneipe, wo der Futschi 2,50 kostet. Eigentlich eine schöne Mischung, die aber so gar nicht in die vorgefertigten Stanzen der Gentrifizierungskritiker passt. Aber wenn es denn im Osten so schön war, fragt man sich, warum diese Reporter nicht nach Schwedt an der Oder ziehen. Da gibt’s ihn nämlich noch.

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