Stadtleben

Charity und Kunst

hobkinsAnfang November war sie in Karatschi. Caroline Hobkinson hat sich ein Bild gemacht von der Situation in Pakistan nach der Flutkatastrophe. Mit der Unterstützung von „Ärzte ohne Grenzen“ lernte sie 45 pakistanische Familien kennen und begleitete sie für eine Weile durch den Alltag. Diese Familien werden demnächst Post aus Berlin erhalten – Rezepte und Zutaten für ein besonderes Abendessen, das Teil einer internationalen Charity-Kunst-Initiative ist. Seit einigen Jahren setzt sich die Künstlerin mit den Themen Nahrung, Essen und Genuss auseinander. Sie begann in London, außergewöhnliche Mahlzeiten zu kreieren, die einer ausgewählte Gästeschar serviert und gemeinsam zelebriert wurden. Diesen Sommer hat sie im Kreuzberger Grimmuseum zwei große Abendmenüs veranstaltet, bei denen die Gäste beim Essen gefilmt wurden und der Tisch samt Speise- und Trinkresten später der Verwesung überlassen wurde. Besucher konnten sich dann ein Bild machen – von dem außergewöhnliche Verhalten der Gäste, aber auch vom Zersetzungsprozess der vergänglichen Hinterlassenschaften.

Mit Ulrich Krauss hat Caroline Hobkinson genau den richtigen Partner sowie den angemessenen Rahmen für ihren kulinarischen Kulturaustausch gefunden. Der Mann aus Süddeutschland betreibt seit rund zehn Jahres das Zagreus Projekt. Hier werden künstlerische Beziehungen zum Thema Nahrung geschaffen. Diese sind meist nicht nur in einer klassischen Kunstform zu betrachten, gleichzeitig gibt es für Galeriebesucher und Gäste immer auch eine sensorische Erfahrung – in Form eines gemeinsamen Essens. Auch der Zeitpunkt des kulinarischen Kulturaustausches ist gut gewählt. Denn „Weihnachtszeit ist Spendenzeit“, das bestätigt Eva Maas von Care Deutschland. Care ist eine Hilfsorganisation, die 1945 in den USA gegründet wurde – vielen ein Begriff durch die berühmten Care-Pakete. Hauptaufgabe dieser Organisation ist heute die Förderung von Projekten, die langfristig Armut bekämpfen. Die Möglichkeit der Spende einer Ziege veranschaulicht wohl am deutlichsten, wie Care-Hilfsaktionen funktionieren. Diese Tiere sind sehr genügsam und können in kargen Gebieten gehalten werden. Sie vermehren sich problemlos, geben Milch, können verkauft oder geschlachtet werden. Ziegen sind eine langfristige Einkommensquelle.

hobkinsAuch hat sich das Bewusstsein der Spender geändert. „Die Leute wollen wissen, wo ihr Geld hingeht“, sagt Eva Maas.“ Die meisten suchen sich ein bestimmtes Projekt aus und wollen sichergehen, dass ihr Geld auch genau dort ankommt.“ Sie ergänzt, dass die Entscheidung zu spenden bei vielen Menschen sehr kurzfristig fällt. Und dieses Jahr sei zudem eine besondere Situation: „Ich kann mich nicht erinnern, dass es schon mal ein Jahr gegeben hat, in dem zwei große humanitäre Katastrophen – das Erdbeben und die Cholera in Haiti und die Überflutung in Pakistan – stattgefunden haben.“ Caroline Hobkinson und Ulrich Krauss unterstützen mit ihrer Aktion „I eat – You eat“ pakistanische Familien, die nicht nur unter den Folgen der Naturkatastrophe leiden, sondern auch dem ständigen Terror ausgeliefert sind. „Es gibt aber auch Alltag“, erzählt die Künstlerin, und er sei anders, als man sich das vorstellen würde. Während ihrer Zeit in Pakistan, so ihre Beobachtung, war sie die einzige ausländische Besucherin des Landes, die nicht am Kriegsgeschehen, an Bombenattentaten interessiert war, sondern an der Kultur, an den alltäglichen Ritualen einer Familie. Sie saß bei pakistanischen Familien auf 45 Sofas.

„Ich habe sehr viel Tee getrunken und wenn kein Sofa vorhanden war, dann hockten wir auf der Erde.“ Herzlich sei der Umgang gewesen. Alltag in Karatschi, das sei eben auch die Normalität, die nach einem Terroranschlag auf einem öffentlichen Platz kurz danach wieder eintritt, in der die Menschen weiterhin arbeiten, ihren Weg suchen und ihren Geschäften und Pflichten nachgehen, als ob nichts passiert sei. Zu denken gibt der Künstlerin jedoch die Tatsache, „dass eine Gewehrkugel dort billiger ist als ein Hühnerei.“ Waffen also einfacher zu bekommen sind als eben Nahrung. Diese wird es künftig über eine kulinarische Luftbrücke geben. Während der kommenden drei Monate werden die Gäste im Zagreus Projekt mit einem festlichen Fünf-Gänge-Menü verwöhnt, bei dem pakistanische Gewürze und Zutaten eine große Rolle spielen. Nach dem Dinner werden die Zutaten nachgekauft, in ein Paket gepackt und zusammen mit den Rezepten in der Landessprache Urdu verschickt. Die Adressaten sind jene Familien, bei denen Caroline Hobkinson auf dem Sofa saß. Dokumentiert hat die Künstlerin ihre Besuche mit dem Fotoapparat. Die Bilder sind während der Aktion im Zagreus Projekt zu sehen.

Text: Eva-Maria Hilker

Fotos: Daniela Friebel/HIPI (oben), Caroline Hobkinso

I eat – You eat im Zagreus Projekt Brunnenstraße 9a, Mitte, Tel. 28 09 56 40, www.zagreus.net, 24.11.-28.01.11, jeweils um 20 Uhr; Fünf-Gänge-Menü inklusive Wein sowie Zutaten und Porto für das Parallel-Dinner 55 Ђ.

Weihnachtsaktionen Care Eine Ziege, Fußball, Moskitonetz (oder vieles mehr) über den CARE-Spendenshop spenden: www.care.de/meine-spendenaktion

 

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