Stadtleben

Daisy

Daisy
16 Uhr, Freundin Imke ruft an, tags zuvor waren wir bei einer Vernissage im Hamburger Bahnhof.

Imke: Jackie, wie geht’s? – Ich war ja heut unterwegs und hab nach einem neuen Parfüm geschaut.

Jackie: … und ich sitze noch an meiner Kolumne. Es geht um Kunst und Schaumschlägerei.

Imke: Die Vernissage gestern war doch super, haben dir die Bilder nicht gefallen, oder was?

Jackie:
Doch schon. Allerdings hat mir letztes Jahr H. – du weißt schon, der Redakteur von diesem Fashionmagazin – also, der hat mir sein altes Handy überlassen, und was ich da im Fotospeicher an erigierten Penissen gefunden ha­be, kann gut mit ein paar Bildern im Hamburger Bahnhof mithalten.

Imke:
Man kann sich aber auch als Depp outen, wenn man keine Ahnung hat.

Jackie:
Es geht mir doch gar nicht um den Tillmans, mehr so um den Berufsstand insgesamt. Da braucht mich nur jemand ansprechen mit den Worten „I’m an Artist“ – sofort geht bei mir ’ne Alarmglocke an, da bin ich weg.

Imke: So was nennt man Vorurteile.

Jackie:
Wer sich mir nachts schon alles als Künster vorgestellt hat, bloß weil er gerade mit ’nem Schal mit aufgedruckter Klaviertastatur unterwegs war! Mittlerweile machen doch alle irgendwie Kunst. Das ist so dröge. Ich hätte Bock, mal wieder was wirklich Exotisches kennenzulernen, einen Gas-Wasser-Installateur oder so.

Imke:
Das war doch schon in den 80ern in New York so. Da hat auch jeder Barmann erzählt, dass er demnächst als Schauspieler oder Maler groß rauskommt. Also, ich treffe häufiger Leute aus der bildenden Kunst, die tolle Sachen machen und auch sehr gut davon leben können. Du gehst einfach in die falschen Läden.

Jackie:
Hm. Ich könnte über unser Essen im Grill Royal schreiben, gleich nach der Vernissage. Das war ja schon beeindruckend. Ich saß noch nie vorher mit mehreren Millionären gleichzeitig am Tisch – war der eine nicht auch Kunstfotograf? Aber dass dann alle so plötzlich weg waren, als die Rechnung kam … Besser, ich schreib über was anderes. Wie findest du „Taggen am lebenden Objekt“? Da hat mir neulich einer auf ’ner Party so ein HipHop-Kürzel verpasst. Ich bin die ganze Nacht mit dem Gekritzel aufm Hintern rumgelaufen und hab’s nicht gemerkt, die Hose ist natürlich versaut. Gut. The­matisch gibt der Verklei­dungswahn in den Läden mehr her.

Imke:
Find ich jetzt nicht. Ich sehe immer mehr Leute in teuren Markenklamotten, die haben vielleicht nicht so ’n Riesenlogo, aber da hat die Hose eben 469 Euro gekostet und nicht 39.

Jackie: Na toll, dann weiß ich auch kein Thema mehr. (resigniert) Was is’n mit deinem Parfüm, haste was gefunden?


Imke: Noch nicht. Es muss ja zum Typ passen. Die Verkäuferin hat mir was Neues von Marc Jacobs empfohlen, passt aber mehr zu einer Blonden.

Jackie: Ach, was für mich? Wie heißt es denn?

Imke: „Daisy“.

(kurze Pause)

Jackie:
Ehrlich, das ist der schlechteste Name für ein Damen­parfüm, den ich je gehört habe. Wobei, so als Titel für eine Kolumne ginge er schon.

Imke: Nee, oder?

Jackie: Ich ruf dich gleich zurück.

Mehr über Cookies erfahren