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Corona-Spaziergänge: TU bis Ku’Damm. Unterwegs in Charlottenburg

Der zehnte Corona-Spaziergang führt vom TU-Hauptgebäude über die Knesebeckstraße zum Zwiebelfisch und über die Kantstraße weiter zum Ku’damm. Auch in Charlottenburg drehen sich in Zeiten der Pandemie die Uhren langsamer

Das Hauptgebäude der TU Berlin bleibt wegen Corona geschlossen
Wegen Corona bleibt auch die TU Berlin in Charlottenburg geschlossen. Foto: Stefanie Dörre

Mal sehen, was los ist, wenn nichts los ist. Vor dem Eingang des TU-Hauptgebäudes, wo sonst hunderte von Fahrrädern stehen, sind nur ein paar Leihräder in traurigem Zustand zurückgeblieben. Und ein Vater spielt auf der steinernen Freifläche mit seiner Tochter Rollhockey. Doch halt, da geht jemand in die Tür rein. Ich folge. Der Pförtner telefoniert. Telefoniert. Und telefoniert. Dann werde ich wohl nicht erfahren, wer trotz Corona jetzt noch in die TU reingelassen wird, sage ich mir, und gehe wieder raus. 

Rüber zur Knesebeckstraße. Hundert Mal bin ich sie schon langgelaufen. Doch zum ersten Mal sehe ich jetzt an der Nummer 11 die Gedenktafel für Lotte Reiniger. „Sie verließ Deutschland 1935, kehrte noch vor Kriegsende nach Berlin zurück und lebte ab 1949 in England.“ Im Vergleich dazu kommt mir die aktuelle Zeit gar nicht mehr so schwierig vor. 

 Im selben Haus ist der Buchladen Knesebeck Elf. Er ist systemrelevant und geöffnet. Allerdings hat dort noch keiner Zeit gefunden, die Adventskalender aus dem Fenster zu räumen. Vielleicht können sie dort einfach bleiben, bis wieder Weihnachten ist. Ist irgendwie eh grad egal. 

Trotz der Corona-Pandemie hat ein Obsthändler in Charlottenburg noch geöffnet.
Ein Obsthändler trotzt der Corona-Krise. Foto: Stefanie Dörre

Ein paar Häuser weiter leuchtet die Südfrüchteinsel in magischen Orange. Mehrere solcher nostalgischer Obstläden, die Südfrüchte wie eine seltene Verheißung und nicht wie im Schiffscontainer gereifte Massenware anbieten. Weil all die geschlossenen Läden so einen traurigen Anblick bieten, macht eine Mandarine plötzlich gute Laune.

 Ich schaue beim Zwiebelfisch vorbei. Die Traditionskneipe ist in der Nacht zum 20. März durch einen Brand zerstört worden. Vorsätzliche Brandstiftung. Auf dem Hof sei ein Stapel Zeitschriften mit Brandbeschleuniger entzündet worden, die Flammen seien bis zur Entlüftung der Küche hochgeschlagen, hätten das Fett in Brand gesetzt und das Feuer habe sich schnell seinen Weg in die Gasträume gebahnt, haben mir die Wirtinnen vor zehn Tagen gesagt. Heute sind sie dabei, das verkohlte Holz aus dem Zwiebelfisch rauszuschaffen. Ein vertrockneter Weihnachtsbaum steht vor der Tür. Wieder dieses Weihnachtsthema am 31. März. 

Da ruft mein Freund Steve Morell an. Wir reden nicht über dies und das. Nur über Corona. Am Ende des Gesprächs bin ich überzeugte Mundschutz-Verfechterin. 

 Auf der Kantstraße, wo sich nachmittags um 14.30 Uhr die asiatischen Restaurants sonst langsam wieder leeren, bleibe ich vor dem abgesperrten Pho stehen. War da schon immer das Apothekenzeichen an der Eingangstür? 

Kinderbild zur Corona-Krise in Berlin. Alles wird gut!
Positive Nachrichten im Kuchi: Alles wird gut! LouLou lässt sich von Corona nicht unterkriegen. Foto: Stefanie Dörre

Das Kuchi daneben hat auf. Man soll vor dem Restaurant auf seine Bestellung warten. Ein selbstgemaltes Bild klebt in der Scheibe. Alles wird gut, hat LouLou darauf in Kinderschrift geschrieben, und einen Regenbogen und ein Herz gemalt. 

Aufgemuntert schaue ich noch bei Good Friends vorbei. Der prägnant-praktische Nichtstil des chinesischen Restaurants hat sich auch beim Fensterschlitz durchgesetzt, durch den man sein vorbestelltes Essen jetzt abgepackt gereicht bekommen.

