Interview

Food-Fotograf René Riis: „Wir essen mit den Augen“

René Riis hat schon als Junge in der dänischen Provinz gerne Kochbücher gelesen. Heute lebt er in Berlin und gehört zu den gefragtesten Food-Fotografen Europas. Gerade hat Riis etwa das preisgekrönte Kochbuch von Sebastian Frank aus dem Kreuzberger Restaurant Horváth fotografiert. Wir haben uns und ihn gefragt, was in einer Gegenwart,  in der alle immerzu ihr Essen fotografieren, ein gutes Food-Foto auszeichnet

Food-Fotografie vereint Ästhetik und Genuss. Foto: René Riis
Food-Fotografie vereint Ästhetik und Genuss. Foto: René Riis

tipBerlin René Riis, jeder fotografiert heutzutage sein Essen. Wie aber wird man professioneller Food-Fotograf?

René Riis Ich hatte diese Lehrstelle bei einem sehr cholerischen Fotografen in der absoluten dänischen Provinz. Nur, dass der sich benommen hat, als sei es New York und er Richard Avedon. Das war natürlich absoluter Blödsinn. Er war ein Produktfotograf mit allen möglichen Aufträgen von Landmaschinen über Schmuck bis eben zu Lebensmitteln. Einermeiner ersten Jobs bei ihm war für einen Tiefkühlkonzern, der seine Sachen auf den deutschen Markt bringen wollte.

tipBerlin Sie haben also Fertiggerichte fotografiert. Träumt man als junger Fotograf nicht eher von spektakulären Landschaftsaufnahmen oder der großen Reportage?

René Riis Bei uns auf dem Land gab es keine Buchhandlung und keine Bücherei, stattdessen war man Mitglied in einem Buchclub. Jeden Monat kam also eine Kiste voller Bücher ins Haus. Tierbücher waren schon interessant, begeistert haben mich aber schon als Kind Kochbücher, und überhaupt: Stillleben.

Dänische Kochbücher brachten ihn zur Food-Fotografie

tipBerlin Sie hatten Ihr Thema früh gefunden.

René Riis Entscheidend war auch meine erste wirkliche Anstellung bei einem Fotografen, den ich als meinen Mentor bezeichnen würde. Er hat etwa die jährliche Produktion von so einem Kochbuch von Arla Food gemacht, das war ein Riesenthema damals in Dänemark. Wenn man in den Neunzigern auf irgendeine Party ging, konnte man sich sicher sein, dass es garantiert etwas aus diesen Büchern gab. Diese Rezepte haben einen verfolgt.

tipBerlin Das war noch lange, bevor die nordische Küche von Kopenhagen aus die kulinarische Welt und auch die kulinarische Ästhetik revolutionieren sollte.

René Riis Ich habe später sogar für René Redzepi und das Noma gearbeitet. Zufälligerweise hatte ich mein Atelier in Kopenhagen genau gegenüber des Hafenspeichers, in den das Noma eingezogen ist. Der Hype ging dann los, aber der dänische Markt war endlich. Man wird ja auch nicht wirklich wohlhabend davon, Kochbücher zu machen. 

So ästhetisch kann ein Kohlkopf aussehen. Foto: René Riis.
So ästhetisch kann ein Kohlkopf aussehen. Foto: René Riis.

tipBerlin War da Deutschland so viel lukrativer? 

René Riis Damals hatte ich in Hamburg meine Frau kennengelernt und wir kamen auf die irre Idee, gemeinsam nach Berlin zu gehen. Nur hatte mir keiner gesagt, dass Berlin so arm ist. Ich dachte, hey, das ist die Hauptstadt, da geht schon was. Tatsächlich habe ich, außer einer Ecke in meiner Wohnung, bist heute auch kein Studio in Berlin. Einen Großteil meiner Aufträge habe ich außerhalb Berlins. Aber als Fotograf ist man eh ein Reisender.

tipBerlin Immerhin ist das von Ihnen fotografierte Kochbuch von Sebastian Frank aus dem Kreuzberger Restaurant Horváth gerade von der Deutschen Gastronomischen Akademie mit der Goldmedaille ausgezeichnet worden. Das ist ein Berliner Buch.

René Riis Das Horváth war auch das erste gute Restaurant, in dem ich damals in Berlin essen war. Meine Frau meinte dann irgendwann, ich solle mal losgehen mit meiner Mappe und mich in Berliner Restaurants vorstellen. Mit Sebastian Frank war ich gleich auf einer Wellenlänge, ich mag akribische und gleichzeitig sehr persönliche Herangehensweise. Nur meinte Sebastian auch, dass er mir keine Unsummen bezahlen kann, er würde mich erstmal zum Essen einladen. Gut, das war doch schon mal ein Anfang.

tipBerlin Tatsächlich ist Ihr gemeinsames Buch „kuk (cook)“ sehr grafisch und auf den ersten Blick beinahe kühl geworden.

René Riis Bei dem Buch für das Horváth wollte ich bewusst ganz reduziert und clean arbeiten. Wir haben nur einen einzigen Teller benutzt und alle Aufnahmen exakt von oben gemacht. Ich wollte zeigen, dass das geht: analytische Bilder, die doch eine Seele haben. Für das Tulus Lotrek in der Fichtestraße, auch ein Berliner Sternerestaurant, habe ich dann ganz anders gearbeitet.

tipBerlin Die dortige Gastgeberin Ilona Scholl trägt auf ihrem Porträt einen Tintenfisch als Kopfbedeckung, Küchenchef Max Strohe ist über und über bestreuselt.

