Stadtleben

Cricket in Berlin – Teil 2

Als Begründung für die Verlegung wurden versicherungstechnische Fragen genannt. Das neue Besucherkonzept für den Olympiapark führe zu stärkerem Fahrzeug- und Personenverkehr, aus Gründen der „Gefahrenabwehr“ auch für Personenschäden sei der Betrieb des Cricketfeldes nicht mehr vertretbar. Laut Hans Heinrich Mai gab es bisher jedoch nur einen einzigen Versicherungsfall: Ausgerechnet der Wagen eines Funktionärs einer anderen Sportart war von einem Cricketball getroffen worden. Wie sich dann herausstellte, hatte der sein Auto allerdings an einer Stelle geparkt hatte, die gar nicht als Parkzone ausgewiesen war, weswegen die Versicherung nicht bezahlte.

CricketDa es in der 60-jährigen Geschichte des Spielfelds am Körnerplatz nie zu gravierenden Schäden kam und schon gar keine Personen verletzt wurden, vermuten die Mitglieder des Berlin Cricket-Kommittees, dass ihre Vertreibung wirtschaftliche Gründe hat. Cricket hat in Deutschland keine große Lobby und verfügt nur über geringe Mittel. Immerhin gelang es Martin Haynes, dem Vorsitzenden des Berlin Cricket Clubs, eine Medienkampagne zur Rettung des Körnerplatzes zu organisieren, die international einiges Aufsehen erregte. Von der Londoner Times bis hin zum New Zealand Herald berichtete die Presse über den Fall. Gerade in England war man pikiert über die Vorkommnisse im Schatten von „Hitler’s stadium“. Die Facebook-Gruppe „Keep Körnerplatz for Cricket“ forderte, den Platz den Vereinen des Berliner Cricket-Komitees für mindestens zehn weitere Jahre zur Verfügung zu stellen. Spieler und Cricket-Freunde sandten Hunderte von Emails an die Verwaltung des Olympiastadions, die zumindest für die laufende Saison einlenkte. Ein zweiter Fangzaun wurde errichtet, und die Mannschaften verpflichteten sich, bei Spielen und Trainingseinheiten zwei Aufpasser abzustellen, die Passanten auf den angrenzenden Straßen vor möglicherweise umherfliegenden Bällen warnen sollen.

Doch wie es im Augenblick aussieht, wird das Jahr 2012 das Aus für den Cricketsport am Körnerplatz bedeuten. Im Juli teilte die Senatsverwaltung für Inneres und Sport allen Clubs mit, dass der Spiel- und Trainingsbetrieb im nächsten Jahr endgültig aufs Maifeld verlegt werden soll und mahnte die Cricket-Vereine streng an, das Sicherheitspersonal „zur Vermeidung künftiger Gefahrensituationen“ auch wirklich abzustellen. Da der Pitch sehr groß ist, dürfte die tatsächliche Gefahr aber vor allem von nicht gefangenen und vom Feld kullernden Bällen ausgehen, womit der Olympiapark jahrzehntelang sehr gut leben konnte.
Über die zukünftige Nutzung des historischen Spielfelds am Körnerplatz ist laut Aussage der Pressesprecherin der Senatsverwaltung noch nicht entschieden, vermutlich soll es für den Schulsport genutzt werden.

Das Berliner Cricket-Komitee würde einem Umzug aufs Maifeld sogar zustimmen, wenn dort eine gleichwertige Anlage eingerichtet würde. Allein das dazu erforderliche Zusammenwachsen von natürlichem Rasen und Kunstrasen auf dem Abschlagplatzes würde nach Einschätzung der britischen Experten, die das BCK konsultiert hat, jedoch mindestens vier bis fünf Jahre dauern, wäre also bis 2012 gar nicht zu bewerkstelligen. „Und selbst wenn man dort alles neu errichten würde, wären die Kosten viel höher, als alles beim alten zu belassen“, sagt Ganidu Arumadura. Die Senatsverwaltung für Inneres und Sport erklärt zwar, dass die Verlegung des Spielfeldes aus den Mitteln für Bauunterhaltung finanziert würde, offen jedoch ist, wie diese angesichts knapper Kassen konkret aussehen soll.

Ein Umzug in das neue Cricketzentrum in Werder an der Havel, das mit der Unterstützung privater Sponsoren und aus Brandenburger Landesmitteln errichtet wird, scheidet ebenfalls aus, da die einfache Fahrt rund anderthalb Stunden dauern würde.  Die Berliner Cricketeers geben deshalb nicht auf und wollen mit allen Mitteln für den Erhalt des Körnerplatzes als Spielfeld kämpfen – auch mit der Unterstützung der Botschaften aus den Heimatländern der Spieler. „Hoffentlich gelingt es uns, den Erhalt der Tradition zum Politikum zu machen“, sagt Arumadura. Der Widerspruch, einerseits aufwändige Imagekampagnen а la „Be Berlin“ zu produzieren, aber einer Sportart die Grundlage zu entziehen, in der das Miteinander vieler Nationen beispielhaft funktioniert, könnte noch zu hitzigen Diskussion führen. Mal abgesehen davon, dass man als Passant am vollkommen ungesicherten Maifeld mit viel Pech womöglich genauso einen kleinen roten Ball abbekommen könnte.

Text: Rock Davis

Foto: Oliver Wolff

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