Täglich von Angst betroffen: Catcalling in Berlin ist eine ernsthafte Bedrohung für FLINTA-Personen. Die SPD-Bundestagsfraktion hat die Debatte um eine Gesetzesänderung ins Rollen gebracht und fordert, verbale Belästigung unter Strafe zu stellen. Es ist an der Zeit, dass sich Betroffene auch juristisch wehren dürfen. Ein Kommentar über die Notwendigkeit, die eigenen Erfahrungen legitimieren zu dürfen.

„Geil!“, rufen die Männer über die Straße zu mir rüber – und mein Herz rast
Es ist ein Abend an einer Bushaltestelle in Schöneberg, und ich bin allein. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite kommt mir eine Gruppe von fünf Männern entgegen. Ich schätze sie auf Anfang 40, also etwa 20 Jahre älter als ich. Als ich ihre Blicke spüre, gucke ich auf mein Handy, will sie nicht provozieren. Denn ich ahne, was kommt. Und schon ruft einer laut „Geil!“ zu mir herüber. Panik steigt in mir auf und ich versuche trotzdem, mich davon nicht beirren zu lassen. Die Gruppe bleibt stehen und starrt in meine Richtung. Einer von ihnen ist besonders fixiert auf mich. Während er mich anglotzt, macht er eine Bewegung, als würde er Brüste an seinem Oberkörper massieren. Dabei grinst er anzüglich.
Ich gehe schnell weiter. Bloß weg.
Der Schreck hallt nach – und setzt sich noch in derselben Woche fort. In der S-Bahn in Richtung Alexanderplatz sitze ich einem Mann gegenüber und merke, wie er seine Handykamera direkt in meine Richtung hält. Er versucht, sich dabei unauffällig zu verhalten. Doch ich merke, dass ich gefilmt werde, aber traue mich nicht, ihn damit zu konfrontieren.
Gänsehaut zwischen Hupen und Beleidigungen
Bereits als junge Teenagerin registrierte ich mit großem Unwohlsein, wie mir besonders ältere Männer auf den Po starrten, dabei anzüglich grinsten und mir widerlich hinterherpfiffen.
Es ist nicht besser geworden seitdem, im Gegenteil. Heute hupen Männer aus dem Auto, brüllen mich an, warum ich nicht einsteigen will und bleiben manchmal minutenlang stehen. Es ist oft kaum noch auszuhalten, es ist widerlich. Ich suche die Toilette am Bahnhof – und werde prompt wieder angesprochen. Ich solle doch endlich schon meine Telefonnummer oder oder mein Instagram-Profil rauszurücken. Nicht nur einmal wurde ich im Club oder in einer Bar aufgefordert, direkt mit einem Mann im Hotelzimmer zu verschwinden. Ein „Nein“ wird dabei wenig akzeptiert. Viel mehr entgegnen sie beleidigende Kommentare wie: „Du bist eh hässlich, dumme Fotze!” oder „Bist selbst Schuld, wenn du dich so freizügig anziehst, du Schlampe!” Es ist alles dabei.
Machtdemonstration und Minderwertigkeitsgefühle: Catcalling als respektlose Vorstufe von körperlicher Gewalt
Natürlich gibt es auch die Belästigung am Arbeitsplatz. Eine Freundin erzählte mir, wie ihr Chef ihr zugeraunt habe: „Folge mir in den Dark-Room.” Und das sei leider nicht mal so außergewöhnlich. An einem anderen Tag habe er ungefragt kommentiert: „Siehst du, du bist nicht nur hübsch, du bist sogar schlau.”
Aber sind doch nur kleine blöde Sprüche, oder? Wohl kaum. Meistens bleibt es nicht bei diesen Kommentaren, die schon tiefgreifend verletzend und respektlos genug sind. Es ist nur der erste Schritt, die Aufmerksamkeit von FLINTA-Personen einzufangen, sie einzuschüchtern und Macht zu demonstrieren.
