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Heinz Buschkowsky: „Neukölln ist überall“

HeinzBuschkowskÜbrigens fühlt sich Heinz Buschkowsky von Thilo Sarrazin diskriminiert. Tatsächlich. Darauf muss man erst mal kommen. Am frühen Mittwochmorgen vergangener Woche, an dem die „Bild“-Zeitung Teil drei ihrer Buschkowsky-Festspiele druckt, „Die bittere Wahrheit über unsere Schulen“; an jenem Tag, an dem „Die Zeit“ die Vorabmeldung zu ihrem tags darauf erscheinenden Interview mit „Buschkowsky: Wowereit redet Stuss“ betitelt – an diesem Morgen, es ist gerade mal halb acht und eigentlich absolut noch nicht Buschkowskys Betriebszeit, lehnt sich der berühmteste Bezirksbürgermeister der Welt in seinem Büro im ersten Stock des Rathauses Neukölln zurück und brummt: „Ich glaube, dass die Empörung über mein Buch nur verhalten bleiben wird.“
– Wirklich? Wieso das denn? „Es beschreibt die reale Lebenswelt.“

An diesem Morgen sind es noch zwei Tage bis zum Erscheinen von „Neukölln ist überall“. Sozusagen Buschkowskys Greatest Hit „Multikulti ist gescheitert“ auf 400 Seiten. Über arabische oder türkische Parallelgesellschaften, die derart ausgebaut seien, dass er sie für „irreversibel“ hält.  Über politische Misserfolge mit Ansage. Aber auch darüber, was helfen könnte. Kitapflicht ab 13 Monaten, Ganztagsschulen. Und dass  Integration gewollt sein muss. Von beiden Seiten.
Für das Gespräch mit dem tip bleibt nur dieser 7.30-Uhr-Termin. Gleich danach ist „Focus“ dran. „Einzige Chance“, hatte sein Büro gemailt. „Keine Verhandlung möglich.“ Bei Heinz Buschkowsky macht sogar die Sekretärin klare Ansagen. Alle Vorabdrucke in der „Bild“ tragen im Titel diese markige Phrase: „Die bittere Wahrheit über …“. Über Multikulti, unser Sozialsystem, unsere Schulen, Gewalt und Kriminalität. Bйla Anda, stellvertretender „Bild“-Chefredakteur, früher Regierungs­sprecher unter Kanzler Schröder, schrieb im Kommentar zum Serienauftakt: „Buschkowskys Botschaft: Jeder kann Opfer werden.“

Man liest Buschkowsky den Satz vor. Er schüttelt kurz den Kopf. Dann fragt er: „Haben Sie diese Botschaft im Buch entdeckt?“
Nun ja. Es ist nicht so, als wenn Buschkowsky alles täte, als würde er sich gegen diesen oder jenen Eindruck wehren, von dem er hinterher sagt, er wäre falsch. Zum Beispiel, wenn er über das Parkverhalten in der Neuköllner Sonnenallee referiert. Die Situation: drei zugeparkte Spuren. Radweg, Parkstreifen, erste Fahrspur. Die zweite und letzte Spur dann dicht durch einen haltenden Wagen. Darin ein Fahrer mit Migrationshintergrund und Gesprächsbedarf.  Die Empfehlung des Bürgermeisters an dergestalt ausgebremste deutsche Fahrer geht dann so: nicht hupen, nicht aussteigen. Anderenfalls könne es sein, „dass Sie gleich die Stiefel Ihres Gegenübers lecken.“ Dieser Satz – Buschkowsky hat ihn übrigens, das sagt er mit frappierender Selbstverständlichkeit, aus einem Film, Detlev Bucks „Knallhart“ – steht auch in „Bild“.

Der Ullstein-Verlag hat das Buch um eine Woche vorgezogen. Das Timing ist trotzdem mäßig perfekt. Dieses abgefeimte Mohammed-Video macht immer noch Schlagzeilen. Dazu noch der Innensenator Frank Henkel von der CDU, der sich durch seine V-Mann-Affäre in Sachen NSU-Terror dilettiert. Zum „Bild“-Vorabdruck gibt es bis zu diesem Morgen nur zwei Reaktionen. Zum einen von einem gewissen Michael Frieser, Inte­grationsbeauftragter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der Multikulti auch nicht sonderlich mag. Zum anderen von der Landesarbeitsgemeinschaft für Migration der SPD. Seine eigenen Genossen titelten lesbar angefressen: „Buschkowsky, Du Opfer!“
Verhaltene Empörung, tatsächlich. Aber wer weiß? Die Talkshows sind eingetaktet.

