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Bürgermeisterwahl in New York: Warum hat Berlin keinen Zohran Mamdani?

New York hat einen sozialistischen Bürgermeister gewählt. Während Zohran Mamdani mit Charisma, Community und TikTok die Herzen der New Yorker:innen gewann, sucht die Berliner Linke noch nach ihrer eigenen Stimme für die Revolution. Kann sie von Mamdani lernen?

„New York bleibt eine Stadt der Einwanderer, eine Stadt, die von Einwanderern aufgebaut wurde“: Zohran Mamdani kurz nach seinem Wahlsieg bei der Siegerrede in Brooklyn. Foto: IMAGO / MediaPunch

Berlin vs. New York: Zwei Städte, die niemals schlafen?

Berlin und New York City – zwei Städte, die vieles gemeinsam haben. Beide sind kulturelle Schmelztiegel, pulsierende Zentren für Musik, Theater, Kunst und Film. Beide Städte ziehen Kreative aus aller Welt an, beide schlafen wenig, beide ächzen unter einem überlasteten Nahverkehr. Multikulturell, laut, widersprüchlich, kulinarisch aufregend: Street Food, Fusion-Küchen, internationale Restaurants an jeder Ecke.

Bei aller Liebe: Dass Berlin wirklich wie New York wäre, das ist trotz aller Gemeinsamkeiten natürlich ein bisschen größenwahnsinnig. Offensichtlich gibt es auch deutliche Unterschiede zwischen der deutschen Hauptstadt und dieser Metropole mit 8,3 Millionen Einwohnern, die den Hip-Hop erfunden hat und deren Skyline in der ganzen Welt bekannt ist.

Ab heute einer dieser Unterschiede: In New York wurde Zohran Mamdani zum Bürgermeister gewählt – ein junger, charismatischer Sozialist und Muslim. In Berlin regiert weiterhin Kai Wegner, der mit seiner schwarz-roten Koalition unbeirrt den Kahlschlag der Kulturlandschaft vorantreibt.

„That’s my mayor! (I live in Berlin, Germany)“

Nun muss man fairerweise erwähnen, dass der noch aktuelle New Yorker Bürgermeister, Eric Adams, auch ausgesprochen unbeliebt ist. Für Schlagzeilen sorgte er vor allem durch Korruptionsvorwürfe, seinen eher hilflosen „Krieg gegen die Ratten“ in der Stadt und seine skurrile Obsession, New York mit allen möglichen Städten zu vergleichen („New York City is the Istanbul of America“, „…the Mexico City of America“ – die unfreiwillige Comedy-Compilation gibt’s hier).

Adams hier, Wegner da – selten hat die Wahl eines Bürgermeisters weltweit so viel Aufmerksamkeit erregt wie an diesem 4. November. Wahrscheinlich jubeln heute mehr Berliner:innen über Mamdanis Sieg, als es je bei einer Wahl im eigenen Rathaus getan haben. „That’s my mayor! (I live in Berlin, Germany)“, kommentieren viele die Wahl auf Social Media. Das liegt vor allem an Mamdani als Person.

Ein Sozialist, Muslim und Rapper wird Bürgermeister

Der Mann ist erst 34, aufgewachsen in Queens als Sohn von Einwanderern und war früher übrigens auch mal kurz Rapper (Mr. Cardamom!). Als Vertreter des progressiven Flügels der Demokraten nimmt er soziale Ungleichheit und die Macht der Immobilienlobby ins Visier, besiegte damit bei den Demokratischen Vorwahlen den ehemaligen Gouverneur Andrew Cuomo und brachte Hunderttausende New Yorker:innen dazu, wieder an Politik zu glauben. Denn Berlin und New York haben noch etwas gemeinsam: Beide Städte werden immer teurer, die soziale Ungleichheit wächst.

Zu verdanken ist Mamdanis Erfolg seinem Charisma, seinen Themen, aber auch einem überaus smarten Wahlkampf. Seine Kampagne sah aus wie ein A24-Film, hip und farbenfroh, mit klarer Botschaft. Das gar nicht so geheime Rezept dahinter: Mit den Leuten wirklich reden. Ein Jahr lang klopften tausende Freiwillige an Haustüren, fast täglich zeigten Reels und TikToks Mamdani im Dialog mit Menschen – von der Bronx bis Brooklyn.

Ein Wahlkampf wie ein A24-Film

Er spricht in den Clips Englisch, Spanisch oder Arabisch, sitzt mit „Subway Takes“-Host Kareem Rahma in der U-Bahn oder feiert im Club zur NY-Hymne „Empire State of Mind“, und das sieht nicht gestellt aus, sondern authentisch. Genau das ist es, was so viele Wähler:innen überzeugt: Man glaubt Zohran Mamdani, dass er seine Stadt wirklich liebt. Er ist New Yorker durch und durch. Wenn Kai Wegner ein Berliner Club wäre, dann wohl das House of Weekend am Alexanderplatz – ziemlich abgehoben an einem Ort, den Berliner:innen lieber meiden.

Wenn es in Berlin jemals einen politischen Moment gab, der auch nur annähernd mit der Energie der Mamdani-Kampagne mithalten konnte, dann war es vielleicht der Wahlkampf der Linken zur Bundestagswahl. Auch dort zogen Freiwillige von Tür zu Tür und sprachen über die Themen, mit denen auch Mamdani seine Kampagne aufgezogen hat: die Alltagssorgen der Menschen.

Mamdani will Mieten einfrieren, kostenlose Kinderbetreuung einführen, den Busverkehr gratis machen – und Reiche sowie Unternehmen stärker besteuern, wobei er letzteres als Bürgermeister allerdings nur mit Unterstützung des Bundesstaats durchsetzen könnte.