 Der Zeitungskiosk Kant/ Ecke Schlüter hält durch und präsentiert auch den tip. Wieder in der in der Knesebeckstraße, jetzt aber südlich von der Kant, steht ein Magnolienbaum in voller Blüte. Wenn ich nicht wüsste, dass die Natur nicht ironisch sein kann… Ich will ein Foto machen. Eine Frau, die den Gehweg entlang kommt, stoppt, um nicht durch Bild zu laufen. Oder ist es ein Mann? Er oder sie trägt eine Maske. Dahinter kann man nicht erkennen, ob jemand männlich oder weiblich ist. Interessant. Wenn wir alle Mundschutz tragen, nivelliert sich der Genderunterschied.  

Die Theaterkasse vor der Komödie am Kurfürstdamm. Foto: Stefanie Dörre

Vor zum Ku’damm. Auch hier hat alles zu. Nur auf der Baustelle, dort wo mal die Komödie am Kurfürstdamm war, herrscht reger Betrieb. Es klafft ein riesiges Loch, wo einst das Theater war. Die Theaterkasse ist zwar noch dort, aber natürlich zu. Denn auch im Schillertheater geht es für die Komödie momentan nicht weiter. „Passen Sie auf sich auf. Ihr Komödie-Team“, steht da auf einem Zettel. Daneben steckt die gläserne Reklamevitrine, die für das Restaurant Maroosh Bauchtanz wirbt, windschlief im Pflaster. Vermutlich hat sie ein Baufahrzeug touchiert. 

Darauf klebt ein Zettel: „Mundschutz z. Zt. verfügbar.“

Ich gehe weiter. Da ist das Cinema Paris. „Wir sehen uns wieder. Bleibt gesund“, steht auf der Film-Anzeigetafel. Fast stolpere ich über ein mitten auf dem Ku’damm aufgestelltes Apotheken-Schild. Darauf klebt ein Zettel: „Mundschutz z. Zt. verfügbar.“ Ich biege sofort ab. Das mit dem Mundschutz habe ich ja Steve versprochen.

Die Tür der Apotheke öffnet automatisch, aber ohne System. Eine Kundin ist drin. Sie sitzt auf einer Wartebank. Ich habe die vielen Abstandmarkierungen auf dem Boden also ganz für mich allein. Bis eine Mutter mit Kind reinkommt. Beide tragen einen grünen Mundschutz und lila Gummihandschuhe. Die Frau von der Bank verwickelt mich in ein Gespräch. 

Ich sage, ich sei ja mittlerweile unbedingt für Mundschutz. Sie sagt, da gäbe es ja viele Gegenargumente, zum Beispiel, dass man sich mit Mundschutz fälschlicherweise sicher fühle. Ich sage, wenn wir wollten, dass diese schreckliche Zeit möglichst bald vorbei geht, müssten wir alle Mundschutz tragen. Und schaue mich, billig Zuspruch fordernd, zu der maskierten Mutter mit Mundschutz um. 

Dann bin ich dran. „Ich habe Ihr Schild Mundschutz verfügbar gelesen“, sage ich zum Apotheker. Wie viele Masken kann ich denn bekommen?“ Er: Soviele, wie Sie wollen. 50. 100.“ Ich: „100.“ Er: „Stück 1,50 €.“ Ich: „50.“ 

Ich gehe zum Bikini Berlin. Schlendere die Treppe zur Aussichtsterrasse hoch und schrecke ein knutschendes Paar hoch. Vor der Terrasse fängt mich ein Security-Mitarbeiter ab. Der ist sehr jung und sehr nett. „Arbeiten Sie hier?“ – „Nein.“ – „Dann kann ich sie leider nicht auf die Terrasse lassen.“

Ich habe gerade 97,50 Euro für Mundschutzmasken bezahlt. Irre.

Ich hätte gern von oben auf den menschenleeren Zoo geschaut, aber das muss jetzt durchs Elefantentor geschehen. Ein paar Meter weiter, beim Springbrunnen vor dem Aquarium, skaten drei Jugendliche und drei Obdachlose schlafen auf den Bänken. Drei und drei. Merkwürdige Symmetrie.

 Als ich zu Hause meine Tasche auspacke, sehe ich, dass ich 97 Euro für 50 Masken bezahlt habe. Irre. Hoffen wir, dass der Apotheker besser abmessen als rechnen kann. Und das Irrste: Das ist mir egal. 97 Euro. Du bist lästig und teuer, Corona. Fuck you.


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Das Coronavirus ist eine echte Bedrohung für die Gesundheit, aber auch für die finanzielle Existenz der Berliner*innen. Ihr wollt helfen? tip Berlin hat ein Portal eröffnet, auf dem sich Hilfesuchende und die, die helfen wollen, vernetzen können: https://www.tip-berlin.de/tip-hilft/

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