Stadtleben

Das Kreuzberger Zentrum wird 40

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Noch kein Hipster weit und breit: Kreuzberg unchic. Foto: Rudi Neumann

Stell einen Rapper davor und der Rest erzählt sich von selbst. ­Betonhärte, Ghettostyle, böse funkelnde Satellitenschüsselaugen. Aggro-Berlin halt. Der Bau ist die ideale Kulisse. Für Klischees. Das Zentrum Kreuzberg am Kottbusser Tor gilt als Hotspot der Kriminalität. Politiker empfahlen schon, es zu sprengen. Ist je nach Blick städtebaulicher 70er-Jahre-Solitär oder Stein gewordener Sündenfall. Ein Hochhaus mit 11 Etagen und schlechtem Image. In diesem Jahr feiert der Block seinen 40. Geburtstag. Wer unter dem halbkreisförmigen Komplex auf der Adalbertstraße durchfährt, mag noch immer denken: Aber hier leben? Nein danke. Dabei produziert das Zentrum seit über zehn Jahren keine Negativschlagzeilen mehr. Das Monstrum hat sich unbemerkt gemausert: vom „Burg-Ghetto der Sozialfälle“ zu Kreuzbergs hippstem Bollwerk gegen die Gentrifizierung.

Seit 2001 zieht die Nachfrage an

Andrea Schindler sitzt in ihrem gemütlich verrümpelten Büro im 3. Stock, Aufgang A, Adalbertstraße 4. Sie schmeißt hier zusammen mit der Kollegin Albin Vynogradova für die Kremer Hausverwaltung den Laden. Auf ihrem Schreibtisch ein Stapel Briefe, „der übliche Mahnlauf, zwei Mal im Monat“. Erinnerungen für säumige Mieter. So weit, so erwartbar. Überraschender wird’s, wenn sie erzählt, dass eine „Wahnsinnsnachfrage“ nach Wohnraum besteht: „Wir sind voll vermietet. Und was die Bewerbungen betrifft, könnten wir den gleichen Bestand noch mal vermieten.“ Was bedeuten würde: noch mal 295 Wohnungen. Schindler zeigt auf ihren Computer: „Hier, ein Di­plom-Ingenieur und Architekt, der schreibt mir seit drei Jahren, dass er im Zentrum eine Wohnung sucht.“

Um 2001 herum zog die Nachfrage an. Quer durch die sozialen Schichten. Wie das zu erklären ist? Schindler zuckt mit den Achseln. „So ein 70er-Jahre-Revival-Ding vielleicht.“ Außerdem gebe es ja auch „Liebhaber dieser Architektur. So umstritten sie ist“. Dazu kommen, klar, die immer noch günstigen Mieten in diesem Komplex, der ein Pionierprojekt des sozialen Wohnungsbaus war. Für Bestandsmieter wurden sie zuletzt 2008 erhöht. Auf 4,99 Euro nettokalt pro Quadratmeter. Bei Neuvermietungen kann der Preis für Menschen mit regulärem Einkommen auf 5,99 Euro steigen. Allerdings sind, weil’s ein riesiges Areal ist, die Betriebs- und Heizkosten hoch. Teurer wird’s für Gewerbetreibende. Die Quadratmeterpreise für die 90 Läden des Zentrums liegen in der Spitze bei 60 Euro pro Quadratmeter. Mittleres Ku’dammniveau.

eues-Zenrum-Kreuzberg-Neues-Zenrum-Kreuzberg-Neues_Zentrum_Kreuzberg_Block_image001Mit Möbel Olfe, Monarch, West-Germany haben sich hier in den vergangenen Jahren eine Reihe von Szene-Bars und -Clubs angesiedelt. Die leben nicht zuletzt vom Trash-Appeal des Kotti-Umfelds. Kaputt ist cool. Die Schickimickisierung der Bewohnerschaft wird aber zugleich konsequent verhindert. „Wir haben eine Warteliste für Mieter aus dem Haus, die sich verändern wollen“, sagt Schindler. Denen die Wohnung zu klein oder zu groß geworden ist. Die werden bevorzugt bedient. Wer von außen kommt, muss sich hinten anstellen. Kein Interesse an solventer Klientel. Würde auch nichts bringen, es gibt im sozialen Wohnungsbau eine Preisbindung. Die Mieten dürfen nur um jährlich 13 Cent pro Quadratmeter steigen. Was die Hausverwaltungsfrau begrüßt: „Ich finde, generell sollte mit Wohnvermietungen kein Profitstreben verbunden sein.“

Bau in bester Skandaltradition

Lesehof, Schwimmbad, Terrassencafй und Kino. Als echtes Wohlfühl-Areal war dieses „Neue Kreuzberger Zentrum (NKZ)“ geplant. „Handels-, Kultur- und Wohnbereich bilden eine zwanglose Einheit mit Künstlern, Hofsängern, Leierkastenmännern und Büchereibesuchern“, versprach der Bauherrenprospekt. In der Realität sah das etwas weniger harmonisch aus. Bauherr Günter Schmidt forcierte vor allem eine rigorose „Entmietung“ der umliegenden Altbauten. Ließ Fenster und Türen des noch teilweise bewohnten Hauses in der Dresdner Straße 131 herausbrechen und sich – wie der „Spiegel“ 1973 berichtete – mit dem markigen Ausspruch zitieren: „Wir wollen nicht, dass sich Gastarbeiter oder ähnliches Gesindel einnisten.“ Im Kreuzberg der Hausbesetzer eine Kampfansage. Entsprechende Gefechte gegen die Sanierungskapitalisten tobten.

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