Kommunistische Revolution im Big Apple?

Bezahlbares Wohnen, soziale Gerechtigkeit, niemand wird enteignet – im Grunde klassisches SPD-Programm. Das gilt in den USA natürlich schon fast als Revolution. Für viele war Mamdanis Kandidatur Grund genug, den Untergang der Stadt zu prophezeien, sollte dieser „Kommunist“ wirklich gewinnen. Donald Trump kündigte an, er werde die Nationalgarde nach New York schicken, falls Mamdani Bürgermeister werde.

Doch die Wähler:innen ließen sich weder von Trumps Drohgebärden einschüchtern noch von Andrew Cuomos unbeholfenen Versuchen, seinen Konkurrenten wahlweise als Antisemiten, Kommunisten oder sonst wie untragbar zu diffamieren. Dass Cuomo es nach seinem unrühmlichen Rücktritt als Gouverneur des Bundesstaates New York im Jahr 2021 und den verlorenen Vorwahlen im Juni nun als unabhängiger Kandidat in New York City versuchte, war ein verzweifelter Versuch, an alte Parteistrukturen anzuknüpfen. „New Yorkers are tired of Andrew Cuomo, but Andrew Cuomo doesn’t seem to understand when ‘no’ means ‘no’,“ kommentierte Rusat Ramgopal, der stellvertretender Wahlkampfleiter von Curtis Sliwa – eine kaum verhohlene Anspielung auf die Vorwürfe sexueller Belästigung, die Cuomo seinerzeit das Amt kosteten.

Apropos Curtis Sliwa: Man könnte fast vergessen, dass auch noch ein Republikaner im Rennen war! Wobei eigentlich allein die Tatsache, dass Sliwa, Gründer der Guardian Angels, dieser unbewaffneten Bürgerwehr mit roten Baskenmützen, überhaupt Republikaner geworden ist, schon absurd genug ist, um im Kopf hängen zu bleiben. Der einzige deutsche Politiker mit ähnlich viel Meme-Potenzial wäre wohl Markus Söder – wobei man als Berliner zu Bayern ja auch gerne etwas Distanz hält.

Elif Eralp, designierte Spitzenkandidatin der Partei Die Linke für die Abgeordnetenhauswahl in Berlin, mit Mitgliedern der Partei bei einer Demonstration. Foto: Imago/IPON.

Was Berlin von New York lernen kann

Kann die Berliner Linke von Mamdani Erfolg lernen? Parteichefin Ines Schwerdtner und Landesvorsitzender Maximilian Schirmer reisten jedenfalls Mitte Oktober nach New York, um den Mamdani-Freiwilligen beim canvassing zuzuschauen. Bei der Bundestagswahl im Februar wurde die Linke in Berlin stärkste Kraft; in Umfragen zur Abgeordnetenhauswahl liegt sie aktuell bei 17 Prozent und damit hinter der CDU (23 Prozent) und knapp vor der SPD (16 Prozent). Die Partei geht in Berlin mit großen Versprechen in den Wahlkampf, etwa mit dem Ziel, den Volksentscheid zur Enteignung großer Wohnungskonzerne endlich politisch umzusetzen – ein Schritt, der weit über Mamdanis Mietpreisbremse hinausgeht.

Es ist ein bisschen traurig, ein bisschen komisch: Die Berliner Linke hat die Themen, die Ideen, vielleicht sogar so etwas wie eine Strategie. Was bisher fehlt, ist die Person, die all das mit Charisma und Emotion auflädt – jemand wie Mamdani. Auch ihn kannte zu Beginn seiner Kampagne kaum jemand. Kann Elif Eralp, die Spitzenkandidatin der Berliner Linken für die kommende Abgeordnetenhauswahl werden soll, zu so einer Person werden?

In ihrem ersten Wahlkampfspot setzt sie auf Mamdani-Sprache, in Teilen fast wortgleich mit dessen Videos. „Menschen wie ich sollen in diesem Land eigentlich nicht Bürgermeister werden“, sagt die noch weitgehend unbekannte Eralp und verweist auf ihre Migrations- und Aufstiegsgeschichte. Der SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach, von 2014 bis 2021 Wissenschafts-Staatssekretär, flog bisher ebenso weitestgehend unter dem Radar – was allerdings, so die Hoffnung, eher von Vorteil sein könnte, denn er muss sich nicht für die ungeliebte schwarz-rote Koalition rechtfertigen.

Berlin ist eben nicht New York

Die Berliner Linke diskutiert unterdessen intern, ob sie überhaupt wieder mitregieren wollen würde, so sie denn dürfe. Man will zugleich radikal und anschlussfähig sein, kämpferisch und regierungsfähig. Ein Drahtseilakt, den Zohran Mamdani so elegant geschafft hat wie kein progressiver amerikanischer Politiker vor ihm.

Vielleicht kann das als Inspiration dafür dienen, was in Berlin möglich wäre, wenn sich jemand traut und wenn genug Leute mit Begeisterung mitziehen. Mamdanis Erfolg ist natürlich auch einfach typisch amerikanisch – alles ein bisschen größer, zugespitzter, brutal personalisiert und emotionalisierend, und auch professioneller. Die Hauptstadtpolitik wirkt daneben dann doch manchmal etwas verschlafen. Selbst wenn New York „das Berlin Amerikas“ ist, wie es Eric Adams sagen würde – am Ende ist Berlin eben nicht New York. Auch wenn die Clubs hier länger offen haben.


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