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Kommentar

Corona und Liebe: Bitte nicht zurück in die 50er Jahre!

Wenn Corona wütet, ist nicht die Zeit für Dating und Hauspartys. Trotzdem lohnt es sich, bei den Liebesmodellen nicht in den Geist der 50er Jahre zurückzufallen. Es gibt auch Partnerschaften jenseits der Zweierbeziehung. Corona und Liebe – das soll und muss gehen. Ein Kommentar von tip-Redakteurin Julia Lorenz.

Manche lieben Liebe zu dritt. Foto: Imago/ Müller-Stauffenberg
Foto: Imago/ Müller-Stauffenberg

Berlin ist ein Flittchen – und das ist als Kompliment gemeint. Wer hier lebt und ausgeht, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit schon mal darüber nachgedacht, dass es Lebens- und Liebesmodelle außerhalb der heterosexuellen Zweierbeziehung gibt. Debatten über Poly­amorie und sexpositive Partys mag man verwerflich, verstörend, befreiend, augenöffnend oder nervig finden, in jedem Fall gehören sie zu Berlin.

Seit Beginn der Coronakrise denkt man, die Stadt bestehe fast nur aus Kleinfamilien und Paaren in einem Haushalt

Seit Beginn der Coronakrise aber hat man das Gefühl, die Stadt (oder die Welt?) ­bestehe fast nur aus Kleinfamilien und Paaren, die sich einen Haushalt teilen. Weil die Positionen erschöpfter und von der Kinderbetreuung überforderter Eltern – mit jeder Legitimation – viel Raum in der öffentlichen Debatte einnehmen. Und weil man gemäß des in Berlin bestehenden Kontaktverbots aktuell niemanden außerhalb des eigenen Hausstandes besuchen oder empfangen darf – Lebens- und Ehepartner ausgenommen.

Logisch: Wenn eine Pandemie wütet, ist eben nicht die Zeit für Dating und Haus­partys. Zudem erforderte die Corona-Krise schnelles Handeln seitens der Regierung. Da konnte nicht sofort jedes Lebensmodell mitgedacht werden. Trotzdem lohnt es sich auch in Krisenzeiten, bei allem Nachdenken über Risiken und Infektionsketten, die eigenen bürgerlichen Standards zu hinterfragen, um nicht in die 50er-Jahre zurückzufallen.

Warum darf die Single-Frau nicht zwei Freundinnen empfangen?

Was tun Menschen, die ohne festen Partnerin leben und mit ihrer biologischen Familie nichts zu schaffen haben? Warum darf ich meinen Partner in seiner WG und meine drei Schwestern besuchen, während eine allein lebende Singlefrau sich theoretisch strafbar macht, wenn sie zwei Freundinnen ­zuhause em­pfängt?

Dass diese Fragen nun auch im Senat diskutiert werden; dass sich die Kontaktbeschränkung auf Partnerinnen und Familie bald erledigt haben könnte, ist ein gutes Zeichen. Denn Kontaktbegrenzungen sind ein Muss, klassische Beziehungsmodelle sind es nicht. Und Berlin muss weiterhin eine Stadt für alle bleiben: Paare, glückliche und unglückliche Singles und Viellieberinnen.

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