René Riis Max und Ilona, denen das Tulus Lotrek ja auch gehört, wollten von Anfang nicht bloß Bilder von ihren Tellern. Sie sagten, dass es eigentlich ja gar nichts bringen würde, die Gerichte zu fotografieren, die wechseln doch eh jede Woche. Stattdessen wollten sie Bilder, die die tatsächlich besondere Atmosphäre in ihrem Lokal widerspiegeln. Dieses Gefühl, das den Gast empfängt.

„Was Saisonal-Regionales, dazu Rauch, auf einem Bett aus Moos? Diese Aufnahmen waren sehr vorhersehbar.“

tipBerlin Würden Sie mir widersprechen, wenn ich nun sage, dass diese beiden Serien, das Horvàth und das Tulus Lotrek, wenigstens auf den ersten Blick nur wenig Gemeinsamkeiten haben?

René Riis Ich würde schon sagen, dass man durchaus erkennen kann, hey, das ist ein René-Riis-Bild. Umgekehrt ist es aber schon so: Wenn es den typischen René-Riis-Look geben würde, wäre ich kein guter Fotograf. Die Leute sollen ja Sebastian Frank sehen, Max und Ilona oder meinetwegen Coca-Cola und nicht mich. Das war es auch, was mich an diesem ganzen Nordic-Thema irgendwann so ermüdet hatte: Die Bilder sahen alle gleich aus. Immer hatte man das Gefühl, dass es vor allem darum ging, eine bestimmte Stimmung zu behaupten. Was  Saisonal-Regionales, dazu Rauch, auf einem Bett aus Moos? Diese Aufnahmen waren sehr vorhersehbar. Vermutlich sollten sie genau das auch unbedingt sein.

tipBerlin Aber wollen Ihre Kunden nicht auch diese Erwartbarkeit?

René Riis Jein. Ich bin inzwischen auch der Fotograf der Taube Tonbach in Baiersbronn. Haute Cuisine, drei Michelin-Sterne, ganz alte Schule. Natürlich habe mich gefragt, warum fragen die mich. So ein Restaurant müsste doch den allerkonservativsten Food-Fotografen Deutschlands suchen.  Aber die wollten mich, weil sie, in dem ihnen möglichen Rahmen, auch Lust hatten, neue Wege zu gehen und frisch auf ihr Produkt zu gucken.

tipBerlin Bilder vom Essen sind, spätestens in den sozialen Medien, heute omnipräsent. Kein Lunch ohne Post auf Instagram. Müssen Sie sich dazu positionieren?

René Riis Natürlich muss ich mich dazu verhalten. Man sieht Food-Bilder überall. Ich muss also nachdenken und mich fragen, was mich unterscheidet. Ich muss mich fragen, was ich eigentlich sehe und was ich zeigen will. Auf den Auslöser zu drücken, ist ja immer nur der allerletzte Moment in diesem Prozess.

Gute Food-Fotografie verwandelt Lachs in eine Landschaftsaufnahme. Foto: René Riis
Gute Food-Fotografie verwandelt Lachs in eine Landschaftsaufnahme. Foto: René Riis

tipBerlin Welche Kompetenz braucht ein Food-Fotograf also, wenn es schon nicht um den einen unverwechselbaren Bildstil geht?

René Riis Ich glaube, was ich gut kann, ist, die Kunden zu differenzieren. Ich frage, was ist das für eine Welt, in der ich mich gerade bewege, um welche Erzählungen geht es? Geht es um puren Ausdruck, um Kreativität? Oder um eine, nun ja, gewisse Sicherheit und Verlässlichkeit. Wenn ich etwa für McDonald’s arbeite, würde ich meine Aufgabe eher mit der eines Controllers vergleichen. 

tipBerlin Wo Sie schon den BigMac ansprechen: Wird in der Food-Fotografie viel getrickst?

René Riis Ich kann jetzt vor allem für McDonald’s sprechen. Dort fotografieren wir tatsächlich die originalen Produkte. Allenfalls wird mal ein Burger hinten ein wenig aufgeschnitten, um ihn etwas breiter wirken zu lassen.

tipBerlin Kochen Sie selbst? 

René Riis Unbedingt und gerne.

tipBerlin Wie wichtig ist Ihnen dabei der visuelle Aspekt Ihrer Gerichte?

René Riis Sehr wichtig, klar. Wir essen ja immer auch mit den Augen. Aber visuell kann vieles sein. Nehmen Sie die rustikale italienische oder französische Küche, starke Farben, Texturen. Ich stehe jedenfalls nicht in der Küche und stapele irgendwelches Miniaturgemüse zu einem Türmchen oder achte darauf, dass ein Teller nur gelb ist.

tipBerlin Gibt es denn Lebensmittel, die sich überhaupt nicht gut fotografieren lassen? 

René Riis Früher hätte ich gesagt: rohes Fleisch. Bis ich begriffen habe, es sehr anatomisch aufzufassen, beinahe skulptural. Was wirklich schwierig ist, ist Hackfleisch. Und da sind auf der anderen Seite viele vegane Gerichte, Sachen mit Soja oder Seitan. Da fehlen die Farben und auch jegliche Tiefe in der Textur.


Mehr zum Thema

In unserem aktuellen Campus-Magazin gibt es noch mehr spannende Geschichten über das Berliner und Brandenburger Unileben. Wie sich das in der Pandemie gestaltet, erfahrt ihr digital und kostenlos im E-Paper.

Wollt ihr euer Talent in der Food-Fotografie erproben oder euch einfach nur mal etwas Besonderes gönnen? In diesen 12 Berliner Delikatessengeschäften findet ihr kulinarische Highlights, die sich sowohl vor der Kamera als auch im Gaumen gut machen.