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Machtmissbrauch: Wenn der Professor die Masterarbeit verpfuschen will

Eiskalt ausgenutzt: Ein Professor einer Berliner Universität will die Abschlussarbeit seines Studenten verpfuschen. Eine Geschichte aus dem Uni-Alltag – über Machtmissbrauch und mangelnde Kontrolle von tipBerlin-Autor Benedict Gehlken.

Wer vor Studierenden doziert, hat Macht und Einfluss. Das kann schiefgehen: Einige Professoren neigen zu Machtmissbrauch. Foto: Imago Images/Döring
Wer vor Studierenden doziert, hat Macht und Einfluss. Das kann schiefgehen: Einige Professoren neigen zu Machtmissbrauch. Foto: Imago Images/Döring

Berlin Mitte, ein belebtes Café. Es ist gerade die vorlesungsfreie Zeit, die meisten schreiben an ihren Haus- oder Abschlussarbeiten. Stefan bestellt einen doppelten Americano. Er ist ein ruhiger Typ, groß, sportlich, lässig.

In Wirklichkeit heißt Stefan gar nicht Stefan, sein Name soll anonym bleiben: „Ich bin zwar nicht mehr an der Uni, aber wenn ich mich hier so öffentlich äußere, kann das vielleicht noch negative Folgen für mich haben.“ Eine Naturwissenschaft an einer der Berliner Exzellenz-Universitäten, so viel kann man über sein Studienfach preisgeben.

Nach seinem Bachelor-Studium in Nordrhein-Westfalen kam Stefan nach Berlin. Während seines Master-Studiums gab es wenig Komplikationen. Erst mit seiner Abschlussarbeit begannen die Probleme.

Wie für sein Fach gängig, musste Stefan ein Forschungsprojekt seines Fachgebietes aussuchen, welches er begleiten würde. Er entschied sich für ein Projekt, bei dem er für sechs Monate die Eigenschaften eines Elementes untersuchen sollte, da dies zu seinen Studienschwerpunkten passte.

Machtmissbrauch durch den Professor: Stefan arbeitet sechs bis neun Stunden am Tag – unbezahlt

Stefans Vorteil war, dass er schon zweieinhalb Monate vor Beginn der Schlussphase seines Studiums mit der Forschung anfangen konnte. Das bedeutete mehr Zeit und weniger Stress. Zunächst arbeitet er sechs bis neun Stunden am Tag.

„Nein, ich habe kein Geld dafür bekommen. Aber das ist so üblich in den Naturwissenschaften“, sagt Stefan. Denn obwohl er für einen Professor arbeitete, galt er nicht als studentische Hilfskraft. Diese wiederum verdienen im Schnitt 12,50 Euro. Durch Streiks und Tarifverhandlungen versuchen studentische Hilfskräfte immer wieder, einen angemessenen Lohn für ihre Arbeit zu erkämpfen.

„Mein Professor hatte eine genaue Idee davon, wie das Ergebnis unserer Arbeit am Ende aussehen sollte. Deswegen habe ich auch während der ersten paar Wochen genau in diese Richtung geforscht. Ich habe aber relativ schnell gemerkt, dass da etwas nicht stimmen kann.“

Protest für ein solidarisches Miteinander an Universitäten – unter den Demonstrierenden sind auch ver.di-Leute. Foto: Imago Images/F. Boillot/snapshot

Nach Absprache mit einigen Kollegen fing er an, in eine andere Richtung zu arbeiten. Einige Wochen und Monaten später war sich Stefan nun sicher, den richtigen Weg gewählt zu haben. Doch als sein Professor dies mitbekam, sei er alles andere als erfreut gewesen. Stefans Ergebnisse waren zwar richtig, aber das sei dem Professor egal gewesen. Für die geplante Publikation des Professors wäre es nämlich von Nöten gewesen, dass sich das von ihm erwartete Ergebnis als richtig herausgestellt hätte.

Stefan erzählt, ihm sei unterstellt worden, dass er absichtlich oder unabsichtlich etwas falsch gemacht habe. Er sollte weiterforschen. Der Druck wurde größer. Für eine kurze Zeit zweifelte Stefan an seinen eigenen Ergebnissen. Er dachte sich, dass der renommierte Professor schon recht haben würde. Doch so häufig er seine Ergebnisse überprüfte, so häufig er Versuche wiederholte, am Ergebnis änderte sich nichts, erzählt er. Er habe recht gehabt, beteuert er.

Stefan wird vorgeworfen, falsch geforscht zu haben

Mittlerweile waren sechs weitere Monate vergangen. Er habe genügend Forschungsergebnisse gehabt, um mit seiner Masterarbeit anzufangen. Da sich sein Studium dem Ende näherte, musste er auch allmählich mit dem Schreiben beginnen. „Mein Professor hat das anders gesehen. Der Vorwurf, falsch geforscht beziehungsweise Ergebnisse gefälscht zu haben, der blieb”, erzählt Stefan. 

