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Corona-Krise

Corona-Soforthilfe II: Kafkas Online-Schloss

Geld-Spritze: Zuschüsse von 5000 Euro für Soloselbstständige und Kleinunternehmen versprach der Senat als landeseigenes Corona-Soforthilfe-Programm. Aber ist es wirklich so unbürokratisch und einfach, an das Geld zu kommen? Foto: imago images / Action Pictures

Solo-Selbstständige und Kleinstbetriebe, besonders gerne auch in Kreativberufen, trifft die derzeitige Krise hart: seit Wochen werden schon Aufträge abgesagt und wie es weitergehen soll, steht auch noch in den Sternen. Da war die vom Senat beschlossene Corona-Soforthilfe II ein Lichtblick: das 100 Millionen Euro-schwere Programm des Landes verspricht 5.000 Euro pauschalen Zuschuss.

Mehr kann man beantragen, wenn man ein Unternehmen von bis zu 10 Mitarbeitern vertritt oder eine Kombination aus den Landes- und Bundesmitteln beansprucht. Genug, um die wichtigsten Kosten erstmal zu tragen und ein wenig Luft schnappen zu können.

Am Freitag, dem 27. März um Punkt 12 Uhr soll das Antragsverfahren über die Webseite der Investitionsbank Berlin beginnen – aber würde die Webseite dem Ansturm gerecht werden können? Ein Selbstversuch.

Corona-Soforthilfe: Ein Tagebuch des Elends

7:30 Uhr: Eigentlich will ich morgens ja nicht auf Social Media rumhängen, aber heute werde ich schwach. Gleich der erste Beitrag in meinem Newsfeed handelt vom Corona-Soforthilfe-Programm: ein Bekannter schreibt, dass man sich schon jetzt auf der Webseite registrieren und in eine Online-Warteschlange stellen müsse. Huch, auch für die Selbstständigen-Soforthilfe? Ging das nicht erst um 12 los? Hilfe. Ich probiere es mal – kann ja nicht schaden. Wofür wache ich auch sonst so früh auf?

8:10 Uhr: Die Warteschlange wurde angehalten. Wie geht’s nun weiter? Keine Ahnung.

11:16 Uhr: Die Seite des IBB ist schon down. Natürlich ist sie das.

11:30 Uhr: In der Online-Warteschlange erscheint der Hinweis, dass man für die Corona-Soforthilfe doch keine Registrierung benötigt und bitte diese Warteschlange verlassen soll.

11:58 Uhr: Ich probiere mein Glück und rufe bei der IBB direkt an. Als ob ich da jetzt durchkomme! Aber siehe da: Es nimmt sofort der zuständige Key Account-Manager für meine Branche ab. Ja, dass die Webseite down ist, sei zu erwarten, alle greifen gerade gleichzeitig zu. Sogar sie selbst fliegen jetzt aus dem internen Netz, erzählt er. Nein, direkt zitieren brauche ich ihn nicht – ich sehe doch, dass die Webseite down ist. Am Wochenende, hofft er, wird es entspannter.

12:02 Uhr: Natürlich ist kein Zugriff möglich. Ich poste es auf Social Media. Noch nie so schnell so viele Likes gesammelt – mein gesamter Bekanntenkreis scheint gerade vor den gleichen Problemen zu stehen. „Pro-Tipp: Nachts aufstehen und ausfüllen!“, kommentiert eine Freundin. „Das zweite B in IBB steht für Berghain“, witzelt ein Kollege. Ganz ehrlich: vor der Berghain-Tür hat man bessere Chancen.

Antragstellung auf Corona-Soforthilfe plötzlich ab 13 Uhr

12:26 Uhr: Ich komme endlich durch! Aber zu früh gefreut: die Webseite besagt jetzt, dass die Antragstellung ab 13 Uhr möglich sein wird. Auf Twitter schreibt die IBB, dass sie es verschieben, um mehr Serverkapazitäten zur Verfügung stellen zu können. Es hätte ja keiner ahnen können, dass halb Berlin auf die Seite zugreifen will…

12:50 Uhr: Ich rede mit einer Freundin darüber, ob man einfach nächste Woche den Antrag stellen soll. „Es gibt halt nicht genug für alle“, meint sie, „und im Moment keinen Hinweis das was anderes als Eingangszeit des Antrags entscheidet.“ Zwar stand in der Pressemitteilung der Senatskanzlei vom 19. März, dass die Soforthilfe II „perspektivisch auf 300 Mio. Euro aufgestockt werden“ könnte, aber das ist abhängig vom Volumen der Bundesmittel. Kurz gesagt also: ob noch mehr kommt und wenn ja, wann, bleibt unklar. Aber um 13 Uhr kann ich es ja nochmal probieren.

13:00 Uhr: Nichts geht mehr – die Seite ist komplett vom Netz.

13:09 Uhr: Die Facebook-Seite von Tim Renner, dem ehemaligen Berliner Staatssekretär für Kultur, scheint zum inoffiziellen Ratgeberportal avanciert zu sein. „Fair bleiben“, ermahnt er alle. Jede*r soll nur beantragen was er oder sie braucht. Aber wer in den letzten Wochen in einem Supermarkt war, weiß genau: Fair bleiben is‘ gerade nicht.

13:31 Uhr: Ich kann wieder auf die Seite zugreifen! Und stehe wieder in einer Warteschlange. Circa Platz 23.000. Gefördert werden können ungefähr 20.000 Personen. Meine Wartezeit in der Warteschlange: mehr als eine Stunde. Naja, dabei sein ist alles.

Wer es selbst probieren möchte, kann sein Glück auf der Webseite der Investitionsbank Berlin versuchen.



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