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Buchautorin Güner Yasemin Balci im Interview

BalciWir sprachen mit ihr über von ihren Familien quasi eingesperrte Töchter, das Doppelleben der Söhne, die Macht der Mütter, notwendige Klischees, nervende Fernsehanfragen und ihr neues Buch „ArabQueen

tip Frau Balci, Sie sind vor kurzem Mutter geworden, herzlichen Glückwunsch. Welche Werte möchten Sie Ihrem Sohn mitgeben?

Güner Yasemin Balci Dass er ein sehr sozialer Mensch wird. Dass er offen ist für alles, was anders und fremd ist. Und dass er für die richtigen Dinge einsteht im Leben, also Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechte.

tip Muss Ihr Kind später im Haushalt mithelfen?

Balci Ja, auf jeden Fall. Wenn ich gefragt wurde, ob ich mir einen Sohn oder eine Tochter wünsche, habe ich immer geantwortet: einen Sohn. Das hat viele überfordert, weil sie dachten, ich als Frauenrechtlerin möchte eine Tochter haben. Aber ich habe von vornherein gesagt: Er wird ein Feminist (lacht). Es gibt schon eine Menge tougher Frauen und viel zu wenig emanzipierte Männer.

tip Es geht in Ihren Büchern immer auch um Familie. Sie haben jetzt selber eine eigene. Was bedeutet Familie für Sie?

Balci Man versucht, sich irgendwann von der Familie zu lösen, das ist ein Prozess. Aber eigentlich ist Familie das, was man nie los wird oder auch nicht loswerden will. Und wenn man dann noch den Vorteil hat, dass die Familie ein angenehmer Teil von einem selbst ist, dann ist es umso besser.

tip Mariam und Fatme, die Hauptpersonen in Ihrem neuen Buch „ArabQueen“, kennen kein Familienglück. Die beiden haben reale Vorbilder: zwei Mädchen, die Sie bei Ihrer früheren Arbeit in einem Neuköllner Mädchentreff kennengelernt haben. Warum haben Sie gerade sie zu Ihren Heldinnen gemacht?

Balci Das sind zwei junge Frauen gewesen, so wie ich. Mit all den Fähigkeiten, Wünschen und Träumen, die auch jeder andere Mensch hat. Und es hat mich erschrocken, dass sie so einen völlig anderen Lebensweg eingeschlagen haben, obwohl sie den gar nicht einschlagen wollten. Ich wollte dem nachspüren, warum ein Mensch sich so an seine Familie bindet, ohne Rücksicht auf Verluste, und all die Gewalt und die Unterdrückung erträgt.

tip Waren die beiden Frauen die härtesten Beispiele aus Ihrer Zeit im Mädchentreff?

Balci Die härtesten Beispiele haben es gar nicht zu mir in die Mädchenarbeit geschafft. Das sind junge Frauen, die gar nicht rausdürfen, die eingesperrt waren. Aber die beiden waren für mich so krass, weil sie so waren wie ich. Sie sind in Berlin auf die Welt gekommen und sprechen perfekt Deutsch. Aber sie müssen so leben wie jemand, der im ostanatolischen Dorf wohnt, wo Frauen keine Rechte haben.

tip Ihre eigenen Eltern sind in den 60er Jahren aus Ostanatolien nach Deutschland gezogen. Mariam und Fatme waren wie Sie, sagten Sie, aber offensichtlich ist bei Ihnen etwas anders gelaufen.

BalciBalci Ich habe es nicht so schwer gehabt wie die beiden. Meine Eltern fanden viele Sachen, die ich gemacht hab, auch nicht toll. Aber bei Mariam und Fatme ging es wirklich immer um Leben und Tod. Die hätten sich nicht vor ihren Vater oder die Mutter stellen können, so wie ich, und sagen können: Ich hab jetzt einen Freund, und der ist kein Türke. Da hätten sie dem Tod ins Auge sehen müssen. Als mein Vater nach Deutschland kam, hat er ein großes Interesse gehabt, die Menschen hier kennenzulernen. Er empfand es als einen Gewinn, dass er aus seinem Kaff weg war und in Deutschland leben konnte, wo die Straßen geteert sind und die Menschen in Häusern mit fließend Wasser wohnen. Und wo die Menschen Bildung geschenkt bekommen. Meine Eltern haben deutsche Freunde gefunden. Meine Mutter spricht sehr gut Deutsch, obwohl sie Analphabetin ist. Ich glaube, meine Eltern hatten einfach keine Angst, dass sie etwas verlieren, wenn wir Kinder mehr deutsch werden.

tip Sie schreiben in der Einleitung zu Ihrem Buch, es sei eine „Anleitung zur Rebellion“. Für wen ist diese Anleitung gedacht?

