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Stadtteil-Serie

Corona Spaziergänge: Quer durch das Herz von Kreuzberg

Der zweite Corona-Spaziergang führt unseren Autor durch das Herz von Kreuzberg 36. Vom Görlitzer Bahnhof zum Paul-Lincke-Ufer und zurück über den Kotti zum Oranienplatz und in die Oranienstraße. Der Kiez trotzt der Situation, an den Fassaden regt sich Protest und ein letzter Mohikaner verkauft noch Comics

Plakate am Kottbusser Tor warnen vor Corona.

Die Sonne scheint, es ist Montagvormittag. Ich beginne den Spaziergang an der Skalitzer- Ecke Manteuffelstraße. Die Hochbahn fährt seltener, es sind nicht viele Autos unterwegs, aber die Straßen sind belebt. Keine Ausgangssperre, keine Total-Quarantäne. Ich laufe an den kleinen, sämtlich geschlossenen Geschäften vorbei bis zur LPG in der Reichenberger Straße. Der Biosupermarkt ist gut besucht. Die anderen Ladenbesitzer haben freundliche Abschiedsbriefe ins Fenster gehangen, auch die Restaurants am Paul-Lincke-Ufer grüßen freundlich und hoffen auf bessere Zeiten. An sonnigen Tagen wäre es sonst voll auf den großen Terrassen des Chan oder von Zola-Pizza.

Die Motoren des „Kreuzberg-Gefühls“ stehen still

Es geht weiter zum Kottbusser Damm. Das Künstlerhaus Bethanien ist verschlossen, ebenso das fsk-Kino, das Kreuzberger Babylon-Kino, der Kunstraum Kreuzberg, die NGBK, das Ballhaus Naunynstraße, das SO36. Die kommen alle noch, aber dass sie zu haben, weiß ich. Ich muss an die freie Szene denken, an alternative Kultur, an wichtige Institutionen, die seit Jahrzehnten aus Kreuzberg heraus für eine andere Sicht auf die Welt streiten. Diese Institutionen haben so oft Ideen aufgegriffen und in Filmen, Ausstellungen, Konzerten oder Performances der Welt ins Gesicht gehalten, bis sie es begriffen hat, bis sie sich Schritt für Schritt verändert hat.

Linke Ideen, queere Theorien, Feminismus und Inklusion, Avantgarden und Subkulturen, all das vermischte sich zum Kreuzberger Gefühl, einer Stimmung, die so attraktiv wurde, dass sich den Bezirk noch kaum jemand leisten kann. Diese Kulturorte sind die Motoren dieser Stimmung, jetzt stehen sie still und sind in ihrer Existenz bedroht. Es ist unheimlich.

Veranstaltungsplakate werden in Kreuzberg überklebt.
Wegen Corona abgesagt: Veranstaltungsplakate werden in Kreuzberg überklebt.

Am Kottbusser Damm ist ein Plakatkleber am werkeln, er überklebt Veranstaltungsplakate mit einem Hinweis auf ein internationales Sprachprogramm vom Berliner Senat. Veranstaltungen gibt es schließlich gerade keine. Die türkischen und arabischen Imbisse haben dafür teilweise geöffnet und bieten Döner und Falafel zum Mitnehmen an. Noch geht etwas in Kreuzberg. Am Kottbusser Tor steht der Gemüsestand noch, es sind aber kaum Kunden da, die Orangen glänzen umso mehr in der prallen Sonne. Doch im Neuen Kreuzberger Zentrum, rund um die legendär-queere Bar Möbel Olfe, ist wieder alles versperrt.

Der Mindestabstand wird gerade mal so eingehalten

Ich gehe die Dresdener Straße runter, hier drängen sich Bars und Restaurants, auch kleine Geschäfte und Initiativen gehören zur Nachbarschaft. Nichts geht hier mehr, am Oranienplatz sitzen zumindest einige ältere Männer herum und reden, der Mindestabstand wird gerade mal so eingehalten.

Dann kehre ich um und laufe die Oranienstraße wieder hoch, die Hauptschlagader im Kiez. Es ist ungewöhnlich voll. Das Gefühl von Apokalypse stellt sich nicht ein. Auf den Bürgersteigen stehen Leute herum, rauchen, reden. Viele tragen Masken, es scheint, als wären es mehr noch als gestern.

Kreuzberg und Corona: Es gibt mehr Krisen als nur die Pandemie. Aufruf der Initiative Coview.
Es gibt mehr Krisen als nur Corona. Aufruf der Initiative Coview.

An den Fassaden kleben Plakate. Aus manchen Fenstern hängen Fahnen und Transparente. Aufkleber und Flyer künden von Revolutionen und Demos. Hier pulsiert noch das linke Kreuzberger Herz. Irgendwo hinter den teuren Mieten und dem neuen Hipster-Bild des Stadtteils, werden die alten Träume geträumt. Vom Aufbegehren und Solidarität, Antifaschismus und Veränderung. Dafür stand der Bezirk einst und tut es ein wenig bis in die Gegenwart.

In Corona-Zeiten wirken jedoch Aufrufe gegen die Gentrifizierung oder für eine Refugee-Initiative fast befremdlich. So dominant, so präsent ist Corona, dass es alles andere hinwegfegt. Alle anderen Ideen und Anliegen, so wichtig sie sein mögen, werden verdrängt. Daran erinnert auch ein Aufruf, der das bedingungslose Grundeinkommen und das Aussetzen von Mieten einfordert. Mehr dazu auf coview.info. Was auf der Straße geschieht, machen die Medien nicht anders, auch wir in unserer Redaktion nicht. Über fast nichts anderes mehr wird gesprochen und geschrieben.

Bei Modern Graphics warnt Superman vor dem Virus.
Bei Modern Graphics warnt Superman vor dem Virus.

Bei Modern Graphics bleibe ich stehen. Der Comicladen hat noch offen, der Chef selbst ist auch da. Micha Wießler, der seit bald 30 Jahren von hier aus Comics und Graphic Novels verkauft. Ein großer Superman steht im Eingang, kann er uns retten? Wießler, der auch Filialen im Europa Center und in Prenzlauer Berg führt, spricht von extremen Umsatzeinbußen. Bestellungen an Bibliotheken konnten nicht rausgehen, wie er die Mieten zahlen soll, weiß er auch nicht genau. Aber er klagt nicht, hofft nur, dass die ganze Sache nicht zu lange geht und dass die Leute nach Corona wieder Lust auf schöne Dinge wie Comics haben.


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