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Kommentar

CDU schleppt eigenen Lamborghini in Neukölln ab: Polit-PR auf Abwegen

In Berlin-Neukölln geht es hoch her. Das Viertel mit der dritthöchsten Bevölkerungsdichte polarisiert, ist gemeinhin Risikogebiet verschiedenster Sorten. Wenn es um die Öffentlichkeit nicht so gut bestellt ist, helfen klare Signale. Das dachte sich auch die Berliner CDU und lud zum bildkräftigen Pressetermin in die Hermannstraße.

Der Landesvorsitzende Kai Wegner und der Neuköllner Gesundheitsstadtrat Falko Lieke stellten ihren Aktionsplan gegen Clankriminalität vor. Fürwahr, der Rechtsstaat muss organisierter Kriminalität wehrhaft begegnen. Was würde sich dafür besser eignen als die Symbolik eines Luxusschlittens? Und so fuhr man kurzerhand einen Lamborghini vor. „Bye Bye“ verliest das Kennzeichen, knallgelb das Auto, mit aufgeklebten Einschusslöchern und der Botschaft „Kriminelle Clans gehören auf Netflix, nicht auf Berlins Straßen“.

CDU-Aktion: Könnte Spurenelemente von Rassismus beinhalten

Ein wahres Husarenstück – erst wurde der Lieferwagen des hiesigen Geschäfts vertrieben, immerhin stand er im absoluten Halteverbot, dann parkt man die eigene Karosse. Und lässt sie abschleppen, die Clans gehören schließlich enteignet. 

Ein gefundenes Fressen fürs Twitter-Empörium, zumal die Botschaft dieser Aktion recht unklar erscheint. Woher die Einschusslöcher? Schießt die Polizei nun Sportwagenfahrer nieder und lässt sie dann abschleppen? Schwingen da eventuell rassistische Ressentiments mit? Bestimmte Boulevardmedien befeuern schließlich die Theorie, die Hochzeiten arabischer Familienclans seien federführend für das Infektionsgeschehen vor Ort.

Was wiegt schwerer? Lamborghini oder Infektionsgeschehen?

Noch so ein Risikogebietsfaktor. Der Inzidenzwert für Neukölln liegt bei 217,9 – ist das Abschleppen eines eigens gemieteten Lamborghini und ein Quasiversprechen zu mehr eingetretenen Shishabartüren einem Gesundheitsstadtrat da wirklich wichtiger als Schlangen vor Testpraxen, geschlossene Kitas und ein heillos überfordertes Gesundheitsamt?

Shishabars blieben bei der Lamborghini-Aktion dieses mal verschont. Foto: imago images/Olaf Wagner

Immerhin bekamen die Law&Order-Afficionados recht schnell Recht und Ordnung zu spüren: Kurze Zeit später hielt die Polizei den Abschleppwagen an und störte sich am Fantasiekennzeichen. Auch eine Anmeldung der Aktion versäumte die Partei. Wegen zahlreicher Anzeigen ermittelt nun die Amtsanwaltschaft nicht gegen Familienclans, sondern gegen die CDU. Wer volle Gesetzeshärte verlangt, sollte sich wenigstens selbst daran halten.

Die Serie „4 Blocks“ läuft im übrigen nicht auf Netflix, sondern bei einem Konkurrenzanbieter.


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