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Heinz Bude erinnert sich: Meine erste Vorlesung

Heinz Bude ist Soziologe und Hochschullehrer, In diesem Jahr ist der Roman „Aufprall“ erschienen, den er gemeinsam mit der Künstlerin Bettina Munk und der Schriftstellerin Karin Wieland geschrieben hat. Für den „Campus“ von tipBerlin erinnert er sich an seine erste Vorlesung.

Für unser aktuelles Campus-Magazin hat sich Heinz Bude an seine erste Vorlesung erinnert. Foto: Dawin Meckel
Für unser aktuelles Campus-Magazin hat sich Heinz Bude an seine erste Vorlesung erinnert. Foto: Dawin Meckel

Heinz Budes Uni-Start: „Als würde ich auf einer Hydraulikbühne langsam und lautlos emporgehoben!“

Meine erste Vorlesung war großes Kino. Das war in Tübingen. Ein Kind des bundesrepublikanischen Neuanfangs war ich damals, zu Beginn der 70er Jahre. Ein Bildungsaufsteiger aus Wuppertal, gerade einmal 18 Jahre alt, der Vater ein Handwerker, die Mutter eine Hausfrau.

In Theologie und in Soziologie war ich eingeschrieben. Ich sehe Walter Schulz, den Professor von damals, noch genau vor mir. Begleitet von einer jungen, weiblichen Hilfskraft betrat er den Hörsaal mit einem Mikrofon um die Hals und sprach fortan mit sich selbst und strich sich dabei immer wieder mit der Hand über der Schädel. Um abendländische Philosophie ging es, um die Vorsokratiker, die noch keine Metaphysiker gewesen waren.

Ich wusste nicht, was das bedeutete, ich ahnte nur, es ging um sowas wie die Wirklichkeit der Wirklichkeit. So wie beim jungen Törless von Robert Musil, den ich gelesen hatte. Dieser Eindruck verstärkte sich, als der Professor davon erzählte, dass er Martin Heidegger einmal in seiner Hütte im Schwarzwald besucht hatte. Da stand also jemand ein paar Meter vor mir, der in Tuchfühlung gewesen war mit dem Denker von ,Sein und Zeit‘. Das fühlte sich an, als würde ich auf einer Hydraulikbühne langsam und lautlos emporgehoben!

Hein Bude: „Ich bin ein Zeit- und Denkzeuge geworden“

Ein Zeit- und Denkzeuge war ich geworden, womit es ein paar Semester später an der FU in Berlin weiterging. Mittlerweile hatte ich mit der Theologie aufgehört und mich ganz der Soziologie verschrieben. In Berlin sah es so aus, als wäre der Zweite Weltkrieg vor zwei Wochen zu Ende gegangen. In einer blanken Wohnung an der Bautzener Straße, an der Grenze zwischen Schöneberg und Kreuzberg, kam ich unter.

An der FU habe ich einen anderen Philosophen und Gelehrten kennengelernt: Jacob Taubes, der aus einer Rabbinerfamile stammte. Bei dem konnten wir Bildungsaufsteiger lernen, was esoterisches Denken ist. Das passte zur Bewegung der Hausbesetzer. Die Parole hieß ,No Future‘. Wir wollten uns weder von Vergangenheit noch von der Zukunft terrorisieren lassen. So brachten wir in SO 36 wieder Leben in die Ruinen von Berlin.“

Heinz Bude: Biografie

Der Soziologe, der an der Uni Kassel eine Professur innehat, ist 1954 geboren. In Tübingen und Berlin hat er Soziologie, Philosophie und Psychologie studiert. Bekannt geworden ist er wegen Büchern, die soziale Veränderungsprozesse untersuchen, darunter „Die Ausgeschlossenen – Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft“ (2008) oder „Gesellschaft der Angst“ (2014).


Dieser Beitrag stammt aus dem neuen Campus, den ihr hier runterladen könnt.


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