Viele Männer beleidigen und werden aggressiv, insbesondere bei Ablehnung. Ihre Stimme hebt sich. Ein Schritt näher und das Herz pocht noch schneller. Häufig folgen auf die Sprüche Gesten, die noch weiter gehen. Sie kommen körperlich zu nahe, manchmal folgen unangebrachte Berührungen bis hin zu Verfolgungen. Catcalling ist eine Warnung, die oft in körperliche Gewalt mündet. Und mit jeder Warnung wächst diese Angst.

Mit Masken und Pullis tarnen: Reaktionen von Opfern auf das Catcalling
Im schlimmsten Fall trauen sich FLINTAs durch ihre vielen Catcalling-Erfahrungen kaum noch alleine rauszugehen, weil Sicherheitsgefühl und Selbstbewusstsein in den Minusbereich katapultiert wurden. Um etwas Macht über die Situation zu gewinnen, reagiere ich manchmal mit merkwürdigen Gesten, Zurück-Starren und Schreien. Ab und zu strecke ich den Typen den Mittelfinger entgegen. Aber das kostet Mut, denn meistens passiert Catcalling alleine und fremde Hilfe bleibt aussichtslos. In den sozialen Netzwerken gehen Videos herum, in denen sich FLINTAs Masken aufsetzen, auf denen ein männliches Gesicht zu sehen ist. Mit langen Pullis und langen Hosen verhüllen sie sich im Dunkeln, um bloß nicht angesprochen zu werden. Um bloß nicht aufzufallen.
Schluss mit verbalen Übergriffen: SPD-Bundestagsfraktion will Catcalling strafbar machen
Nach aktueller Gesetzgebung ist eine körperliche Berührung Voraussetzung, um sexualisierte Gewalt strafrechtlich verfolgen zu können. Daher fordert eine Initiative der SPD-Bundestagsfraktion gemeinsam mit Bundesjustizministerin Stefanie Hubig eine Gesetzesänderung, um künftig gezielte, mündliche sexuelle Belästigungen ebenfalls unter Strafe stellen zu können. Im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD bereits vereinbart, eine Modernisierung der strafrechtlichen Verfolgung vor Belästigungen zu prüfen. Einer kürzlichen „Spiegel“-Umfrage zufolge sprachen sich sieben Bundesländer für ein gesetzliches Verbot aus – Berlin aber hält dagegen. Die Debatte stößt auf Widerstände, insbesondere aus Reihen der Union. Im Stern-Interview argumentierte die CSU-Politikerin Susanne Hierl, jene Handlungen seien rechtlich nicht verfolgbar und würden zu mehr juristischer Unsicherheit führen.
Während Politik und Justiz versagen, müssen FLINTAs täglich zittern. Daher Schluss mit den Ausreden und endlich mehr für Respekt und Sicherheit im öffentlichen Raum!
Übergriffe beginnen nicht erst bei körperlicher Gewalt
Es ist wichtig, dass es Menschen ermöglicht wird, sich juristisch zu wehren. Ihr Anliegen zu schildern und dabei auch vom Staat ernst genommen zu werden. Aufgrund von Schamgefühlen traut sich in der Regel kaum eine Frau, das Thema überhaupt weiterzutragen, sei es an die Polizei oder nur an einen Vertrauten. Catcalling ist für viele immer noch ein Tabuthema und wird herabgewürdigt als übertriebene Empfindsamkeit. Das Catcalling-Verbot, das die SPD fordert, würde die Täter abschrecken. Außerdem würden Gefühle legitimiert, die ich täglich unterdrücke. Eine strafrechtliche Verfolgung würde signalisieren, dass Gewalt nicht erst bei körperlicher Gewalt beginnt.
Sexuelle Belästigung fängt nicht bei körperlichen Übergriffen an – Catcalling ist für FLINTA-Personen immer noch Alltag. Am 8. März ist Weltfrauentag, der jegliche Belästigung sichtbar macht. Ein Verein in Berlin kreidet im wahrsten Sinne des Wortes diese alltäglichen Übergriffe an: Catcalls of Berlin. Was das mit Feminismus und dem Patriarchat zu tun hat und warum jeden Tag feministischer Kampftag ist, lest ihr hier.


