Stadtleben

Das Tacheles ignoriert Räumung

Tacheles BerlinMartin Reiter wünscht sich einen Knirps. „Frau Merkel hat doch wegen der Finanzkrise eine regelrechte Rettungsschirmfabrik eröffnet“, witzelt der Chef des Tacheles-Vereins über die Konjunkturbemühungen der Bundesregierung, „da könnte für uns doch wenigstens so ein kleines Schirmchen dabei sein?“ Keine Frage: Das Tacheles hätte Unterstützung dringend nötig: Seit über einem Jahrzehnt wird über die Immobilie und das umliegende Gelände gestritten – doch in diesem Jahr spitzt sich die Lage zu. Das Tacheles hat ein Ultimatum gestellt bekommen: Am 5. Januar bekam der Tacheles-Verein, der 30 der dort arbeitenden Künstler vertritt, eine Aufforderung, die alte Kaufhausruine zu räumen und die Schlüssel zu übergeben. Eine Aufforderung, die man ignoriert hat.

Und es sind gleich mehrere Streits, die hier an der Oranienstraße schwelen. Da ist zuerst der Investor. Vor zehn Jahren hat die Fundus-Gruppe, der auch das Adlon gehört, das Gelände samt Immobilie vom Bund für 2,8 Millionen Euro gekauft. Der daraufhin geschlossene Mietvertrag ist Ende letzten Jahres ausgelaufen. Doch verwaltet wird das Haus derzeit von einem Hamburger Rechtsanwaltsbüro. Es steht unter Zwangsverwaltung. Das hat die HSH-Nordbank als Gläubigerin der Fundus-Gruppe beantragt. Vom Zwangsverwalter kam auch die Räumungsforderung. Die HSH hat außer­dem eine Zwangsversteigerung des Geländes beantragt, um an ihr Geld zu kommen. In diesem Zusammenhang wird vom Berliner Amtsgericht gerade ein Gutachten über den Wert des Geländes erstellt. „Ein ganz normaler Vorgang“, wie eine Sprecherin versichert. Nur einer, der dauert. Vor Mitte des Jahres wird mit keinem Ergebnis gerechnet. Und bis dahin will keiner etwas sagen. Tacheles redet hier keiner – übers Tacheles noch weniger. Die HSH schweigt. Der Anwalt schweigt. Fundus schweigt.

Tacheles
Und natürlich auch die Kanzlerin. Denn auch wenn das mit dem Knirps ein schönes Bild ist – im Moment ist nicht mal ein kleines Cocktailschirmchen in Aussicht. Denn im Gegensatz zu Banken, Autobauern und Mittelstand fehlt dem Tacheles ein entscheidendes Kriterium: Relevanz. Künstlerisch hat das Tacheles seit Jahren wenig zustande gebracht. Seine Bedeutung liegt nur noch in der Historie: Mit einer Besetzung verhinderte die Künstlerinitiative Tacheles 1990 die Sprengung des Gebäudes. Mittlerweile steht das Haus unter Denkmalschutz. Deshalb hat Martin Reiter zwar recht, wenn er sagt: „Ohne uns Künstler gäbe es das Haus heute doch gar nicht mehr“, und Unterstützung einfordert – doch ein Existenzrecht lässt sich aus der glorreichen Vergangenheit nicht ableiten.
Und auch das Land Berlin hält das Tacheles „derzeit nicht für künstlerisch bedeutend, ge­schwei­ge denn förderungswürdig“, wie ein Mitarbeiter der Kulturverwaltung auf Anfrage zu verstehen gibt. Offiziell sagt er das nicht. Da äußerst sich Sprecher Tors­ten Wöhlert: „Wir hoffen auf eine Lösung mit den Künstlern und freuen uns, wenn der Vertrag verlängert wird“ – konkrete Hilfe für das „private Gebäude“ kann er sich aber ebenfalls nicht vorstellen. Auch eine Vermittlungstätigkeit schließt er im Moment aus. Auch Klaus Wowereit versicherte den Künstlern im letzten Jahr seine Sympathien – sonst aber nichts.

Konkrete Hilfe sieht anders aus. Das ahnt auch Vereinssprecher Reiter. Und im Tacheles besinnt man sich deshalb auf die Wurzeln und geht nach langer Zeit wieder zum Angriff über. Das Tacheles mobilisiert derzeit längst verloren gegangene Kräfte: Eine Werkschau ist zum Thema geplant, dieser Tage erscheint ein „Schwarzbuch Fundus“ – ein 40-Seiten-Pamphlet mit Anklagen gegen den Inves­tor. 30.000 Unterschriften hat man an die HSH-Nordbank geschickt, einen Brief an Horst Köhler ebenfalls und Fundus-Chef August Jagdfeld in Hamburg und Berlin wegen Betrugs angezeigt. Im Grundbucheintrag will der Verein Beweise für Mauscheleien entdeckt haben.
Auch einer Zwangversteigerung sieht man gelassen entgegen: „Wir haben hier 300.000 Euro rein­gesteckt“, sagt Reiter, „ich bin jetzt mal frech und sage, wir gehen davon aus, dass wir damit das Haus samt dem Grundstücksteil von 70 mal 15 Metern, auf dem es steht, kaufen können.“ Und „freiwillig werden wir das Haus sowieso nicht räumen“, gibt man sich kämpferisch.
Mut- und Ideenlosigkeit kann man den Künstlern also nicht mehr vorwerfen. Und vielleicht liegt darin ja die Chance, die sich jetzt bietet und die Tacheles-Künstler zu Krisengewinnlern machen könnte: Wenn es ihnen gelingt, eine Debatte über Finanzkrise, Investoren und deren gesellschaftliche Verantwortung zu entfachen, um so mehr Unterstützung in Öffentlichkeit und Politik zu gewinnen.
Zu wünschen wäre es dem Haus. Ein pseudokünstlerisches Feigenblatt eines Luxuskomplexes wünscht man der denkmalgeschützten Ruine ebenso wenig wie ein Weiter-So im jetzigen krea­tiven Niemandsland. Und wenn alles nicht hilft? Vielleicht verkauft ja eines der Geschäfte, die auf dem umliegenden Gelände irgendwann entstehen sollen, bald günstige Regenschirme.

Text: Björn Trautwein

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