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Kommentar

Corona-Nebenwirkung: Jetzt sind Hippies die Bösen

Plötzlich sind in Zeiten von Corona Hippies die Bösen. Heilpraktiker rufen zum Sturm auf den Reichstag auf, ein radikaler Veganer will Kaiser der Deutschen werden und vermeintliche Yogalehrer marschieren gemeinsam mit Rechtsradikalen. Corona verändert den moralischen Kompass und nichts ist mehr so wie es war. Dabei waren die Hippies doch mal die Guten. Oder waren sie das nie? Wie soll man in diesen verwirrenden Zeiten überhaupt noch vernünftig denken? Ein Kommentar von Jacek Slaski.

Achtung Hippies! Gegner der Corona-Maßnahmen auf dem Roncalliplatz in Köln, Mai 2020.
Achtung Hippies! Gegner der Corona-Maßnahmen auf dem Roncalliplatz in Köln, Mai 2020. Foto: Imago/C. Hardt/Future Image

Es gab nicht nur Techno, damals in Berlin kurz nach der Wende. Ich war 13, als die Mauer fiel, die Stadt spielte verrückt. Die Anfangsjahre habe ich verpasst. Als ich ab 1992 anfing, auf die Piste zu gehen, war die anfängliche Party-Euphorie nach dem Mauerfall aber noch nicht verflogen. Es gab die großen Clubs, die improvisierten Bretterbuden, die Hinterhofbars, das ganze legendäre Panoptikum des Berliner Nachtlebens.

Es gab aber auch etwas anderes. Im Schatten vom Tresor, Bunker und E-Werk entstand eine rührige Sixties-Szene. Mir gefiel das, und meinen Freunde auch. Wir mochten die Doors, Jefferson Airplane und Jimi Hendrix, später auch weniger bekannte Bands mit lustigen Namen wie The Chocolate Watchband, The 13th Floor Elevators und Strawberry Alarm Clock. Man ließ die Haare wachsen, kaufte bunte Hemden in Kreuzberger Second-Hand-Shops und alte Schallplatten auf Flohmärkten.

In den kleinen Clubs wurde zum Sound der Sechziger getanzt

In den kleinen Clubs wurde zum Sound der Sechziger getanzt. Zu Beat, Surf, Garage-Punk, Psychedelia, später auch zu Funk, Soul und R’n’B. Eine feierwütige Retro-Szene entstand. Damals lernte ich viel über die Gegenkultur der Sechziger, über den Summer of Love, die Proteste gegen den Vietnamkrieg, die Bewusstseinserweiterung.

Die Hippies haben mich, eine Generation nach ihrer eigentlichen Entstehung, geprägt. Hippies waren die Guten. Außer Charles Manson natürlich, aber der war ein Psychopath und ist nur auf der Welle mitgeschwommen. Die Hippies stellten sich der materialistischen Welt entgegen, sie kritisierten den Kapitalismus, suchten nach neuen Wegen sich auszudrücken und waren gegen Kriege, Autoritäten und Spießer. Als junger Mensch war ich dafür empfänglich.

Die Hippies blieben mir sympathisch

Die Hippies blieben mir sympathisch, wurden aber mehr und mehr egal. Bis jetzt. In den Zeiten von Corona ist plötzlich vieles nicht mehr so, wie es mal war. Mein moralischer Kompass dreht frei. Seit den Demos gegen die Corona-Maßnahmen kristallisiert sich die Erkenntnis heraus, dass es nicht nur Deppen, Nazis und professionelle Verschwörungstheoretiker sind, die heftig am Rad drehen. Es sind auch Leute, die nach anderen Wegen suchen, die gegen Spießer und Kriege sind und gegen den Kapitalismus, Hippies eben.

Corona und Hippies, das passt gut zusammen. Plötzlich sieht man Leute, die wie Yogalehrer aussehen, die zu lange in Goa abhingen, neben fiesen Gestalten mit Reichsflaggen marschieren. Veganer, Freaks und Langhaarige schwurbeln ab, demonstrieren mit. Wofür eigentlich, hier werden keine vietnamesischen Dörfer ausgebombt, sondern ein Mundschutz soll im Supermarkt getragen werden. Doch sie empören sich. Halten wirre Plakate in die Luft. Rufen nach Sonne, Jesus und Putin. Sie sind die Covidioten. Wie konnte es dazu kommen. Führt der Wunsch nach einem anderen Denken so schnell auf den Holzweg? Vielleicht schon.

Corona und Hippies: Es sind gegenaufklärerische Tendenzen

Die Hippies waren von Beginn an eine spirituelle Bewegung. Man meditierte, ging nach Indien, interessierte sich für fernöstliche Religionen und archaische Rituale. Die Hippie-Bewegung ebnete den Weg für New Age und Esoterik. Phänomene, die seit den 1970er-Jahren immer weiter in das gesellschaftliche Bewusstsein vordringen. Es sind gegenaufklärerische Tendenzen, die bereichernd sein können, aber auch gefährlich. Ich habe es damals hinter den Blumen, blubbernden Lichtern und verzerrten Gitarren nicht erkannt.

Das Corona-Virus hat eine Nebenwirkung, es befällt auch das Denkvermögen. Angst, Einsamkeit, die Suche nach einfachen Erklärungen für komplexe Zusammenhänge oder der Wunsch nach Bedeutung mögen hinter der Covidiotie stehen. Das mag alles sein. Dass die Hippies aber jetzt die Bösen sind, bricht mir das Herz.


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