Stadtleben

Bürgeramt

Mein Personalausweis ist seit einem halben Jahr abgelaufen. Ich hatte einfach keine Lust, ihn zu verlängern. Ich habe Angst, dass es so sein wird wie vor zehn Jahren. Oder so, wie ich es in Erinnerung habe. Damals zog ich eine Wartemarke, auf der stand: „Es sind noch 189 Menschen vor Ihnen.“ Im Wartezimmer sah es eher nach 1189 Menschen aus, und tatsächlich wartete ich zwei Stunden, bis ich ein überheiztes Büro betreten durfte voller Möbel mit Resopal-Furnier und Katzenpostern an den Wänden. Es stellte sich dann heraus, dass die Passbilder nicht die richtigen waren. Immerhin war ein Fotograf im Haus. Ich musste erst zu ihm, durfte dann an der Warteschlange vorbei, anschließend noch mal zur Kasse, um die Gebühr zu bezahlen und anschließend wieder warten. Als ich zum zweiten Mal dran war, bekam ich die Ansage, dass ich den Ausweis in vier Wochen abholen könne. Als ich schließlich das Amt verließ, war es schon dunkel. Und nur der Gedanke an Ämtergänge versetzte mich fortan in eine düs­tere Stimmung.

Mit diesen Bildern im Kopf bin ich dann vergangene Woche noch mal hin, ins Bürgeramt. Ich zog die Nummer 260, aber oben auf dem Automaten lagen noch halbzerknüllt die 251 und die 252. Im Wartezimmer lief ein großer Bildschirm mit n-tv-Nachrichten, und noch ehe sich der Text im Laufband wiederholen konnte, war aus der 211 bereits eine 230 geworden. Es machte ununterbrochen „bing“, und die Digitalanzeige zeigte in ständigem Wechsel Büro- und Wartenummern. Ich ging noch mal schnell in den Passbildautomaten um die Ecke, der die biometrischen Bilder innerhalb von einer Minute ausspuck­te. Es war faszinierend. Es war wie Weihnachten.

Und dann kam auch noch Ostern – und zwar in Zimmer drei. Die Frau vom Amt saß hinter einem mit Lametta geschmückten Gummibaum, an der Wand hingen statt Katzenposter Kinderzeichnungen, sie lächelte bei der Begrüßung. Irgendwas stimmt hier nicht, dachte ich mir. Es war, als würde ich in die Zukunft blicken. Sie fragte mich, ob ich meine Passbilder eben in dem Automaten gemacht hätte, denn dann hätte sie direkt Zugriff auf dessen Datenspeicher und könne den Ausweis zusammen mit meiner gescannten Unterschrift gleich hier am Bildschirm zusammenbasteln. Sie klick­te ein paar Mal mit der Maus, zog meine Bankkarte durch das Lesegerät neben ihrem Tesa­roller, um die moderaten acht Euro abzubuchen, und überreichte mir einen Zettel mit der Adresse, wo ich den Ausweis in einer Woche abholen könne. „Natürlich ohne Wartezeit“, sagte sie. Die zwei Lohnsteuer­karten, die ich auch noch benötigte, legte sie mir gleich noch obendrauf – kostenlos versteht sich. Beim Rausgehen drückte ich einer Mutter, die mit ihrem Kleinkind wartete, meine Wartenummer 260 in die Hand, die prompt im selben Moment aufgerufen wurde.

Ich weiß nicht, was die letzten Jahre in Berlin passiert ist, wie genau die Reform des öffentlichen Diens­tes aussah – aber ich habe so ein Gefühl, dass das nicht so schlecht gelaufen ist. Jedenfalls war ich nach einer Viertelstunde wieder draußen, dabei hatte ich mir den gesamten Nachmittag freigenommen. Als guter Bürger nutzte ich die Zeit zur Arbeit, um das Berliner Steuereinkommen zu erhöhen.

Mehr über Cookies erfahren