Stadtleben

Bürgerforscher in Berlin

Bürgerforscher in Berlin

Scarlett Johansson und Johnny Depp tragen Nerd-Brille, die Sitcom „The Big Bang Theory“ über verkopfte Studenten der Elite-Uni „CalTech“ ist Kult und T-Shirts mit „Nerd-Pride“-Aufdruck verkaufen sich bestens. Längst gilt nicht mehr als Freak, wer seine Wochenenden statt im Freibad lieber damit verbringt, Spiralgalaxien im Weltall zu fotografieren, Gene zu analysieren oder Proteinstrukturen zurecht zu puzzeln. Denn jeder kann jetzt Forscher sein: Bürgerforscher. Weltweit betreiben Hunderttausende Wissenschaft als Hobby, sammeln im Urlaub Pflanzen in der Tundra, experimentieren im Kellerlabor, tauschen Daten und Tipps übers Internet aus und arbeiten mit Profiforschern zusammen. Auf Ubiome.com treffen sich Hobbyforscher, um die Mikrobenvielfalt auf und im Menschen zu analysieren, über die Webseite DIYbio.org kommunizieren „Biohacker“, die mit Gentechniken experimentieren, auf Tagfaltermonitoring.de sammeln Schmetterlingsliebhaber Informationen über die filigranen Flatterviecher, Doghumanplay.com widmet sich der Verhaltensforschung bei Mensch und Hund und Zooniverse.org der Amateurastronomie.
Schon mit wenig Aufwand und noch weniger Vorwissen lässt sich der innere Dr. Bunsenbrenner wecken. Die Niederländerin Hanny van Arkel brauchte nur ihren PC, um sich auf der Website Galaxy Zoo Fotos des Sternenhimmels anzusehen, die das Weltraumteleskop Hubble automatisch zu Millionen schießt, die aber nur mit menschlicher Intelligenz interpretiert werden können. Im Sternbild Kleiner Löwe entdeckte die Lehrerin ein Objekt, inzwischen „Hannys Voorwerp“ genannt, das etwa so groß ist wie die Milchstraße. Zwar streiten sich Profiforscher nun, was dieses „Voorwerp“, Hannys „Ding“, wohl ist, einig sind sie sich aber, dass sie ohne die Mitarbeit von Bürgerforschern nie darauf aufmerksam geworden wären.
Wie hilfreich Bürgerforscher für die Profis der Zunft sein können, zeigt auch das Projekt Mückenatlas der Mückenforscherin Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg. Die Biologin will wissen, wo in Deutschland sich wann welche Mückenarten aufhalten, um die Krankheitserreger kartieren zu können, die die Tiere mitunter übertragen können. Wichtig in Zeiten, in denen der Klimawandel tropischen, Malaria- und Dengue-Fieber übertragenden Mückenarten auch im Norden zunehmend bessere Überlebensbedingungen ermöglicht. Seit Beginn der Saison 2012, seit ihre Website Mückenatlas.de online ist, bekommt die Biologin jeden Tag rund 40 Briefe und Päckchen, darin Mückenleichen aus ganz Deutschland, gefangen von über 2?000 eifrigen Bürgern.
Bürgerforscher in Berlin im Einsatz2011 hatte Werner in Deutschland drei exotische Mückenarten nachgewiesen, da-runter die asiatische Tigermücke. Eine Nachricht, die viele Zeitungen aufgriffen, weil diese Art auch Dengue-Fieber übertragen könnte. „Daraufhin haben uns ganz viele Leute angerufen, dass sie eine Tigermücke in ihrem Garten gesehen hätten oder gestochen worden sein“, sagt Werner. Die Leute hatten sogar Exemplare gefangen und ihr geschickt. „Wenn die Leute so ein Interesse haben, dann machen wir doch ein Projekt daraus“, dachte sich Werner und rief das Mückenatlas-Projekt ins Leben. Seitdem quillt Werners Briefkasten vor Mückenpost über. Bei jeder zweiten Zusendung schreiben die Einsender, dass sie eine Tigermücke gefangen hätten. „Tatsächlich war noch keine einzige dabei“, dafür aber Skorpionsfliegen, Schnaken, Käfer, Läuse, Bettwanzen – und sogar Schamläuse! Aber das sei nicht weiter schlimm, schmunzelt die Biologin, denn die Mückenarten müsse sie ohnehin selbst bestimmen, da es in Deutschland nur drei oder vier Experten gibt, die Mückenarten sicher unterscheiden können. Werner freut sich weiter über jede Mücke in der Post.
Thomas Kühnert hat schon Hunderte geschickt. Warum eigentlich? „Na ja“, grübelt der 49-Jährige, der früher mal Schmetterlinge gesammelt hat, aber jetzt eher angeln geht. „Das braucht ja kaum Zeit … und irgendwie ist’s halt interessant.“ 200 Meter vor seinem Haus liegt ein Tümpel am Ortsrand, Mückenmangel herrscht im brandenburgischen Waldsieversdorf nicht. Und seine Fangtechnik hat Kühnert, eigentlich Systemadministrator, mittlerweile optimiert: „Na, ich fang die mit der Hand, mit leichtem Ditsch, dann kann man die noch bestimmen.“ Sogar die Tochter bringt ihm inzwischen schon Mücken vorbei, und da bleibt es nicht aus, dass Kühnert inzwischen dunklere von helleren Arten unterscheiden kann und auch die Eier und Larven in den Pfützen nicht mehr übersieht. Vom Mückenfänger zum Mückenfreund? „Nee, nee, also deswegen fang ich jetzt nicht an, die Dinger zu lieben“, winkt Kühnert ab.
Für Doreen Werners Forschungen sind Menschen wie Kühnert ein Glücksfall. „Manchen ist das so wichtig, dass sie sogar 6,80 Euro für ein Paket mit einem Einmachglas investieren, in dem eine einzige Mücke liegt“, erzählt Werner gerührt. Und die Leute bekommen etwas zurück für ihr Engagement: „Ganz egal, ob Uni-Professor, Grundschüler, Rentner oder Hartz-IV-Empfänger, jeder bekommt eine persönliche Antwort, welche Mücke er gefangen hat, und ein paar Details zur Ökologie oder Biologie“, verspricht die Biologin. Sie schätzt, dass sie das Antworten, Bestimmen, Kartieren und Archivieren etwa eine Stunde pro Mücke kostet – am Wochenende übrigens, denn noch bekommt ihr Institut keine Fördergelder für das Bürgerforschungsprojekt.

Foto oben: Verlust der Nacht 2010, IGB

Foto unten: Andrй Künzelmann / UFZ

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