Stadtleben

Bürgerwehr

Auf die Straße zu gehen – dazu gibt es in Berlin immer einen Grund. Am letzten Wochenende war es die Atompolitik der Regierung. Dass sie wie weiland im Führerbunker spät nachts mit den Vertretern eines industriellen Oligopols Verträge auskungelt, die weder Rücksicht auf parlamentarische Gepflogenheiten nehmen, noch auf die Sicherheit des Landes – das brachte deutlich mehr als 70?000 Menschen auf die Straße.

Die Polizei sprach von 30?000 – was arg an Ceaucescus Rumänien erinnert, wo ja in den besonders harten Wintern stets die Temperaturen nach oben korrigiert wurden, damit die Leute den Kohlemangel nicht so sehr spürten. Langsam merkt man Merkel an, in welchem Land sie politisch sozialisiert wurde und ihre FDJ-Lektionen in Sachen Agitation und Propaganda lernte.
Kürzungen bei Umweltschutz, Hartz-IV-Empfängern und Bildung, mangelnde Integration von Ausländern, die dann aber gern den Ausländern selbst zugeschrieben wird (waren es nicht die Konservativen, die jahrzehntelang krakeelt haben, wir seien kein Einwanderungsland und eine entsprechende Desintegrationspolitik betrieben?) – es gibt derzeit so viele Gründe wie nie, auf die Straße zu gehen, und die Berliner tun das nur allzu gern.
Einer der ersten Schulstreiks fand schon 1919 in Berlin statt, das erste Sit-In gegen die atomare Aufrüstung wurde am 12. April 1958 auf dem Neuköllner Hermannplatz veranstaltet. Über die Demonstrationen Ende der 60er-Jahre gegen den Springer-Verlag wollen wir hier gar nicht reden – außer, dass es für so was angesichts der Fremdenhetze und Verdummung in der Bild mal wieder Zeit wäre. Auch die Uni­streiks haben in Berlin seit jeher gigantische Ausmaße: 1988 gingen so viele Studenten wegen der erbärmlichen Bedingungen an den Hochschulen auf die Straße, dass sich der damalige Innensenator nicht anders zu helfen wusste, als die Polizei auf den Campus zu schicken. Und auf den Protest gegen Ronald Reagan darf jeder Berliner, der dabei war, stolz sein.

Heute sind es die Demonstrationen gegen den Überwachungsstaat, gegen den Ausverkauf des Spreeufers, gegen Neonazis und gegen die Atom- und Lobbygeilheit von Schwarz-Gelb, die stets für massenhafte Aktivierung sorgen.
Berlin ist bundesweit die demonstrationsfreudigste Stadt, auch wenn sie derzeit von Stuttgart Konkurrenz bekommt. Aber die zugezogenenen Schwaben, über die sonst immer gern die Nase gerümpft wird, haben schon durch ihr Wissen um die destruktiven Kräfte der Spießigkeit stets einen wertvollen Beitrag zur hiesigen Protestkultur beigetragen (von den Bayern kann man das leider nicht behaupten). Und das ist vielleicht das beste, was sich über Berlin sagen lässt: Dass hier viele hingezogen sind, die mit dem Protest gegen die alte BRD aufgewachsen sind. Die alte BRD, von der Angela Merkel bei ihrem Dienstantritt gesagt hat, dass es dort nie einen Grund zu demonstrieren gegegeben habe. Wer so denkt, hat in dieser Stadt eigentlich nichts zu suchen. In der Regierung allerdings auch nicht.

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