Stadtleben

BRANDAUER!

Rainald Goetz war im Theater, und was er sah, war grauenvoll. Goetz: „Brandauer ist der scheußlichste Mensch auf Erden.“ Goetz hat sich vergangenes Jahr Peter Steins „Wallenstein“ angesehen und darüber in seinem „Vanity Fair“-Blog geschrieben. Den Blog gibt es nicht mehr, aber jetzt sind alle Goetz-Notate, seine Internet-Tages-Mitschriften, bei Suhrkamp als Buch erschienen, genau wie vor neun Jahren, als Goetz sein damaliges Internet-Tagebuch als „Roman eines Jahres“ ebenfalls bei Suhrkamp rausgebracht hat.

Um es gleich zu sagen: Sein neues Buch („Klage„) ist eine Freude, auch wenn man Goetz nicht um die Probleme beneidet, die er mit sich, den Texten und der Welt hat. Eine Freude sind seine Selbst- und Weltwahrnehmungskunst, seine Medienbeobachtung, sein wacher Hass, seine Idionsynkrasien, seine Scherze und seine Glücksmomente. Seinen „Wallenstein“-Besuch fasst er in einem „Kurzreport“ zusammen: „Brandauer ist der scheußlichste Mensch auf Erden. Der breitgesessene Stein gegen ihn eine wahre Geistesgestalt. Um viertel nach zwölf, 0 Uhr 15, sah man das, beim Applaus, wo Brandauer Stein neben sich her schleifte, vorrennend  in der Applauskette der Schauspieler, vor an die Rampe, Zitat einer früheren Jubelbewegung auf die Zuschauer zu, jetzt so ausgeleiert wie dieser ganze BE-Trash, traurig, reaktionär, finster, die Sektchenkultur der Prösterchenprolls.“ Wie gesagt, das Buch ist eine Freude.

Weiter in Goetz‘ Wallenstein-Report: „Begeisterung im Publikum: absolut, grenzenlos, ohne Widerspruch. (..) Das war am Ende, nach gut 10 Stunden, der endgültige Abturn, wie die Leute rasten und sich freuten, die fanden diese Müllkippe von Theater wirklich grandios. Scheußlicher als scheußlich, gefühlte 20 Stunden Aufführung: der unfassbar scheußliche Brandauer. Das Scheußlichste am Wallenstein, ich weiß gar nicht, ob das hier bisher genügend klar geworden ist, war der Knallchargenschauspieler Brandauer. Das zweitscheußlichste war Schiller. Schiller ist so grausam hohl, da ist die gleichnamigeTrancepopband Schiller ein Geisteshighlight dagegen.“ Der Rest des Buches ist genau so toll, zum Beispiel wenn Goetz, zwei Tage vor seinem „Wallenstein“-Besuch, im TIP ein Interview mit Dirk von Lotzow liest und anschließend zum „superenegetischen“ Tocotronic-Konzert in die Volksbühne geht.

i) Rainald Goetz: Klage, Suhrkamp, 429 Seiten, 22,80 Ђ

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