„Von da an hat man mir auch mit einer schlechten Abschlussnote gedroht. Und mit einer 4,0 kann ich ja nichts anfangen“, sagt er. Er habe die Abgabe seiner Masterarbeit ein bis zwei Monate verlängern sollen, um die Ergebnisse erneut zu überprüfen. Alles drehte sich im Kreis. Stefan versuchte sich zu wehren, doch es half ihm nicht.

Mittlerweile arbeitete er zehn bis zwölf Stunden am Tag. Außerdem habe man ihm ständig neue Aufgaben gegeben. So habe er beispielsweise mehrere Tage lang ein angeblich defektes Gerät warten müssen, welches seine Ergebnisse beeinflusst haben könnte. Doch das Gerät funktionierte einwandfrei. Stefan kämpfte sich von Woche zu Woche. Für eine kurze Zeit dachte er darüber nach, seinen Abschluss abzubrechen.

„Es war echt schlimm. Ich habe mich gefragt, wofür ich noch ins Labor gehe, wenn meine Arbeit dann doch nur für die Katz ist? Du bist da zehn Stunden am Tag in der Uni, und am Ende des Tages bist du so weit wie am Anfang.“

Ein junger Wissenschaftler arbeitet im Labor. In unserer Geschichte war die Arbeit ein klarer Fall von Machtmissbrauch durch den Professor. Foto: Imago Images/F. Boillot/snapshot
Ein junger Wissenschaftler arbeitet im Labor. In unserer Geschichte war die Arbeit ein klarer Fall von Machtmissbrauch durch den Professor. Foto: Imago Images/F. Boillot/snapshot

Darin sicher zu sein, dass die Forschungsergebnisse korrekt sind – aber zu erleben, dass einem trotzdem nicht geglaubt wird. Jedes Mal aufs neue hingehalten zu werden. Jeden Tag dem Druck, der Schikane, der Drohung eines unantastbaren Professors standhalten zu müssen. „Natürlich hat das mein Privatleben beeinflusst. Meine Freundin sagte mir sogar am Ende, dass ich nur noch wie eine leere Hülle wirkte.“

Als Stefans Forschungen und seine dazugehörige Masterarbeit fast beendet waren und alle Ergebnisse für ihn sprachen, habe auch sein Professor eingesehen, dass Stefan Recht hatte. Eine Entschuldigung sei nie gekommen. Es sei sogar noch so dargestellt worden, als hätte der Professor selbst und nicht Stefan die Ergebnisse herausgefunden.

Wenn Stefans Geschichte stimmt, hat dieser Vorfall nichts mehr mit einem gesunden Verständnis von Wissenschaft zu tun. Er zeigt vielmehr das häufige Versagen des deutschen Universitätssystems im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Profs und Studierenden.

Ist dieser Machtmissbrauch durch den Professor Einzelfall oder Systemfehler?

Handelt sich um einen Systemfehler deutscher Universitäten? Die Antworten der Berliner Hochschulen (FU, HU und TU) sind spärlich. Entweder kamen keine Reaktionen oder man beteuerte, dass solche Fälle nicht bekannt wären. Es gebe „allgemeine Äußerungen der Unzufriedenheit“, sagt allerdings Hans-Christoph Keller, der Pressesprecher der Humboldt-Universität zu Berlin.

Ein Studium sei grundsätzlich nicht an eine zeitliche Begrenzung gebunden. Und was den Studienabschluss betrifft, so gebe es festgesetzte Abgabefristen. Diese würden nur im Krankheitsfall oder mit Erlaubnis verlängert werden. Für Probleme solcher Art gebe es allerdings Konfliktsprechstunden und spezielle Ansprechpartner in den Graduiertenzentren, so Keller. Auch die anderen Universitäten haben solche Anlaufstellen. Allerdings nicht, weil es sich bei Machtmissbrauch durch Professoren um ein grundsätzliches Problem handelt, sondern bloß für den Fall der Fälle. So scheinen es jedenfalls die Universitäten zu sehen.

Die Gewerkschaften betrachten die Sache pessimistischer

Für Matthias Neis, den Leiter der Bundesarbeitsgruppen für Hochschulen der Gewerkschaft ver.di, ist Machtmissbrauch an deutschen Hochschulen ein gravierendes Problem. Ein Fall wie Stefan sei keine Seltenheit. Im Gegensatz zu Promovierenden, die als wissenschaftliche Mitarbeiter an einem Lehrstuhl beschäftigt sind, seien Studierende dabei eher die Ausnahme.

Laut Neis sei eines der Hauptprobleme, „dass häufig nicht direkt verhindert wird, dass die Betroffenen ihren Abschluss machen, sondern sie so mit Arbeit und Projekten überladen werden, dass sie gar nicht dazu kommen, sich auf ihre Promotion zu konzentrieren.“

Der Gewerkschafter sagt, dass die Vorgesetzten nicht nur „die Herrscher über die Zeit, sondern auch zu einem guten Teil über den Erfolg oder Misserfolg und zusätzlich über die Verlängerung der fast immer befristeten Verträge“ seien. Diese dreifache Abhängigkeit sorgt für ein enormes Machtgefälle und schürt Angst, sich externe Hilfe zu suchen.

