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Uli Hannemann – „Da, schau an! Noch ?Ein Club-Mate-Deckel“

Blog: ?Abandoned ?Berlin – Leer stehende Ruinen, bröckelnder Putz und abgeplatzter Lack dokumentieren in dramatisch inszenierten Architekturaufnahmen den -jetzigen Zustand Berlins und seine wechselvolle Geschichte. www.abandonedberlin.com

Es passiert, wie so vieles hier, mitten in der Nacht: ein Erdbeben. Jedenfalls klingt es so. Es sind dann aber doch nur zehntausend Rollkoffer, die mit infernalischem Schurren, Rollen und Rattern über das Neuköllner Pflaster gezogen werden. Noch ein letztes Mal, ein finales Crescendo westwärts Richtung U-Bahnhof -Hermannplatz, dann weg. Für immer weg. Stille.

Wie konnte das passieren? Nun, ganz einfach: Für den Berliner funktioniert im Grunde alles über Suggestion und Autosuggestion. Nach dem Prinzip der Yogischen Flieger verreist er von einem Flughafen, den es gar nicht gibt, fährt mit einer S-Bahn, die gar nicht fährt, und lässt sich dabei von einem Bürgermeister führen, der gar nicht regiert, aber eben ein Meister des Suggestion ist. In seinen Blättchen, die gar keine Zeitungen sind, aber dafür von der internationalen Presse abschreiben, hat der Berliner gelesen, dass Berlin nicht mehr hip ist. Das hat der Berliner geglaubt und dem Berlin-Besucher und dem Neuberliner erzählt und die haben es ebenfalls geglaubt. Der Berliner ist froh. Endlich ist er wieder unter sich. Nur ein letzter Hipster schnüffelt traurig an einem kaputten Plastikrädchen im Rinnstein. Und da hinten, schau an, liegt doch noch ein Club-Mate-Deckel! Aber wo sind seine kleinen Kameraden hin?

Sie sind alle weg. Neukölln ist leer. Doch schnell füllt sich die Gegend wieder. In einer Rückrufaktion sondergleichen holt man die nach Marzahn und Hakenfelde ausgelagerten Ureinwohner ins Stammwerk Neukölln zurück. Zum Empfang wird fleißig umdekoriert: Die über Jahre sorgsam nach Häufchen getrennt aufbewahrte Hundescheiße wird aus den Depots geholt und wieder dahin drapiert, wo sie hingehört: auf den Bürgersteig.

Irgendwie wusste man doch immer, dass man die noch mal brauchen könnte. Aus Hostels, Bars und Galerien werden wieder Bordelle, Sanitätsgeschäfte und Hundefutterläden. Aus dem Cross Cologne Club wird wieder das Koma-Eck, aus dem „Lass uns an einem Dienstag im September voll die Feinde werden“ das good old Stafford-Stüb’l. Die DJ-Pulte, pseudoheimeligen Holzöfen und vergammelten Sessel lässt man einfach drin – so entsteht ein ganz neuer Cross-over-Kneipenstil.

Weiterlesen: Berlin ist nicht mehr die cooleste Stadt der Welt? Das behaupten sie zumindest anderswo.

Die Häuser werden zu Ruinen zurückgebaut, der frische Putz wird von den Fassaden geschlagen, bald gibt es wieder Klos auf halber Treppe. Die Mieten sinken stündlich. Irgendwann bekommt man bei Abschluss eines neuen Mietvertrags zur völligen Mietfreiheit noch einen Kasten „Bärenpils“ dazu. Wo es vor Kurzem noch Amerikanisch durch die Straßenschluchten quakte, bollert nun wieder das Berlinische, wo eben noch Französinnen vor Bioläden zirpten, zwitschern Libanesinnen aus Backshops. Das ewige Rauschen der Rollkoffer hat den, früher so vertrauten und inzwischen fast vergessen geglaubten, nächtlichen Kotz- und Pissgeräuschen in den Hauseingängen Platz gemacht.

Statt „Schwaben, Spanier und Amis raus aus dem Kiez“ steht auf einmal „Ausländer raus“ an den endlich wieder grauen Wänden, was ja im Prinzip dasselbe ist, nur eben hier von Fa und dort von Antifa gesprüht. Der letzte Hipster weiß nun, dass er gehen muss.

Uli Hannemann
Mitglied der Lesebühne LSD – Liebe statt Drogen und der Reformbühne Heim & Welt. Gerade ist im Berlin Verlag sein Neuköllnroman -„Hipster wird’s nicht“ erschienen.

Foto: Oz Ordu

 

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