Stadtleben

Cricket in Berlin

CricketFreitagnachmittag am Körnerplatz: Training der Cricketabteilung der Reinickendorfer Füchse – ein Team, das überwiegend aus Spielern aus Sri Lanka besteht. Spielertrainer Ganidu Amadura übt mit seiner Mannschaft den Abschlag. Es geht um den Aufstieg in die 1. Bundesliga-Ost. Das Regelwerk ist nur auf den ersten Blick verwirrend: Wer anfängt, sich mit dem Spiel zu befassen, entdeckt eine faszinierende Sportart, die Athletik, Geschicklichkeit und Spielstrategie vereint und durch den Zweikampf zwischen Werfer und Schlagmann gekennzeichnet ist.

Der idyllische Platz im Olympiapark in unmittelbarer Nachbarschaft zum Trainungsgelände von Hertha BSC ist das einzige Cricket-Spielfeld in Berlin. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde es von den Briten in Sichtweite des Sitzes ihres Stadtkommandanten angelegt, es hat ein denkmalgeschütztes Clubhaus und eine große Anzeigetafel. Das Gentleman-Flair und die große Tradition des Sports sind hier unmittelbar spürbar.

Die Füchse teilen sich das Gelände mit sieben weiteren Mannschaften. Neben den Reinickendorfern trainieren hier der Traditionsclub BFC Viktoria 89, der mehrfache deutsche Meister Sports & Social Club Berlin Brandenburg sowie der Pakistan Cricket Club und der BSV 1892 Britannia. Die Spieler des Havelländischen Cricket Clubs Werder nehmen sogar die Anreise aus Brandenburg in Kauf, bis an der Havel ein für 2012 geplantes Cricketzentrum mit mehreren Spielfeldern fertiggestellt ist. Viele Aktive haben ihre Wurzeln in ehemaligen britischen Kronkolonien wie Indien und Pakistan, Sri Lanka und Südafrika oder Australien und Neuseeland. Für sie bedeutet Cricket ein Stück Heimat.

Die Zahl der Spieler soll sich in den letzten Jahren verdoppelt haben. Bundesweit zählt der Deutsche Cricket Bund rund 5000 aktive Spieler. In Berlin führt die Begeisterung für den Sport zu akuten Platzproblemen. Auch beim Training der Füchse an diesem Freitagnachmittag sind ein paar Spieler anderer Mannschaften dabei. Die Überbuchung des Pitches ist so groß, dass manche Vereine sich die Trainingszeiten teilen, um einmal die Woche trainieren zu können. 

Die multinationale Cricketfamilie hält zusammen und arrangiert sich. Trotzdem konnten aufgrund der Überbuchung des Platzes in den letzten Jahren einige wichtige Turniere nicht stattfinden, darunter die Anwaltsweltmeisterschaft im Cricket und das Turnier der ausländischen Botschaften, die immer auch gesellschaftliche Ereignisse waren. Denn Cricket hat eine Eigenschaft, die es von anderen Sportarten unterscheidet: Die Partien dauern sehr lange. Traditionelle Spiele können über mehrere Tage gehen und machen Cricket zur einzigen Sportart mit festgelegten Mittags- und Teepausen. Schon eine Partie in der kürzeren Form des sogenannten One-Day-Crickets dauert in der Regel bis zu sieben Stunden, und selbst in der kürzesten Form des neu eingeführten Twenty20-Cricket wird immerhin zwei Mal 75 Minuten gespielt.

„Eigentlich benötigen wir einen zweiten Platz“, sagt Hans Heinrich Mai, der neue Sportdirektor des Berliner Cricket-Kommittees. Doch die starke Auslastung im momentan sein kleineres Problem. Das traditionsreiche Spielfeld droht den Berliner Vereinen ganz abhanden zu kommen. Bei seinem Amtsantritt im Frühjahr wurde Mai mit einer schwierigen Situation konfrontiert: Der jährlich neu zu stellende Antrag zur Nutzung des Spielfeldes wurde von Verwaltung des Olympiastadions abgelehnt. Kurz vor Beginn der Saison sollten die Cricket-Mannschaften aufs Maifeld ausweichen, eine Fläche, auf der auch Polo-Wettkämpfe stattfinden – ein Unding für die Berliner Cricketeers, die auf einen ebenen Rasen angewiesen sind. „Der Umzug aufs Maifeld wäre für uns eine Katastrophe“, sagt Ganidu Arumadura, der Spielertrainer der Reinickendorfer Füchse „Der Platz ist holprig, es gibt keinen Ort, an dem sich die Zuschauer unterstellen können, bei Sonnenschein ist es brüllend heiß, es gibt kein Clubhaus, keine Umkleiden, keine Anzeigentafel. Es wäre wie eine Verbannung.“ 

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Foto: Oliver Wolff

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