Aus Angst vor einer schlechten Note hat Stefan sich nicht gewehrt

Auch Stefan hat sich keine Hilfe gesucht. Freunde und Bekannte rieten ihm, sich bei der Universitätsleitung oder bei den jeweiligen Gewerkschaften zu melden. Doch die Angst, eine schlechte Note zu bekommen und seine sowie schwierige Arbeitssituation zu verschlechtern, hielten Stefan davon ab. Doch er ist nicht allein. Die Machtposition von Professorinnen und Professoren stellt für viele ein Hindernis dar.

Studierende der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) sind dabei am ehesten von dieser Form des Machtmissbrauchs betroffen. Hier arbeitet und forscht der wissenschaftliche Nachwuchs häufig direkt mit Professorinnen und Professoren zusammen. Alleine in Berlin gibt es beinahe 80.000 MINT-Studierende, damit ist die Hauptstadt der beliebteste Ort für diese Fächergruppe in Deutschland.

Bei Geisteswissenschaften wie Philosophie oder Germanistik verbringen die Studierenden die meiste Zeit allein mit ihrer Forschungsliteratur. Aber auch hier kommen Formen des Machtmissbrauches vor, so zum Beispiel sexistisches Verhalten, rassistische Äußerungen oder andere Formen der Grenzüberschreitung.

Interessensvertretungen wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und ver.di versuchen, Betroffene zu unterstützen. Die Studierenden, die sich melden, werden bei Rechtsfragen, Verhandlungen und der Vermittlung mit den Arbeitgebern unterstützt. Im Falle eines Rechtsbruchs auch vor Gericht – was jedoch nur selten vorkommt.

„Schwieriger wird es, wenn kein formeller Rechtsverstoß vorliegt. Manchmal helfen Gespräche mit den Vorgesetzten, aber erstens wollen die Betroffenen unsere direkte Kontaktaufnahme oft nicht, denn schließlich benotet der gleiche Vorgesetzte auch die Arbeit, und zweitens sind gerade Professoren nicht selten sehr beratungsresistent“, sagt Matthias Neis.

Machtmissbrauch durch den Professor: In schönes Licht gerückt

Machtmissbrauch kann aus verschiedensten Gründen entstehen. Wenn ein Professor beispielsweise den Drittmittelgebern ein bestimmtes Ergebnis verspricht, dann ist es nicht gerade hilfreich, wenn das erhoffte Ergebnis widerlegt wird. Vor allem nicht, wenn man auch in Zukunft auf Gelder hofft.

In anderen Fällen steht die Karriere und das Renommee im Vordergrund. Und wenn es um Geld, Macht und Ansehen geht, dann werden schon einmal hier und da Prozente verändert (95 Prozent liest sich einfach schöner als 35 Prozent), Ergebnisse werden in ein schöneres Licht gerückt oder schlichtweg falsch dargestellt. Wissenschaftliche Standards werden dann gerne mal vom Tisch gefegt.

Dies will Stefan auch in relevanter Forschungsliteratur aufgefallen sein, etwa aus einschlägigen Fachzeitschriften: dass Ergebnisse fehlerhaft waren.

Was die Kommunikation mit den Universitäten betrifft, kommt es auf die jeweilige Unileitung an. Neis sagt, dass manche sehr engagiert seien und versuchen, mit wechselndem Erfolg, Einfluss auf die Professorinnen und Professoren zu nehmen. Anderen Universitäten sei hingegen die „Laune“ der Professorinnen und Professoren wichtiger als „das Wohlergehen des sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchses“.

Kollektive Betreuung statt Abhängigkeit von einer Person könnte für mehr Transparenz sorgen

Eines ist klar: Am bisherigen System muss sich einiges ändern. Matthias Neis sagt, dass ein erster wichtiger Schritt wäre, den „wissenschaftlichen Nachwuchs“ von der mehrfachen Abhängigkeit zu entkoppeln.

Anstelle eines zuständigen Professors könnte man über eine kollektive Betreuung und Bewertung nachdenken, bei der verschiedene Professorinnen und Professoren zuständig sind. Eine weitere Möglichkeit bestünde darin, Studierende und Promovierende verstärkt an den Instituten selbst zu beschäftigen und nicht der Obhut einzelner Lehrkräfte zu überlassen. Letzten Endes, so sagt Neis, brauche es einen „Kulturwandel“, in dem der wissenschaftliche Nachwuchs nicht mehr als „Verfügungsmasse“ betrachtet wird.

Stefan wird das nicht mehr helfen. Nach seinem hart erkämpften Masterabschluss entschied er sich gegen eine Promotion, obwohl eine solche gerade in den Naturwissenschaften gängig ist. Der Gedanke, noch einmal in eine Situation wie während seines Masters zu geraten, schreckte ihn ab. Heute arbeitet Stefan in der Wirtschaft. Ob er seine Promotion irgendwann nachholen möchte, weiß er noch nicht.


Dieser Beitrag stammt aus dem neuen Campus, den ihr hier runterladen könnt.


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