Stadtleben

Bürgerforscher in Berlin

Bürgerforscher in Berlin

Dabei kann sie schon erste Erfolge aufweisen: Kurz nach Start der Mückenatlas-Website bekam sie acht Exemplare einer Buschmücke aus dem Großraum Köln-Bonn zugeschickt, 250 Kilometer entfernt von der nördlichsten Region in Baden-Württemberg, in der Biologen sie nachgewiesen hatten. Werner fuhr nach Köln und wies nach, dass sich die
fremde Mückenart dort bereits auf einer Fläche von über 2?000 Quadratkilometern etabliert hat. Und Ende 2012 fand Doreen Werner die Tiere sogar bei Hannover.
Ohne Bürgerforschung wären wir da nie drauf gekommen„, sagt Werner. „Selbst wenn wir alle Mitarbeiter rund um die Uhr im Einsatz hätten, könnten wir solch ein engmaschiges Monitoring nicht leisten.“
Die Chancen für finanzielle Unterstützung der Bürgerforschung stehen nicht schlecht. Robert Arlinghaus, Forscher am Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), hat vom Bundesforschungsministerium 2,1 Millionen Euro bekommen, um erstmals gemeinsam mit 18 Anglervereinen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zu forschen. Die Frage: Macht es Sinn, gezüchtete Karpfen und Hechte auszusetzen, um so die Bestände in den Gewässern zu verbessern? Rund
tausend Angler halfen nicht nur beim Aussetzen der Fische, sondern führten davor und danach penibel Fangtagebücher, damit die Profiforscher auswerten konnten, ob sich nach dem Aussetzen tatsächlich mehr Fische in den Gewässern ansiedeln konnten. Einen der ausgesetzten und markierten Hechte hat Klaus Schiewe, der erste Vorsitzende des Sportfischereivereins „Früh auf“ in Bramsche bei Osnabrück, im letzten Sommer gefangen. „Der hatte innerhalb eines Jahres immerhin 20 Zentimeter zugelegt“, sagt der 54-jährige Kriminalbeamte. Mit dem Etikett „Bürgerforscher“ kann der Kriminalbeamte sich jedoch noch nicht anfreunden: „Bürgerforscher?“ fragt Schiewe und lacht. „Wir haben den Jungs und Mädels doch nur ’n büschen geholfen.“ Doch auch wenn es ihm erst langsam bewusst zu werden scheint, beschäftigt sich Schiewe als Gewässerwart seines Vereins schon seit eh und je mit wissenschaftlichen
Methoden – wenn er Sauerstoff- und pH-Werte misst, um die Wasserqualität und den Lebensraum der Fische zu kontrollieren und zu verbessern. Bürgerforscher im Einsatz in BerlinEs ist dieses Erfahrungswissen von Anglern, Naturbeobachtern und Amateuren, auf das Forscher wie Arlinghaus, Werner und andere mit Bürgerforschungsprojekten setzen. Schiewe grinst: Dass nur das Aussetzen von Karpfen, nicht aber von Hechten etwas bringt, das habe er auch schon vorher geahnt. Deshalb seien die Angler von Anfang an in die Planung des Experiments eingebunden gewesen, sagt Arlinghaus: „Damit die Leute vor Ort am eigenen Leib und am eigenen Gewässer die Resultate wissenschaftlicher Arbeit sehen und dann vielleicht auch eher verinnerlichen, akzeptieren und zukünftig selbst anwenden.“ Tatsächlich plant Schiewes Anglerverein mit Arlinghaus schon das nächste Projekt. Wie lassen sich die Ufer von Baggerseen ökologisch aufwerten, sodass Fische, Vögel und Amphibien profitieren, lautet die Fragestellung.
Doch man muss kein Angler oder Vogelkundler sein, mitunter wird der Bürger zum Forscher, ohne es so recht zu merken. Jens Krause, der am Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfoischerei Schwarmintelligenz erforscht, macht Museumsbesucher zu Studienobjekten, indem er sie tippen lässt, wie viele Murmeln sich in einem Glas befinden. „Mit mehr als 20 oder 30 Einschätzungen kommt man extrem dicht
an den echten Wert heran“, sagt Krause. 6?000 hatten am Ende mitgemacht und nach ihrer individuellen Schätzung sehen die Besucher die korrekte Anzahl und die Schätzung des Schwarms, dessen Mittelwert dem wahren Ergebnis sehr nah kommt. „Das zeigt den Leuten, welchen Zusatzgewinn man hat, wenn man solche Probleme als Gruppe löst„, sagt Krause, „und gleichzeitig gewinnen wir Forscher Daten, aus denen wir etwas lernen können.“ Zum Beispiel die Grenzen der Schwarmintelligenz: Als Krauses Bürgerforscher schätzen sollten, wie oft eine Münze nach dem Werfen hintereinander „Kopf“ zeigen muss, damit die Wahrscheinlichkeit jener entspricht, im deutschen Lotto zu gewinnen, scheiterte der Bürger-Schwarm nämlich. Viele schätzten, dass man die Münze Tausende Male werfen müsse, um die Wahrscheinlichkeit von 1 zu 14 Millionen zu erreichen. Doch 24-mal „Kopf“ hintereinander ist schon unwahrscheinlich genug, schmunzelt Krause: „Die Weisheit der Menge eignet sich eben nicht für alles.“