Buschkowsky sagt: „Die organisierte Empörung sortiert sich noch. Jeder Protest richtet sich auch gegen das eigene Nichtstun.“
Das ist so ein typischer Buschkowsky-Kracher. Vieles steckt da drin. Heinz Buschkowsky, wie er sich in der Welt sieht. Einer gegen viele. Klartext gegen Verschwurbeln. So klingt auch das Buch. Kein Süßstoff. Einfach nur Kaffee, schwarz. Es ist eine Art Bilanz. Nächstes Jahr wird Buschkowsky, seit 2001, im Amt 65 Jahre alt. Das Gesetz lässt keine weitere Amtszeit zu. Karriere-Pläne verfolge er auch nicht, „obwohl ich mit 70 noch Minister oder Senator werden könnte“.
– Nicht einmal Innensenator, vielleicht?
„Wird der gerade frei?“, fragt er zurück.

Allein die Vorstellung muss für Buschkowskys Widersacher ein Graus sein. Im Buch schreibt der Zumuter vom Dienst über die Grundschulen in Nord-Neukölln, wo Kinder mit Migrationshintergrund 87 Prozent der Schüler stellen und die einzigen Bio-Deutschen im Raum oft die Lehrer sind. Über den Anteil von Hartz-IV-Empfängern bei den Unter-25-Jährigen von 41 Prozent (in Berlin sind es 28 Prozent), in Nord-Neukölln gar bei geschätzten 70 Prozent. Oder über migrantische Jugendkriminalität mit drei Opfer-Typen. Erstens: deutsche Jugendliche. Zweitens: deutsche, alte Frauen. Drittens: alle, „die den Eindruck der Schwäche vermitteln oder die in irgendeine (nervende) Beziehung zum Täter getreten sind.“
Buschkowsky sagt süffisant: „Wenn Sie ein positives Zerrbild, also auch eine Scheinwelt über ausschließlich positive Integrationspolitik lesen wollen, müssen Sie sich das Buch von Klaus Wowereit kaufen.“ Das heißt „Mut zur Integration“, es ist ein Jahr alt.

Er selbst lässt als Beleg oft diejenigen zu Wort kommen, die dabei sind, genau diesen Mut zu verlieren. Wenn sie das nicht längst schon haben. Lehrer, Polizisten, Sozialarbeiter, Bewährungshelfer, Jugendrichter. Viele. Ein „Bild“-Leser, online: „Buschkowsky erzählt das Gleiche, was Sarrazin erzählt, nur geht er um einiges mehr ins Detail.“
Thilo Sarrazin. Beim Thema Integration kommt man an ihm schwerlich vorbei. Buschkowsky fuhr deshalb sogar zu Sarrazin nach Hause. Zum Ex-Finanzsenator, der einst Bezirkspolitiker mit Gänsen verglich, die laut schnatterten, aber keine Eier legten. Der Satz, durch den sich Buschkowsky, so schreibt er, „bis heute“ diskriminiert fühlt.
Das Kapitel im Buch verrät einiges darüber, was die Integrationskritiker vereint. Aber auch, was sie eben trennt.
Zum Beispiel, als Buschkowsky von den  Modellprojekten Albert-Schweitzer-Schule und Campus Rütli berichtet. Von steigenden Abiturientenzahlen. Und Sarrazin sagt nur: „Was werden das schon für Abiture sein?“
Dazu schreibt Buschkowsky: „Das ist so ein Moment, in dem ich massive Zweifel empfinde, ob es Thilo Sarrazin wirklich um eine Veränderung der Zustände geht.“
Man kann über Buschkowsky sagen, was man will. Aber das ist der Unterschied zu Sarrazin. Ein ziemlich großer. 

Text: Erik Heier

Foto: Paulus Ponizak

Buchpremiere: „Neukölln ist überall“
Urania, An der Urania 17, Schöneberg,
Do 4.10., 19.30 Uhr

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