Stadtleben

Das Hotel Sehnsucht im Bergmannkiez

sehnsuchtDie Kreuzberger hassen Touristen. Am liebsten würden sie aus ihrem Kiez eine No-Go-Area für Touris machen. So zumindest stellten es die Medien nach der von den Grünen initiierten Diskussionsveranstaltung „Hilfe, die Touris kommen“ dar. Das war Ende Februar. Im Dezember 2010 hatte die autonome Zeitschrift „interim“ zu einer „Antitourismus Kampagne 2011“ aufgerufen. Ihr Vorschlag, um die Gäste loszuwerden: „Geldbörsen und Handys im Vorbeifahren von den Tischen der Fressläden klauen, Autos anzünden, Hotels einwerfen, Müll verursachen, Touri-Busse bewerfen“. Wenige Monate zuvor, im Spätsommer, forderten die Anwohner der Admiralbrücke im ­Graefekiez, die denkmalgeschützte Brücke aus den Reiseführern zu streichen. Sie sind verärgert über den Lärm der nächtlichen Partygäste und den Müll, den sie hinterlassen.

Die Berliner, allen voran die Kreuzberger, scheinen es ernst zu meinen: Touris raus. Unbeirrt wirbt ein Hotel, das vor nicht einmal einem Jahr mitten im Bergmannkiez neu aufgemacht hat, auf seiner Website: „Das Hotel Sehnsucht ist ein geheimer Unterschlupf, eine Basis für abenteuerlustige Berlin Besucher. Unsere Gäste wohnen in Kreuzberg unter Kreuzbergern. Wer hier übernachtet, trifft die Berliner Schnauze.“ Das klingt wie eine Drohung. Dabei soll es bloß eine nette Einladung sein.
Sind die Kreuzberger nun gastfreundlich und ihre Berliner Schnauze bloß eine liebenswerte Masche? Oder sollte man sich als Tourist lieber in Acht nehmen und sich fernhalten? Vielleicht haben sich die meisten ja auch bereits von den Hasstiraden abschrecken lassen und das Hotel Sehnsucht wartet nun vergeblich auf abenteuerlustige Berlin-Besucher.

sehnsuchtAls wir versuchen, ein Zimmer für zwei Leute zu reservieren, bekommen wir die Antwort, dass frühestens in vier Wochen wieder was frei ist. Komplett ausgebucht, seit Monaten. Am ersten Märzwochenende verlassen wir unsere Wohnungen in Friedrichshain mit einem kleinen Rucksack, treffen uns an der Frankfurter Allee und fahren Richtung Gneisenaustraße. Wir sind jetzt Touristen in Kreuzberg, für einen Tag und eine Nacht. Unsere Übernachtung ist eine von mehreren Millionen, die jährlich in der Hauptstadt gebucht werden. Für das Jahr 2010 zählte das Amt für Statistik fast 21 Millionen Übernachtungen und über neun Millionen Ankünfte. Unser Hotelbett ist eins von über 110 000 Gästebetten, unser Hotel eine von 747 Beherbergungsstätten in Berlin. In den letzten zehn Jahren hat sich der Zahl der Gäste verdoppelt.

Das Hotel Sehnsucht hat keine Rezeption im klassischen Sinne. Wir klingeln, durch die Sprechanlage teilt man uns mit, dass wir im Hinterhof vor einer roten Tür warten sollen. Das Haus ist ein ganz normales Wohnhaus in der Gneisenaustraße. Der Hinterhof ist kahl und grau, ein Abstellplatz für Fahrräder und Mülltonnen. Jemand, der sich als Tobias Esterhase vorstellt, holt uns ab und geleitet uns in unsere Suite im ersten Stock, die Moscow Centre Suite. Im Flur begrüßt uns ein Stück nachgebaute Berliner Mauer. Davon sind wir als Touristen natürlich begeistert. Die Zwei-Zimmer-Altbau-Wohnung ist im 50er-Jahre-DDR-Schick eingerichtet. Dass Kreuzberg im Westen ist, ist egal, Hauptsache DDR-Style. Den liebt jeder Berlin-Besucher. Auf dem Regal stehen Spionage-Romane, im Kühlschrank russisches Bier, Krim-Sekt und Wodka, auf dem Nachttisch eine Lenin-Büste, Karl Marx hängt in der Küche. Zwischen Lounge und Schlafzimmer ist in der Wand eine Vitrine, darin eine nachgebaute Kalaschnikow.Bisher gibt es im Hotel Sehnsucht drei Suiten, drei weitere sind geplant. Alle Besatzungszonen sollen repräsentiert werden, die russische und die britische sind schon bewohnbar. Ein Stück Berliner Geschichte als Hotelzimmer verteilt in einem Wohnhaus.

Die anderen Hotelgäste bekommen wir an diesem Wochenende nicht zu Gesicht, auch den Bewohnern des Hauses begegnen wir nicht. Auf Ablehnung sei ihr Hotel unter den Nachbarn bisher nicht gestoßen: „Einige Hausbewohner haben sogar schon nach Übernachtungsmöglichkeiten angefragt“, sagt Klaas Wollstein, der zusammen mit Andreas Borghardt das Hotel betreibt. Feindlich gesinnt gegenüber Touristen ist hier niemand. Vielmehr scheint in der Gneisenaustraße 26 ein friedliches Nebeneinander von Besuchern, Hoteliers und Kreuzbergern unter einem Dach zu herrschen. Wir fragen Tobias Esterhase nach ein paar Ausgehtipps: Restaurants, Bars, Partys, ein nettes Frühstückscafй, das volle Touri-Programm eben. Wir erwarten, in eines der überteuerten Sushi-Restaurants in der Bergmannstraße und in eine Cocktail-Bar geschickt zu werden. Stattdessen empfiehlt er uns ein kleines vietnamesisches Restaurant in der Zossener Straße. Er rät uns von einigen typischen „Touri-Fallen“ ab und lädt uns zu einer Party ein, die Freunde von ihm im Cuccuma veranstalten. Das Cuccuma ist eine kleine Espresso­bar, in der tagsüber Kreuzbergs digitale Bohиme abhängt. …

Die gesamte Reportage von tip-Autorin Katharina Wagner lesen sie in der aktuellen Ausgabe des tip 07/2011.

Hotel Sehnsucht www.hotelsehnsucht.de

Fotos: Katharina Wagner

 

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