Text: Sascha Karberg

Foto oben: Verlust der Nacht 2010, IGB

 

In Teufels Küche??
Das Erbgut der Sushi-Mahlzeit analysieren oder den Erzeuger des Hundehaufens vor der Tür per DNA-Fingerabdruck -identifizieren – auch tip-Autor Sascha Karberg ist als Bürgerforscher tätig geworden. Um über die in den USA und auch in Deutschland aufkeimende Szene von Amateur-Genforschern recherchieren zu können, baute sich der Wissenschaftsjournalist mit Kollegen für nur 3?000 Euro ein Genlabor auf und stellte fest, dass sich damit eine Reihe gängiger Experimente realisieren lassen. Gefährliches lässt sich dabei kaum konstruieren, „Biohacker“ könnten vielmehr ein unabhängiges Regulativ gegenüber der industriellen Gentechnik sein – so wie die Computerhacker des Chaos Computer Clubs den Missbrauch von Computertechniken anprangern („Biohacking – Gentechnik aus der Garage“, Hanser Verlag 2013).

 

Berlin bei Nacht, BürgerforscherHelles Durcheinander?
Die blinkende Reklame neben dem Fenster, das grelle Licht der Autoscheinwerfer im Schlafzimmer – Helligkeit zur falschen Zeit kann den Schlaf rauben. Während Menschen den Vorhang zuziehen können, geraten Tiere und Pflanzen mitunter durcheinander. Doch um die Auswirkungen untersuchen zu können, müssen Forscher genau wissen, wann und wo die nächtliche Lichtverschmutzung auftritt. Christopher Kyba, Forscher an der Freien Universität Berlin und Mitinitiator des
Bürgerforscher-Projekts -„Verlust der Nacht“, hat eine App entwickelt, mit der jeder Android-Handy-Besitzer die Helligkeit des Nachthimmels abschätzen kann. Die App fragt den Bürgerforscher, ob er bestimmte Sterne noch erkennen kann oder ob der Himmel dafür zu hell ist. So entsteht eine weltweite Karte des Nachthimmels. Wer sich nicht selbst die Nächte um die Ohren schlagen will, kann auf der Crowdfunding-Plattform sciencestarter.de für das Projekt „skyglow“ spenden, bei dem Kyba mit Schülern und anderen Helfern losziehen will, um die Helligkeit des Nachthimmels zu messen.

Foto:  Christopher Kyba

Bürgerforscher im Netz:

mueckenatlas.de

verlustdernacht.de

play.google.com/store/apps/details?id=com.cosalux.welovestars

birdcast.info

Ubiome.com

DIYbio.org

tagfalter-monitoring.de

DogHumanPlay.com

zooniverse.org

 

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