Balci Ich wünsche mir, dass das junge Frauen und Mädchen lesen, die unmittelbar betroffen sind von so einer Situation. Sie finden sich sonst nicht in der Literatur wieder, in der Frauen meistens selbstbestimmte Lebensentwürfe haben. Und mit „ArabQueen“ haben sie ein Buch, das ihrer Geschichte nahekommt. Und dann wünsche ich mir, dass auch Pädagogen oder Lehrer das Buch lesen. Damit sie mehr über die Lebenswelt von jungen Mädchen erfahren, die in der Schule scheitern oder plötzlich nur noch unregelmäßig zur Schule kommen.

tip Mariam kann nur durch Flucht ihrer Familie entkommen. Gibt es denn in diesem System tatsächlich nur Flucht oder Tod, oder ist da auch noch Raum für einen versöhnlicheren Ausweg?

Balci Wenn man bereit ist, Abstriche zu machen bei der individuellen Freiheit, dann kann man auch Kompromisse schließen. Ein Kompromiss könnte sein, dass man nicht den ersten Cousin heiratet, der einem angeboten wird, sondern den dritten. Aber man kommt nie darum herum, den Wünschen der Eltern in irgendeiner Form gerecht zu werden. Diese Frauen werden nie durch Kompromiss oder gegenseitiges Einvernehmen mit den Eltern und mit der Verwandtschaft eine eigene Wohnung beziehen können, wo sie allein und selbstständig leben. So etwas geht nicht. Wenn man mehr vom Leben möchte als Heiraten und ein Teil dieses Sippensystems sein, dann muss man gehen.

tip Wie schätzen Sie die Zukunft dieses Sippensystems hier in Deutschland ein?

Balci Dieses System hat sich in Deutschland total verfestigt. Man wird heutzutage als arabisches oder türkisches Mädchen, wenn die Eltern nicht zu den Akademikern gehören, hineingeboren in ein System wie in Anatolien. Die Familie, die Verwandtschaft, alle leben in einem Bezirk, manchmal in einem Straßenzug und im schlimmsten Fall in einem Häuserblock. Und entsprechend reibungslos funktioniert dann dieses Parallelsystem. Wenn es diese Inseln mit eigenen Gesetzen und Regeln nicht gäbe, dann müssten sie sich anpassen. Dann müssten sie auch ihren Töchtern mehr erlauben.

tip Was könnte helfen, dieses System durchlässiger zu machen?

Balci Es müsste viel öfter thematisiert werden, dass es extreme Menschenrechtsverletzungen und Parallelgesellschaften gibt, in denen Gleichberechtigung nicht existiert. Wo es sogar Regel und Gesetz ist, dass der Mann der Frau übergeordnet ist. Und darüber muss auch mehr politisch diskutiert werden, weil das Bürger in Deutschland sind – ob sie nun die deutsche Staatsbürgerschaft haben oder nicht.

tip Nach dem sogenannten Ehrenmord an Hatun Sürücü 2005 in Berlin ist eine ganze Menge passiert. Da gab es auch hier den Aufschrei – der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky zum Beispiel hat die Parallelgesellschaften zur Sprache gebracht.  

Balci Genau, zum Glück. Aber es gab auch diejenigen, die sagen: Darüber darf man aber nicht ständig reden, weil man sonst die Fremdenfeindlichkeit schürt. Für mich ist es ein deutsches Problem, weil es in Deutschland mit Menschen passiert, die hier sozialisiert wurden. Und ich finde das viel fremdenfeindlicher, wenn man versucht, darüber nicht so viel zu reden …   

Das gesamte Interview von Stefanie Dörre und Britta Geithe lesen sie in der aktuellen Ausgabe des tip 16/2010.

Foto: Harry Schnittger 

ArabqueenGüner Yasemin Balci wurde 1975 in Berlin-Neukölln geboren und ist dort aufgewachsen. Sie hat Erziehungs- und Literaturwissenschaft studiert und in einem Mädchentreff im Rollbergviertel mit Jugendlichen aus  türkischen und arabischen Familien gearbeitet. Sie war Redakteurin beim ZDF und arbeitet heute als freie Autorin und Fernsehjournalistin. „ArabQueen oder Der Geschmack der Freiheit“ ist nach „Arabboy. Eine Jugend in Deutschland oder Das kurze Leben des Rashid A.“ ihr zweites Buch.

Güner Yasemin Balci „ArabQueen oder Der Geschmack der Freiheit“, 320 Seiten, S. Fischer Verlag, 14,95 Ђ

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