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Das Aktionsbündnis Free Schwabylon wird viel zu ernst genommen

SchwabylonIn Schwabylon kann sich das moderne Schwabentum ungeachtet überholter Vorurteile und fernab von Anfeindungen durch die Berliner Uranwohner frei entfalten. Hier flanieren Schwaben vorbei an Bioläden, Designboutiquen und sanierten Altbauten. Der jetzige Wasserturm fungiert als Bezirksamt unter dem Namen Hölderlinturm. Wer offizieller Bürger von Schwabylon werden will, der muss einen Einbürgerungstest absolvieren. Dabei zählen entweder schwäbische Soft Skills wie Hölderlin-Gedichte aufsagen und Hegel erklären oder schwäbische Hard Skills wie etwa der Nachweis eines Mindesteinkommens.

In Schwabylon gibt es keine Discountersupermärkte, die Mitarbeiter zu menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen beschäftigen. Denn hier sind die Bürger tüchtig, innovativ und wohlhabend. Deswegen ist Schwabylon wirtschaftlich so stark, dass dank dieses Bezirkes ganz Berlin schuldenfrei ist. In Schwabylon existiert keine totalitäre Ordnung, hier herrschen Friede, Freude und Eierspätzle!

Kann man eine solche Vision ernst nehmen? Natürlich nicht! Umso überraschender ist die breite Berichterstattung über das Aktionsbündnis Free Schwabylon und die Spätzleattacke auf das Käthe-Kollwitz-Denkmal. Sogar die „New York Times“ schrieb über die Forderung eines autonomen Schwabenbezirks. Ominös bleibt die Initiative trotzdem, ihre Mitgliederanzahl will Sprecher Ulrich nicht preisgeben, genauso wenig wie Informationen zur bürgerlichen schwäbischen Existenz der Aktivisten. Man fürchte Übergriffe durch die „autoritäre Berliner Minderheit“.

In der Debatte um den Schwabenhass stoßen Berliner Lokalpatriotismus und die schwäbische Heimatverbundenheit aufeinander. Natürlich sind die zum Symbol für Gentrifizierung gewordenen Schwaben nicht alleine verantwortlich für den Stadtwandel. Aber sie werden das Klischee vom geizigen Besserverdiener nicht mehr los. Davor schützt auch ein kein autonomer Schwabenbezirk. Obwohl die Persiflage vielleicht der richtige Weg ist, damit umzugehen. So, wie ein befreundeter Schwabe, der seit 20 Jahren in Berlin (aber nicht in Prenzlauer Berg) wohnt, mit einem Augenzwinkern sagt: „So schlimm wie jetzt ist der Schwabenhass noch nie gewesen. Das nervt ein bisschen  – vor allem das Fünkchen Wahrheit darin.“ 

Text: Lea-Maria Brinkschulte
Foto: Natalie Moritz

 

Übersichtsseite Kultur und Freizeit in Berlin

 

 

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