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Danh Vo über das „Dong Xuan Festival“ und Vietnamesen in Berlin

Danh-Votip: Danh Vo, vor zwei Jahren haben Sie in einem Interview gesagt, Sie wollten nicht an vietnamesischen Ausstellungen teilnehmen. Jetzt tun Sie es beim Vietnam-Festival des Hebbel am Ufer doch. Woher kommt jetzt auf einmal der Sinneswandel?

Danh Vo: Zuallererst, weil ich nicht so dogmatisch bin (lacht). Zweitens: Als ich begann, Kunst zu machen, hatte ich noch Angst davor, in Kategorien gesteckt zu werden, in eine bestimmte Interpretation, in einen bestimmten Diskurs, den ich als gefährlich empfand. Nun ist die Situation eine andere.

tip: Sie nehmen nicht nur mit Kunstaktionen daran teil, sondern haben auch die Plakate für das Festival gestaltet.

Danh Vo: Die Posterkampagne war sogar mein eigentlicher Vorschlag für das Festival. Vietnamesisch ist die einzige Sprache überhaupt, die auf Lateinisch transkribiert wurde von westlichen Missionaren: zuerst den Portugiesen, später den Franzosen. Das wurde die offizielle vietnamesische Schriftsprache. Interessant finde ich, dass die meisten vietnamesischen Flüchtlinge der unteren Klassen trotzdem nie eine westliche Sprache zu schreiben lernen. Dabei kennen sie doch das Alphabet so gut.

tip: Welche Idee steckt hinter den Plakaten?

Danh Vo: Wir gingen zum Dong Xuan Center. An einer Art Schwarzem Brett, wo Jobgesuche dran hängen, Kühlschränke verkauft werden oder was auch immer, haben wir verschiedene Handschriften gefunden, von denen wir dachten, dass sie gut für die Poster passen könnten. Also engagierten wir zehn Schreiber – einer von ihnen ist übrigens mein Vater –, um sie dann handschriftlich herzustellen.

tip: Wieso verschiedene Handschriften?

Danh Vo: Das Festival ist ein kulturelles Event, das sich mit einer bestimmten Gruppe von Menschen beschäftigt, die normalerweise nicht an kulturellen Ereignissen teilnehmen. Also haben wir diese Menschen engagiert, Sachen zu schreiben, die sie nicht unbedingt verstehen. Wir benutzen nur ihre Handschrift. Ich fand diese Idee konzeptionell sehr schön: wie westliche Sprache auf Reisen geht. Sie reist mit den Kolonialisten in ferne Länder und kehrt auf einem Umweg zurück.

tip: Ihr Vater ist auch bei einer weiteren HAU-Performance dabei. Sie lassen ihn den Abschiedsbrief eines französischen, katholischen Missionars malen, der 1861 in Asien enthauptet wurde. Ihr Vater versteht auch nichts von dem, was er dabei schreibt, oder?

Danh Vo: Das ist so ähnlich wie mit den Postern. Es ist ein Problem der kulturellen Szene, dass wir oft auf einem Diskurs-Level verharren. Als ich begann, meinen Vater in meinen seltsamen Projekten teilnehmen zu lassen, fand ich es interessant, zusammen mit ihm Sachen zu machen – und nicht notwendigerweise, dass er sie auch versteht.

tip: Sie gehören zu den sogenannten Boat-People. Ihre Familie stammt aus Südvietnam, das nach dem Vietnamkrieg vom kommunistischen Norden überrollt wurde. Ihr Vater baute einen Kahn, damit flüchtete Ihre Familie aus einem Flüchtlingslager, damals waren Sie noch ein Kleinkind. Das Boot wurde von einem dänischen Schiff auf offener See aufgegriffen. So kamen Sie nach Dänemark, wo Sie aufwuchsen. Später studierten Sie in Frankfurt/Main Kunst. Jetzt leben Sie in Berlin. Gibt es so etwas wie „Heimat“ für Sie?

Danh Vo: Vielleicht. Ich weiß nicht. Noch habe ich sie nicht gefunden.

tip: Können Sie mit dem Dong Xuan Center in Lichtenberg, Berlins größtem Asia-Markt, so etwas wie ein Heimatgefühl verbinden?

Danh Vo: Ich habe eine Geschichte, die das ganz gut illustriert. Als ich zum ersten Mal mit meiner Mutter nach Vietnam kam, war sie seit 25 Jahren nicht mehr dort gewesen. Dann reisten wir dort herum und sie klagte dauernd über alles Mögliche. Die Dinge waren natürlich nicht mehr so wie in ihrer Erinnerung. Nicht nur, weil das Land jetzt vollständig unter kommunistischer Herrschaft stand. Als ich aber dann meine Mutter zum ersten Mal zum Dong Xuan Markt führte, verliebte sie sich sofort in ihn. Man muss daran erinnern, dass dort vor allem nordvietnamesische Menschen ihre Stände und Läden haben, die in der DDR als Arbeitskräfte importiert wurden. Das muss das erste Mal gewesen sein, dass meine Mutter realisierte, wie sehr ihre Geschichte der dieser Menschen gleicht: seit 25 Jahren Emigrant in einem seltsamen Land zu sein, wo man beim Überleben auf sich allein gestellt ist. Deshalb mochte sie den Dong Xuan Markt, selbst wenn er von Kommunisten etabliert wurde. Sie identifizierte sich mit deren Leben. Diese ziemlich starke Verbindung war mir selbst lange Zeit gar nicht bewusst.
Vietnamesen gelten als Beispiel, wie Integration von Migranten funktioniert. So sind sie oft bessere Schüler als die Deutschen. Ich glaube, das ist ein Mythos. In der Politik bedeutet gelungene Integration, so wie ich das verstehe: Du machst nicht viel Lärm. Aber die meisten Vietnamesen sind in Wirklichkeit nicht integriert. Sie kreieren nur ihre eigene Luftblase. Die ist vielleicht nicht so sichtbar wie bei anderen ethnischen Gruppen. In Dänemark habe ich Diskussionen verfolgt, wo es beispielsweise um Türken ging, die auf offener Straße ihre Kämpfe austrugen. Ich behaupte immer, dass sie viel besser integriert sind als die Vietnamesen …

Das gesamte Interview von Autor Erik Heier lesen sie in der aktuellen tip-Ausgabe 24/2010.

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