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Corona in Neukölln: Gesamter Wohnblock unter Quarantäne

Corona in Neukölln: Was passiert eigentlich, wenn ein ganzer Wohnblock unter Corona-Quarantäne steht? Seit einigen Tagen ist dieser Fall eingetreten – und auch in anderen Bezirken gibt es größere Ausbrüche.

Corona in Neukölln: Ein ganzes Haus steht unter Quarantäne. Eine Herausforderung für alle Beteiligten. Foto: Imago Images/Pemax
Corona in Neukölln: Ein ganzes Haus steht unter Quarantäne. Eine Herausforderung für alle Beteiligten. Foto: Imago Images/Pemax

Während für einige Berliner*innen Corona so gar keine Rolle mehr zu spielen scheint, steigen die Fallzahlen in Berlin dennoch. In einem Fall in Neukölln wurde nun ein gesamter Wohnblock unter Quarantäne gestellt – aber wie kam es dazu?

Es begann alles mit der Infizierung zweier Schulkinder aus einem der Häuser. Als man die Kontakte nachverfolgte, stellte sich heraus, dass sie nicht die einzigen im Haus waren, die sich angesteckt hatten. Die Infektionsketten waren da schon nicht mehr nachzuverfolgen.

Corona in Neukölln: 72 Infizierte in einem Wohnblock

Nach Angabe des zuständigen Stadtrats, Falko Liecke (CDU) hat sich die Zahl der Infizierten Bewohner*innen mittlerweile auf 74 Personen erhöht (Stand Mittwoch, 16:27 Uhr), die Mehrheit verteilt auf mehrere Adressen im Harzer Kiez. Dort seien insgesamt 369 Haushalte betroffen. Ob weitere Kontakte angesteckt wurden, wird noch ermittelt. Laut dem Neuköllner Gesundheitsamt wird jetzt „fleißig getestet“, der „B.Z.“ gegenüber nannte der Liecke die Situation eine „neue Qualität in der Corona-Krise“.

Mehrere Hausaufgänge in einem Wohnkomplex unter Quarantäne zu stellen war dabei nicht die einzige Handlungsmöglichkeit für das Bezirksamt. Man hätte auch zehn Schulen schließen können, so Liecke, doch das sei als nicht zielführend verworfen worden. „Das hat wenig Zweck, weil Kinder sonst unterwegs wären“, berichtet er, beispielsweise auf Spielplätzen.

Die Stimmung im Kiez ist jetzt aufgeheizt: Zivil-Polizisten sind unterwegs, die Hausbewohner genervt, die Nachbarn ängstlich. Ein Stufenplan soll nun helfen, die Quarantäne durchzusetzen. Auf der ersten Stufe sollen Sozialarbeiter und Gesundheitsamt den Anwohner*innen die Quarantäneregeln erklären. Auf der zweiten Stufe werden Bewohner*innen, die die Regeln brechen, von den zuständigen Ämtern auf die Regeln hingewiesen.

Corona in Neukölln: Amtshilfe durch die Polizei?

Auf der dritten und letzten Stufe soll Amtshilfe durch die Polizei eingesetzt werden, wenn sich sonst die Quarantäne nicht durchsetzen ließe. Quarantäne durch Zwang? Der Stadtrat wünscht sich das nicht, aber es wäre rechtlich wohl möglich.

Was dieser Ausbruch eindeutig zeigt, ist, dass eben nicht „alle vor dem Virus gleich sind“. Eines der betroffenen Häuser ist das integrative Wohnprojekt „Arnold Fortuin Haus„. Hier wohnen Menschen auf engem Raum, viele Bewohner*innen sind marginalisiert und finanziell benachteiligt. Für den Virus ideale Ausgangsbedingungen.

Vor dem Virus sind nicht alle gleich

Wer wen zuerst ansteckt? Unklar. Es besteht die Theorie, dass ein infizierter Pfarrer bei Besuchen verschiedener Gemeinden den Virus zu seinen Schäfchen brachte. Dafür spricht, dass es auch Fälle bei Mitgliedern der Gemeinden auch in anderen Bezirken gibt. In Spandau zum Beispiel gab es fünf Fälle an der Christoph-Földerich-Grundschule, drei der Kinder stammen aus der selben Familie und alle gehören zur gleichen Community. Auch dort sollen ganze Häuser getestet worden sein, ebenso im Wedding.

Bislang aber werden die Maßnahmen, berichtet Liecke, von den meisten Menschen mit großem Verständnis wahrgenommen. Es seien beispielsweise auch Sprachmittler eingesetzt worden, das Ziel des Bezirksamtes sei es natürlich „die Bevölkerung zu schützen und nicht zu quälen“, so der Stadtrat: „Für mich ist wichtig, dass wir dort ein behutsames, aber auch bestimmtes Auftreten haben“. Viele Anwohner*innen seien misstrauisch gegenüber Maßnahmen, aber es wird auch mit Sozialarbeiter*innen und Trägern zusammengearbeitet, die schon lange vor Ort aktiv sind.

Egal, wie sich die Situation weiterentwickeln wird, eins ist klar: Um gegen Pandemien gewappnet zu sein, muss Berlin sich erst recht um die Schwächsten kümmern. Denn Armut ist einer der größten Risikofaktoren.


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