Stadtleben

Das Schlagerbiz

Die Welt des Schlagergeschäfts scheint wie ein ferner Kosmos, über den viel spekuliert wird, jedoch niemand Genaues weiß. Auf einer einzigen Schlagerparty soll der Kokainkonsum höher liegen als der durchschnittliche Wochen­verbrauch aller Bewohner des Hudson River, New York.
SchlagerbizSchlagerprotagonisten, auf der Bühne rotwangig die heile Welt propagierend, sollen im wahren Leben barbituratenabhängige Psy­chowracks sein, kriminelle Toupetträger mit speckigen Hemds­krägen, und – klar – die Russenmafia steckt im Geschäft mit drin.

An regnerischen Abenden packt mein Freund regelmäßig die Geschichte vom Verwandten dritten Grades aus. Professionell im Schlagergeschäft tätig, tourte der fünf Tage die Woche durch Wirtshäuser und Tanzcafйs. Er verstarb überraschend einen Tag vor seinem 52. Geburtstag: Herzinfarkt. Den Toten fand man aufrecht stehend im Türrahmen seines Einfamilienhauses in Duis­burg, nur der Kopf war an die Seite gelehnt, auf dem Küchentisch Reste weißen Pulvers und eine leere Flasche Obstler.

Eine wahre Geschichte, bestätige ich der Freundin, die mit bestürzter Miene auf dem Sofa sitzt und spekuliert: „Wie abgebrüht müssen die eigentlich sein? Wenn die so viel Kokain konsumieren, bleiben die doch ewig wach – und zur Afterhour hören die dann ihre eigene Musik?“ Unmöglich, da ist sie sicher.

Vor ein paar Wochen hätte ich zugestimmt, doch jemand schickte mir dann den Link zu einem YouTube-Video. An der Schlagerperformance schien zu­erst nichts ungewöhnlich: polierter Sänger Mitte Dreißig, Kurzhaarschnitt, Kragen hoch­ge­schla­gen, Lederjackett, Vier­vierteltakt. Beim Text wurde ich dann stutzig: „… Und sie bleibt bis früh um vier … Und sie hofft, er kommt zu ihr … Und er dämpft das Disco-Licht …“ (Refrain) „Sie liebt den DJ … Sie liebt den DJ“.

Natürlich habe ich überlegt, wo Schlagerinterpret Michael Wendler diesen Input her haben könnte und ob er einen ganz speziellen DJ im Visier hat. Sollte da tatsächlich im „Musikantenstadl“ – versteckt hinterm Weißwürschtl’stand – ein DJ agieren? Oder verbringt Michael Wendler Teile seiner Freizeit auf Techno-Partys? Das würde zumindest die für ein Schlagervideo recht modische Inszenierung von „Sie liebt den DJ“ erklären.

Ist demnach der „ferne Kosmos“ näher, als man denkt, sind sie unter uns, die Schlagerleute? Vielleicht ist’s nur so ein Imageding, und die nachwachsende Generation möchte einfach ein bisschen mehr open minded rüberkommen: weg von den Trachten – hin zum DJ-Pult. Wahrscheinlicher ist, dass M. Wendler hier ganz persönliche Erfahrungen verarbeitet hat, womöglich ist ihm die Exfreundin mit Carl Cox durchgebrannt, eines morgens im Berghain – wäre ja denkbar. Ein Bekannter schwört Stein und Bein, er hätte Wendlers Kollegen, Hansi Hinterseer, bei einem Elek­tro­punkkonzert von Chris Corner (IAMX) gesehen.

Der Freundin, sie arbeitet als Türsteherin in einem Club, zeige ich das Video von Wendler – nein, sei ihr noch nie begegnet, und das ist klar, mit der Jacke kommt der auch nirgends rein, da bräuchte ich mir mal keine Sorgen zu machen, sagt sie, jedenfalls nicht bis zum Sommer.

Mehr über Cookies erfahren